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NFL - Verkehrte Welt in Kansas City: Darum ist die Defense plötzlich die Stärke der Chiefs

Von Jan Dafeld

Die Kansas City Chiefs haben ihre letzten vier Spiele gewonnen, vor allem die Defense des Teams konnte dabei überzeugen. Wieso spielt die Unit plötzlich so stark auf? Und zählen die Chiefs damit wieder zum Kreis der Super-Bowl-Favoriten?

Vier Siege aus den letzten vier Spielen, am Wochenende bezwangen die Chiefs sogar die als Top-Team gehandelten Dallas Cowboys rund um ihren MVP-Kandidaten Dak Prescott. Die Formkurve der Franchise zeigt in der jüngeren Vergangenheit eindeutig in die richtige Richtung.

Kansas City ist zurück an der Spitze der eigenen Division, mit einer Bilanz von 7-4 führt das Team die AFC West an, so wie es fast alle Experten vor der Saison erwartet hatten. Sogar der erste Platz in der AFC und damit eine Bye Week in der ersten Playoff-Runde scheint greifbar. Nur die Ravens und die Titans haben in der Conference aktuell eine bessere Bilanz - und die verloren kürzlich gegen die Dolphins und die Texans, sind also alles andere als unschlagbar.

Sind die Chiefs somit wieder der Favorit in einer an der Spitze schwächelnden AFC? Zählen sie womöglich sogar schon wieder zum Kreis der Super-Bowl-Favoriten?

NFL: Die alten Chiefs sind noch nicht zurück

Noch scheint Vorsicht angebracht, bevor man das Team rund um Quarterback Patrick Mahomes wieder mit solchen Superlativen in Verbindung bringt. Denn auch wenn die Ergebnisse über die letzten Wochen kaum besser sein könnten, die "alten" Chiefs sind noch nicht wieder zurück.

Die Offense hat sich zwar ein wenig gefangen und die absurden Turnover-Zahlen ein klein wenig reduzieren können, zur offensiven Dominanz der Vorjahre fehlt aber noch einiges. In den letzten fünf Spielen erzielten die Chiefs nur einmal mehr als 20 Punkte. Zum Vergleich: Den Jaguars gelang dies im gleichen Zeitraum genau so häufig, den Jets und Giants sogar öfter.

Allerdings: Die Defense der Chiefs spielt mittlerweile klar besser als noch zum Saisonstart. Über die letzten Wochen präsentiert sich die Defense sogar auf einem höheren Niveau als in irgendeinem der letzten Jahre, die Super-Bowl-Saison 2019 mit eingeschlossen.

Während ihrer Siegesserie ließ die Franchise kein einziges Mal mehr als 17 Punkte zu. In vier Spielen kassierte Kansas City insgesamt nur 47 Zähler, weniger als 12 Punkte pro Spiel.

Kansas City Chiefs: Die Defense als Stärke

Und die Leistungen der Chiefs-Defense gehen über die reinen Boxscore-Statistiken hinaus. Auch die sogenannten Advanced Metrics belegen den defensiven Erfolg des Teams im November.

In der aussagekräftigen Statistik EPA/Play belegen die Chiefs seit Woche 8 ligaweit den sechsten Rang. Nur ein Team ist über diesen Zeitraum klar besser: die New England Patriots. Kansas City rangiert sowohl gegen den Run als auch gegen den Pass besser als der NFL-Durchschnitt. Eine Tatsache, die noch vor einigen Wochen nahezu unmöglich zu sein schien.

Doch woher kommt der Aufschwung der zu Beginn der Spielzeit noch so gescholtenen Defense von Defensive Coordinator Steve Spagnuolo? Eine der Erklärungen für die zuletzt besser werdenden Leistungen der Unit ist das eigene Personal.

Die Chiefs sind seit Jahren besonders abhängig von den Leistungen ihrer Top-Stars - wahrscheinlich mehr als irgendein anderes Team. Der Fokus bei der Zusammenstellung des Kaders lag vor allem darauf, möglichst starke Leistungsträger auf wichtigen Positionen zu bekommen, die auch entsprechend bezahlt wurden. Die Breite und Tiefe wurden zugunsten dieser Stars vernachlässigt.

Dadurch lassen sich sowohl die Probleme in der Offense, in der Mahomes, Travis Kelce und Tyreek Hill alle kleinere und größere Formkrisen durchmachten, als auch die deutliche Verbesserung der Defense erklären. Im Fokus muss dabei besonders ein Spieler stehen: Chris Jones.

