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FC Bayern München und das Umdenken bei der Reserve: Krise mit Ansage

Von Nino Duit

Beim FC Bayern München steckt nicht nur die Bundesliga-Mannschaft in der Krise. Für die viertklassige Reserve läuft es sogar noch weitaus schlechter. Zurückzuführen sind die Entwicklungen auch auf ein generelles Umdenken.

Auswärtsspiele in Burghausen können ziemlich unangenehme Angelegenheiten sein, das weiß Martin Demichelis aus eigener Spieler-Erfahrung. Im Sommer 2007 entging er bei einem DFB-Pokal-Erstrundenspiel in der Wacker-Arena nur knapp einer Blamage. Der damalige Drittligist zwang den FC Bayern München ins Elfmeterschießen: Demichelis vergab, ehe der heutige Vorstandsvorsitzende Oliver Kahn zum Auftakt seiner Abschieds-Saison mit zwei Paraden das Weiterkommen sicherte.

15 Jahre später kehrte Demichelis für ein Meisterschaftsspiel in der viertklassigen Regionalliga Bayern in die Wacker-Arena zurück. Nicht als langhaariger Verteidiger des FC Bayern, sondern als Trainer der hauseigenen Reserve. Diesmal gab es kein glimpfliches Entkommen dank Kahn, diesmal verließ er Burghausen geschlagen. Und wie! 0:5!

Tatsächlich war die Blamage aber kein einmaliger Ausrutscher, sondern die Bestätigung einer besorgniserregenden Entwicklung. Von den vergangenen acht Spielen gewann die Reserve lediglich eines. Macht Tabellenplatz neun mit einem Rückstand von zehn Punkten auf Spitzenreiter Würzburger Kickers und Titelfavorit SpVgg Unterhaching. Während die Krise der Bundesliga-Mannschaft des FC Bayern ziemlich überraschend daherkam, waren die Probleme der Zweitvertretung absehbar. Sie sind das Resultat eines generellen Umdenkens.

In der vergangenen Saison galt noch der sofortige Wiederaufstieg in die 3. Liga als vorrangiges Ziel. Verpasst wurde er nur knapp, letztlich stand Platz zwei hinter der SpVgg Bayreuth. Und nun? "Natürlich versuchen wir, Meister zu werden", sagte Demichelis im Sommer zu SPOX und GOAL. "Aber die Priorität ist es, Talente zu entwickeln."

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FC Bayern München: Die ausgedünnte Reserve

Um den jungen Talenten mehr Einsatzzeiten zu gewährleisten, ließ der FC Bayern die Verträge der erfahrenen Stützen Maximilian Welzmüller (32) und Nicolas Feldhahn (35) auslaufen. Der einzig verbliebene Routinier ist somit Kapitän Timo Kern (32). Aber auch darüber hinaus war der Aderlass im Sommer extrem, selbst für die naturgemäß stets von einer hohen Fluktuation heimgesuchten Zweitvertretung.

Elf der 15 am meisten eingesetzten Spieler der Vorsaison verließen den Klub. Manche fest, manche per Leihe. Gabriel Vidovic wurde beispielsweise bei Vitesse Arnheim geparkt, Torben Rhein bei Austria Lustenau, Bright Arrey-Mbi bei Hannover 96. Generell setzt der FC Bayern an der Schwelle zwischen Nachwuchs- und Profibereich aktuell verstärkt auf Leihgeschäfte, derzeit sind zwölf potenzielle Reserve-Spieler verliehen.

Der Grund: Viele Talente sind in der Regionalliga individuell unterfordert, haben in der Bundesliga-Mannschaft aber gleichzeitig keine Chance auf regelmäßige Einsätze. Bei deutschen Zweitligisten oder Erstligisten in kleineren europäischen Ligen können sie sich besser weiterentwickeln. Als die Reserve in der deutlich anspruchsvolleren 3. Liga spielte, war das noch anders. Da empfahlen sich beispielsweise Jamal Musiala oder Josip Stanisic bei der Zweitvertretung für die Profis.

