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Fussball

Alexander Zorniger im Interview: "Mir geht es einzig und allein um die richtige Aufgabe"

Von Jochen Tittmar

Sie standen im Sommer vor einem Engagement bei Twente Enschede in den Niederlanden. Wären Sie denn bereit für einen neuen Verein?

Zorniger: Mir geht es einzig und allein um die richtige Aufgabe und was ich für mich als befriedigend ansehe - und nicht darum, was für andere Verwirklichung wäre. So weit man das vorab abschätzen kann, muss ich genau hinschauen und sehen, was für eine Aufgabe auf mich zukäme und ob sie zu mir als Trainer, Person und zu meiner aktuellen Erwartung ans Leben passt. Meine Lebenszufriedenheit ist unfassbar hoch, mein Ehrgeiz aber natürlich nicht verloren gegangen.

Inwiefern fehlen Ihnen der Fußball und die Arbeit mit einer Mannschaft?

Zorniger: Grundsätzlich natürlich schon, weil das meine Passion und Profession ist. Mit nichts im Leben habe ich mich mehr auseinandergesetzt als mit Fußball. Ich merke ungefähr seit Februar, dass ich wieder einen anderen Rhythmus brauche als nur den der Kita meiner Tochter. Ich weiß zwar, dass ich für ein paar Entscheider in den Vereinen aus dem Sinn bin, weil ich aus dem Auge bin. Die Fußballwelt ist aber so global, dass es genügend Leute gibt, die auch die dänische Liga im Blick haben. Es war die ganze Zeit beständig Interesse da.

Wie kurz stand eine neue Aufgabe letztlich bevor?

Zorniger: Ich habe mich immer nur dann mit einem interessierten Verein zusammengesetzt, wenn mich die Aufgabe auch wirklich interessiert hat. Doch im Fußball wird man eben genommen oder nicht. Wichtig war mir vor allem, dass es in all der Zeit Vereinsvertreter gab, die mich ernsthaft kennenlernen wollten und sich mit meiner Vita und Person beschäftigt haben.

Wie sieht es mit deutschen Vereinen aus: Spüren Sie da Vorbehalte oder gibt es Interesse an Ihnen?

Zorniger: Beides. Ich spüre, dass verfolgt wurde, was wir bei Bröndby geleistet haben. Ich spüre aber auch Vorbehalte vor allem von Leuten, bei denen der Vorbehalt in ihr Bild von mir passt.

Weil diese Leute vordergründig Ihr Engagement beim VfB im Kopf haben?

Zorniger: Natürlich hat die Zeit in Stuttgart eine gewisse Aussagekraft und sie gehört auch bei mir dazu. Manche Personen sagen zu mir aber, wenn man die Nebengeräusche beiseite lässt, die es um mich gab und die ich auch teils selbst produziert habe, dann ist das einfach ein geiler Fußball, den ich spielen lasse. Ich habe beim VfB Entscheidungen getroffen, die nicht erfolgreich waren und die ich jetzt in der Art und Weise nicht mehr treffen würde - aus fachlicher Sicht.

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Was meinen Sie damit genau?

Zorniger: Gewisse Dinge muss man mit Ruhe begleiten können, denn sonst bekommt man dieses hoch öffentlichkeitswirksame Gebilde nicht unter Kontrolle. Das muss man als Trainer schlichtweg akzeptieren.

Sie hatten einst mit Bröndby in der Europa-League-Qualifikation beim schottischen Klub Hibernian Edinburgh quasi ein Erweckungserlebnis. Dort pfiff man Ihr Team 90 Minuten lang aus, doch nach dem 1:0-Sieg wurde es mit Standing Ovations gefeiert. Seitdem würden Sie gerne einmal auf der Insel trainieren, sagten Sie.

