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Fussball

Alexander Zorniger im Interview: "Mir geht es einzig und allein um die richtige Aufgabe"

Von Jochen Tittmar

Wie sind Sie gerade zu Ihrer Anfangszeit bei Bröndby vorgegangen, als Sie das nun angehäufte Wissen noch nicht in der Form hatten?

Zorniger: Zu Beginn war ich noch zu verbissen und ungeduldig. Die dänische Gelassenheit half mir schnell, den Blick auf gewisse Dinge zu verändern. In Kombination mit meiner Disziplin und der Art und Weise, Dinge anzugehen, ergab sich daraus eine von Anfang an erfolgreiche Mischung über zwei Jahre hinweg. Nach den ersten drei Wochen hieß es von manchen in unserem Staff, dass das alles ja schon ziemlich intensiv sei. Ich habe zum Beispiel den Trainingsplan nur wöchentlich bekannt gegeben. Gerade die dänischen Mitarbeiter waren das nicht gewohnt, für sie war ein vierwöchiger Trainingsplan Usus. Der ergab für mich jedoch keinen Sinn, weil ich das Training für den Kernpunkt der Arbeit und des Arbeitstages halte. Wir haben uns letztlich darauf geeinigt, dass der Plan zweiwöchig erscheint. Dass wir dann relativ schnell sehr erfolgreich waren, hat wie ein Brandbeschleuniger dafür gewirkt, dass ich Dinge anders als gewohnt angegangen bin.

Was war dann Ihr erster echter Lerneffekt?

Zorniger: Am ersten Tag wollte ich mich nach dem Training noch mit meinem dänischen Analysten zusammensetzen, um Abläufe zu besprechen. Er verwies darauf, dass er seine Kinder heute früher vom Kindergarten abholen muss und wir das Gespräch erst morgen führen können. In Deutschland schwer vorstellbar. Wir hatten dann am nächsten Tag ein sehr gutes und entspanntes Gespräch und in der Zukunft ein herausragendes und professionelles Verhältnis, von dem ich oft profitierte. Ich hatte mir ohnehin geschworen, dass ich nicht auf Anhieb alles auf den Prüfstand stellen und sofort tiefgründige Entscheidungen treffen werde. Ich wollte sehen, wie Sachen funktionieren, die ich anstoße. Ich muss immer das Gefühl haben, dass alle 100 Prozent geben, habe aber relativ schnell gelernt, dass man die auch in einem zeitlichen Rahmen von vielleicht nur 70 Prozent geben kann. Zudem habe ich im Team mit meinem Manager alle größeren Entscheidungen erst treffen wollen, wenn wir die Dinge für einen Zeitraum beobachten. Weihnachten war hier die Deadline. Natürlich immer mit dem Wissen, dass es auch Entscheidungen gibt, die du manchmal gleich treffen musst.

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Haben Sie dadurch auch gemerkt, dass es womöglich besser ist, weniger Themen ausdiskutieren zu wollen?

Zorniger: Ja. Grundsätzlich muss ich nicht jedes Mal jedem erklären, warum er vielleicht falsch liegt und ich richtig. Das bleibt doch sehr oft auch subjektiv. Ich bin mittlerweile in der Lage, mir meinen Teil auch nur zu denken und versuche nicht mehr, jemandem meine Sichtweise überzustülpen. Das Recht hat man einfach nicht. Ich will kein Dampfplauderer sein, sondern andere Menschen im Fußballfachlichen überzeugen können, aber gleichzeitig bereit sein, selbst fachlich überzeugt zu werden. Im Wissen darum, dass das große Ganze im kurzfristigen sportlichen Bereich immer beim Cheftrainer zusammenlaufen muss.

In Ihrer Zeit in Deutschland lernte man Sie als teils provokativen Typen kennen, der knallhart ehrlich sein konnte. Woher kommt diese Art bei Ihnen?

Zorniger: Ich bin einfach der Meinung, wenn man für gewisse Dinge steht, kann man sie im beidseitigen Interesse auch zeigen - weil ich es mir einerseits wert bin und andererseits den Respekt für mein Gegenüber zeige, indem ich mich mit ihm intensiv auseinandersetze.

Viele Menschen reagieren allerdings mindestens allergisch auf zu große Offenheit.

Zorniger: Ich kann nur für mich sprechen und handeln und nicht für die angesprochenen vielen Menschen. Als meine Kumpels in der Pubertät angefangen haben, Alkohol zu trinken, dachte ich mir: Wenn das jetzt alle machen, ist es irgendwie komisch und nichts für mich. Ohne Wertung trinke ich bis heute keinen Tropfen (lacht). Es ist aber nicht so, als sei ich mit 22 in meinem Denken eine fertige Persönlichkeit gewesen und habe nichts mehr an mir geändert. Ich reflektiere mich in allen Bereichen meines Lebens ständig. Heute weiß ich, dass man zu einem guten Essen auch ein gutes Glas Wein genießen kann. Dieses Gen würde ich in dem Fall auch gerne haben, aber bislang habe ich mich da noch nicht überwunden.