Die diesjährige Reserve-Mannschaft besteht bis auf wenige Ausnahmen aus Ersatzspielern des Vorjahres, Neuzugängen und dem nachgerückten A-Jugend-Jahrgang. Dieser verfügt jedoch sowohl in der Spitze als auch in der Breite offensichtlich über weniger Qualität als die Vorgänger-Generation, nicht umsonst beendete er die vergangene A-Jugend-Bundesliga-Saison in der Staffel Süd/Südwest auf einem sehr enttäuschenden neunten Platz. Das Finalturnier um die deutsche Meisterschaft war außer Reichweite.

© imago images
Trainer Martin Demichelis liegt mit der Reserve des FC Bayern München in der Regionalliga Bayern aktuell nur auf dem neunten Platz.

FC Bayern: Der Fokus liegt nun auf der Youth League

Zu allem Überfluss muss Demichelis die besten Spieler seiner ohnehin ausgedünnten Mannschaft regelmäßig für die Youth-League-Spiele der U19 abstellen. Bei den vergangenen beiden Regionalliga-Partien fehlten mit Johannes Schenk, Justin Janitzek, David Herold, Angelo Brückner, Lovro Zvonarek, Yusuf Kabadayi und Lucas Copado deshalb sieben nominelle Stammspieler in der Startelf. Nach Einsätzen unter der Woche bei Inter Mailand (2:2) und gegen den FC Barcelona (3:3) sollten sie an den Wochenenden geschont werden.

Vergangene Saison lagen die Prioritäten noch umgekehrt: Als im Oktober 2021 das Regionalliga-Spitzenspiel in Bayreuth mit einem Youth-League-Duell bei Benfica kollidierte, lief die bestmögliche Mannschaft für die Reserve auf und holte ein 1:1. Die U19 verlor in Lissabon unterdessen 0:4, eine von vielen billigend in Kauf genommenen Youth-League-Blamagen. Weil die meisten U19-Spieler bereits im Kader der Reserve standen, trat der FC Bayern in allen Spielen mit einer (teils deutlich) jüngeren Mannschaft als der jeweilige Gegner an. Das Resultat: letzter Gruppenplatz mit einer Tordifferenz von -12. "Für die Bayern hat die Youth League keine Relevanz", beobachtete der damalige U19-Nationaltrainer Hannes Wolf im Gespräch mit SPOX und GOAL.

Nun das Umdenken: Statt auf Sportplätze in Vilzing oder Rain am Lech die Rückkehr in die 3. Liga zu erzwingen, sollen sich die hauseigenen Nachwuchshoffnungen regelmäßig mit europäischen Top-Talenten messen. Konsequent setzt der FC Bayern in der Youth League neuerdings auch auf den erlaubten Einsatz von bis zu fünf älteren Spielern. "Im Vergleich zur vergangenen Saison wollen wir alle Möglichkeiten für die Kaderbenennung ausnützen, die die Altersregeln der UEFA hergeben", sagt Nachwuchs-Leiter Holger Seitz zu SPOX und GOAL. "Unser Fokus liegt auf der persönlichen Weiterentwicklung der Spieler. Dazu gehören in unseren Augen auch wertvolle Erfahrungen in Youth-League-Spielen."

Womöglich spielt aber zumindest im Hinterkopf auch das Prestige eine Rolle. Wie schaut es denn aus, wenn man sich als stolzer Mia-san-mia-Klub im renommiertesten europäischen Nachwuchs-Wettbewerb reihenweise vorführen lässt. Das war nämlich nicht nur in der vergangenen Saison, sondern eigentlich seit Einführung des Wettbewerbs Standard: Bei neun Youth-League-Teilnahmen scheiterte der FC Bayern siebenmal in der Gruppenphase und zweimal im Achtelfinale.

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