Zorniger: Die Menschen dort lieben das Spiel und respektieren es, auch in der Niederlage der eigenen Mannschaft bei der Bewertung des Gegners und dessen Spielweise. Das steht für mich auch für Werte. Ich habe auch gesehen, dass man dort in der Analyse bei der Trainersuche anders aufgestellt ist. Ich hatte jeweils mit einem interessierten Verein aus der englischen Championship und der schottischen Premier League gesprochen und gefragt, wie man auf mich gekommen sei. Da hieß es: Wir wollen mit einer bestimmten Spielweise agieren und haben, auch teilweise mittels des Moneyball-Prinzips, auf die Zahlen der Trainer geschaut. Sie legten Wert auf Faktoren wie Ballbesitzzeiten des Gegners, Höhe der Balleroberungslinie, herausgespielte Torchancen, expected goals oder expected points. Ich finde diese Herangehensweise positiv, weil es ihnen tatsächlich darum ging, welcher Trainer zu ihrem bevorzugten Spiel passen könnte. Die Vereine wollten sich in ihrer Analyse etwas mehr von Pech oder Glück im Spielverlauf lösen.

Kommt es zu selten vor, dass Vereine eine konkrete Vorstellung davon haben, wie ihr Fußball aussehen soll und erst anschließend der Trainer ausgesucht wird, dessen Spielidee dieser Vorstellung nahekommt?

Zorniger: Ja, das ist immer wieder der Fall. Der Fußball, für den ich persönlich stehe, wird als risikobereiter wahrgenommen. Ist er aber eigentlich nicht, weil er ganz klar für etwas steht. Wenn man aber eine Spielweise hat, die auf Risikovermeidung ausgelegt ist, kann man gar nicht wissen, an welchen Stellschrauben man drehen muss, wenn mal etwas schiefgeht.

Was wäre eigentlich, wenn eine Aufgabe für Sie extrem reizvoll ist und der Verein Sie auch unbedingt haben möchte, dieser aber in der 3., 4. oder 5. Liga spielt?

Zorniger: Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich bin so zufrieden mit dem, was ich in meinem Leben bisher erreicht habe und wie es meiner Familie und mir geht, dass ich mich nur noch an einer Aufgabe orientiere, bei der mir jemand überspitzt formuliert sagt: Alex, wir denken genauso wie du - und jetzt komm' zu uns und wir starten durch. Ob das in einer 3. oder 4. Liga ist, ist dann nicht wichtig. Als ich die Sunderland-Doku mit ihrem sportlich schmerzhaften Verlauf gesehen habe, hätte ich danach am liebsten dort unterschrieben. (lacht)

© imago images / Eibner
Alexander Zorniger während seiner Zeit beim VfB Stuttgart.

Ist es für Sie denkbar, eine Mannschaft ohne große Vorbereitungszeit zu übernehmen, wo jetzt der Ligabetrieb wieder aufgenommen wurde?

Zorniger: Ja, denn ich weiß, dass es den absolut richtigen Zeitpunkt nur höchst selten gibt. Inhaltlich müsste man das dann auf ein paar wesentliche Prozesse reduzieren, mit denen man Dinge einleiten kann, um dann in einer ersten richtigen Vorbereitungsphase Weiteres in Gang zu setzen. Wenn ich Fußball auf vier Bereiche herunterbreche - Spiel mit und gegen den Ball sowie Ballgewinn und Ballverlust -, gibt es in jedem davon Kernprinzipien, an denen man arbeiten und relativ schnell Veränderungen herbeiführen kann.

Sie haben in diesem Gespräch sehr reflektiert und an bestimmten Werten orientiert gewirkt. Gar nicht mehr wie die eher rechthaberische und sture Person, als die Sie manches Mal in Ihrer Zeit in Deutschland wahrgenommen worden sind. Wie blicken Sie nun konkret in Ihre Zukunft?

Zorniger: Wie gesagt: Es geht mir vor allem darum, die richtige Aufgabe zu finden. Und mir selbst klarzumachen, dass ich aus den vielen privaten wie beruflichen Erfahrungen der vergangenen Jahre die richtigen Schlüsse gezogen habe - die aber immer noch zu meiner Persönlichkeit passen.

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