Sie sagten einmal, dass sich das Trainerbild verändern und man als Coach desillusioniert würde. Inwiefern haben Sie Ihre Erwartung an den Job umgestellt?

Zorniger: Man muss einfach akzeptieren, dass man dieses Bild nicht jedes Mal verändern kann. Um eine Situation nicht eskalieren zu lassen, muss man sie - wenn es nichts Essentielles für einen ist - nicht provokativ oder aggressiv angehen, wie ich es teils in der Vergangenheit gemacht habe. Nicht hingehen und sagen: Stopp, so wie du das machst, stimmt es nicht. Sondern: Lass' es uns bitte einmal anders versuchen. Auch das ist typisch dänisch.

Wie handhaben denn andere Trainer, mit denen Sie sich austauschen, ihre eigene Situation und das Leben in der Öffentlichkeit?

Zorniger: Das macht jeder je nach Erfahrungsschatz auf seine Weise. Jeder merkt in diesem Job in sehr kurzer Zeit, dass wir jede Woche öffentlich bewertet werden, ohne dass vielleicht in der Bewertung alle entscheidenden Faktoren für das Handeln des Trainers bekannt sind.

© imago images Ritzau Scanpix
Nach zehn Jahren ohne Titel gewann Bröndby IF unter Alexander Zorniger 2018 den dänischen Pokal.

Was bedeutet das wiederum für Sie als Trainer?

Zorniger: Dass es das gibt, fertig. Sobald ich mein Handeln zu sehr ändere, kann es sein, dass mein Wertekompass nicht mehr stimmt und ich zu viele falsche Entscheidungen treffe oder zu viele falsche Aussagen mache.

Wenn wir schon das Thema Werte streifen: Wie schauen Sie denn auf die Welt an sich?

Zorniger: Ich bin der Meinung, sie ist aktuell mit einem ganz schwachen Wertesystem ausgerüstet, das besonders bei einigen großen politischen Leadern überhaupt nicht mehr stimmt. Ich finde übrigens, dass sich da unsere Kanzlerin positiv abhebt. Es ist doch eine Katastrophe für alle jüngeren Menschen, die gerade aufwachsen, wenn jemand wie Trump suggeriert, dass er eine verlorene Wahl womöglich nicht akzeptieren wird oder für den eigenen Nutzen jedes Mittel recht ist.

Fragen sich letztlich zu wenige, wofür sie eigentlich in ihrem Leben stehen möchten?

Zorniger: Vielen ist der Wertekompass offensichtlich total aus dem Ruder gelaufen. Vor 20, 30 Jahren war es noch eine riesige Schlagzeile, wenn irgendwo ein Mensch erschossen wurde. Heute tangiert das nur noch wenige, weil es nichts Außergewöhnliches mehr ist. Oder schauen Sie sich das Unterhaltungsprogramm im Fernsehen an: Heute hat man Top-Einschaltquoten bei Formaten, die nicht die geringste Wertigkeit haben, weil es keine Balance der Werte mehr gibt. In der Hinsicht: Das kann und darf ich einfach nicht machen, weil es allem widerspricht, was uns vom Tier unterscheidet. Stattdessen werden sofort die niederen Instinkte angesprochen - und das geht dann in viele andere Bereiche über.

Seit Sie bei Bröndby entlassen wurden, hat man zumindest von Deutschland aus betrachtet nicht den Eindruck bekommen, Sie stünden hier besonders im Fokus. Wie sehen Sie das?

Zorniger: Sehr entspannt, da es mir ermöglicht hat, eine gute Balance in meinem Leben zu garantieren.

Wie groß ist denn neben dem familiären der berufliche Anteil Ihrer freien Zeit seit dem Aus?

Zorniger: Ich habe schon während meiner Zeit in Leipzig, Stuttgart und Bröndby Leadership-Seminare gehalten. Zunächst jedoch sehr aus meiner persönlichen Sicht heraus. Ich beschäftige mich auch sehr mit den Philosophien von Kapazitäten im Sport wie zum Beispiel dem Basketballtrainer Phil Jackson, sowohl in Biographien als auch über Serien. Auch die Dokumentation "Sunderland till I die" fand ich sehr lehrreich. Darüber hinaus gibt es natürlich auch ohne Job fast keinen Tag, an dem sich meine Frau bei der Auswahl des abendlichen Fernsehprogramms nicht dem Fußball beugen muss.

Was haben Sie von den unterschiedlichen Sport-Philosophien mitgenommen?

Zorniger: Es hat mir in erster Linie gezeigt, was hinsichtlich des Umgangs mit Führungsstrukturen weiter zu mir passt und wo ich mich noch besser aufstellen muss. Ich bin aber weit davon entfernt zu sagen, dass ich künftig meine Prinzipien komplett umwerfen muss, um weiterzukommen. Du kannst im Sport auf extrem unterschiedlichen Wegen erfolgreich und glücklich werden.

Seite 1: Zorniger über seine neue Ausgeglichenheit und den Königsweg Dänemark

Seite 2: Zorniger über Lerneffekte als Trainer und seine provokante Art

Seite 3: Zorniger über Angebote, Vorbehalte aus Deutschland und geilen Fußball

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