Chiefs: Chris Jones dominiert in neuer, alter Rolle

Jones, seit Jahren einer der besten Defensive Tackles in der NFL, wurde zu Beginn dieser Saison in einer neuen Rolle eingesetzt: De 27-Jährige spielte vermehrt als Edge Defender, attackierte die gegnerische Offensive Line sowie den Quarterback also von einer der äußeren Positionen in der Defensive Line, nicht mehr von innen. Der Impact, den Jones in dieser Rolle hatte, war gegenüber den Vorjahren allerdings deutlich geringer.

Über die letzten Wochen wurde Jones wieder klar als Interior Rusher eingesetzt und spielte gleich wieder stärker. Das wurde insbesondere gegen die Cowboys deutlich: Jones dominierte seine direkten Gegenspieler und riss das Spiel an sich. Er verbuchte 3,5 Sacks und 7 Pressures, forcierte und sicherte einen Fumble und fälschte einen Pass so ab, dass er in den Händen von Mitspieler L'Jarius Sneed landete - ein absolutes Monster-Spiel!

Über die letzten vier Spiele der Chiefs kam Jones somit auf 4,5 Sacks sowie 8 Quarterback Hits. Zuvor hatte er in der gesamten Saison gerade mal vier 4 Quarterback Hits sammeln können. Der zweimalige All-Pro spielte in der ersten Saisonhälfte nicht nur auf einer ungewohnten Position, sondern laborierte auch an einer Handgelenksverletzung, zwei Spiele verpasste er zudem aufgrund von Fersenproblemen.

Kansas City Chiefs mit beeindruckendem Pass-Rush

Die klare Leistungssteigerung von Jones hat einen bis dahin äußert zahnlosen Pass-Rush auf ein neues Level gehoben: Die Sacks stellten sich zwar erst gegen die Cowboys ein, doch auch in den vorherigen Spielen übte Kansas Citys Line deutlich häufiger Druck auf den gegnerischen Quarterback aus.

Jones spielt dabei eine zentrale Rolle, ist jedoch nicht der alleinige Grund. Vor drei Wochen holten die Chiefs Melvin Ingram per Trade aus Pittsburgh. Der 32-Jährige hat bislang zwar noch keinen Sack verbuchen können. Seine Präsenz an der Line of Scrimmage ist laut den eigenen Coaches jedoch deutlich spürbar.

Mit Jones, Ingram, Jarran Reed und Frank Clark können die Chiefs nun einen Four-Men-Rush aufbieten, der sich auf dem Papier mehr als nur sehen lassen kann. Davon profitieren die Spieler auch individuell: Clark, der seit seiner Verpflichtung aus Seattle bislang weitestgehend eine Enttäuschung war, machte gegen die Cowboys ebenfalls sein bislang bestes Spiel der Saison.

Kansas City Chiefs: Deutlich kleinere Rolle für Daniel Sorensen

Auch in der Secondary hat Spagnuolo über die letzten Wochen Veränderungen vorgenommen. Die wahrscheinlich auffälligste und womöglich auch wichtigste: Daniel Sorensen, der zu Beginn der Saison geradezu wöchentlich ein Big Play zuließ, spielt mittlerweile deutlich weniger.

Über die ersten fünf Wochen der Saison wurde der Defensive Back noch als klassischer Safety eingesetzt, Sorensen spielte knapp 100 Prozent der defensiven Snaps. Über die letzten Wochen wurde seine Rolle allerdings deutlich verkleinert. Der 31-Jährige spielt mittlerweile vor allem in Dime-Packages und steht somit bei weniger als der Hälfte der defensiven Plays auf dem Feld.

Sorensens Rolle in der Defense hat Juan Thornhill eingenommen. Er übernimmt seit Woche 6 die Rolle des Starting Safetys neben Tyrann Mathieu und ließ dabei deutlich weniger Plays zu als Sorensen, der selbst in seiner limitierten Rolle noch bei Touchdown-Throws von Jordan Love und Daniel Jones negativ auffiel.

Chiefs profitieren von einem angenehmen Spielplan

Die Namen von Love und Jones deuten allerdings auf einen weiteren Grund für den jüngsten Höhenflug der Chiefs-Defense hin, der nicht zu vernachlässigen ist: Der Spielplan über die letzten vier Wochen war für eine Defense durchaus angenehm.

Die Giants sind eine der schlechtesten Offenses der Liga, die Packers mussten ohne Aaron Rodgers und mit Jordan Love in dessen NFL-Startdebüt spielen. Die Raiders wiederum haben seit Oktober in keinem Spiel mehr als 16 Punkte erzielen können.

War wenigstens der Auftritt gegen die Cowboys in der Vorwoche ein echtes Statement? Jein. Prescott spielte zwar und wurde von Kansas Citys Defense vor große Probleme gestellt, Dallas musste offensiv allerdings auch auf Tyron Smith und Amari Cooper verzichten, zudem fiel CeeDee Lamb große Teile des Spiels aufgrund einer Gehirnerschütterung aus. Es lässt sich argumentieren, dass den Cowboys somit drei ihrer vier wichtigsten Offensiv-Spieler fehlten.

NFL: Es gibt keine dominante Defense mehr

Die Anmerkung, dass die Chiefs zuletzt auch von einem angenehmen Spielplan sowie zahlreichen Problemen in gegnerischen Offenses profitierten, soll die Leistungen aber gar nicht schmälern. Was für die Chiefs gilt, gilt mittlerweile wohl für alle Teams in der Liga. Defenses sind immer mehr davon abhängig, wem sie gegenüberstehen.

Die NFL im Jahr 2021 ist und bleibt weiterhin eine Liga, die vor allem von Offenses kontrolliert wird. Das gilt nach wie vor, auch wenn sich über die letzten Wochen mehrere hochgelobte Offenses - und insbesondere ihre Quarterbacks - schwer taten. Die Tatsache, dass einzelne Matchups Woche für Woche wichtiger zu werden scheinen, unterstreicht diesen Trend nur weiter.

Beispiele für diese Entwicklung gibt es genug: Die Cardinals stellen laut EPA/Play in der laufenden die Saison die bislang stärkste Defense der NFL, kassierten allerdings 33 Punkte von den Vikings. Die Bills wiederum bekamen in der Vorwoche 41 Punkte von den Colts eingeschenkt und ließen auch schon 34 Zähler durch die Titans zu. Die Patriots dominierten zwar zuletzt die Panthers, Browns und Falcons, wurden im Oktober aber auch von den Cowboys überrollt.

Eine Defense, die praktisch Woche für Woche dominieren kann, so wie in den letzten Jahren zum Beispiel die Steelers oder die Jaguars gibt es in dieser Spielzeit schlicht nicht. New England scheint einem solchen Status aktuell am nächsten, trifft in den kommenden vier Spielen allerdings auch auf die Titans, die Colts und zweimal die Bills. Dass die Patriots ihre Dominanz der letzten Wochen über diesen Zeitraum beibehalten können werden, darf bezweifelt werden.

NFL: Laufen die Chiefs genau zum richtigen Zeitpunkt heiß?

Was bedeutet dies nun für die Chiefs? Ihre Defense kann und wird sie in dieser Saison nicht zum Titel tragen. Das ist allerdings auch kein Problem.

Die Offense war seit Mahomes' Ankunft immer die Stärke des Teams. Zu diesem Status müssen Andy Reid und Co. zurückkehren. Und die Tendenz geht in die richtige Richtung: Während ihrer Siegesserie stellten die Chiefs zumindest wieder eine überdurchschnittliche Offense. Die Big Plays sind zwar seltener geworden, die absurden Turnover konnten jedoch auch etwas zurückgeschraubt werden. Gegen die Broncos, Raiders, Chargers und Steelers - allesamt keine schlechten Defenses - wird das Team diese Tendenz nun bestätigen müssen.

Finden Mahomes, Kelce und Hill rechtzeitig vor dem Beginn der Playoffs wieder in die Spur, kann Kansas City im Verbund mit der verbesserten Defense auch in dieser Saison gefährlich sein. Die Defense muss nicht dominieren, darf allerdings auch nicht von der eigenen Offense zum Sieg getragen werden müssen. Eine solche Formel könnte am Ende der Saison womöglich tatsächlich zum Super Bowl reichen. Denn wirklich dominant wirkt zum aktuellen Zeitpunkt kein anderes Team in der NFL.

"Es kommt nicht darauf an, wie du startest. Es zählt, wie du die Saison beendest", sagt auch Jones. "Es ist ein Marathon, kein Sprint. Du wirst schwere Zeiten durchmachen. Das haben wir gemacht. Jetzt, wo langsam alle wieder fit werden, bauen wir unsere Chemie wieder auf."

Womöglich läuft Kansas City tatsächlich genau zum richtigen Zeitpunkt der Saison heiß.

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