NFL

Running Backs, Analytics, Twitter-Streits: Was Ihr vor Saisonstart wissen müsst

Von Adrian Franke

Die neue Saison rückt näher, die Diskussionen laufen längst auf Hochtouren - in der diesjährigen Offseason noch ein Stück weit mehr als in früheren Jahren. Das liegt an einem massiven Anstieg an statistischen Analysen unter anderem auf Twitter, die mehr und mehr etablierte Ideen hinterfragen und damit auch manchen Ex-Spieler zur Weißglut bringen. SPOX gibt Euch den Überblick über den aktuellen Diskurs und sagt Euch, was Ihr vor Saisonstart wissen solltet, wenn es an die Analyse von Spielen und Spielern geht.

Wirklich zum Stillstand kamen die Debatten in den sozialen Medien seit dem Super Bowl nie. Im Fokus stets: Wie wichtig ist das Run Game, und wie wichtig ist ein Running Back in der modernen NFL?

Hatte Todd Gurleys Ausfall nicht gezeigt, wie leicht er ersetzbar ist? Sollte ein Team in der ersten Runde überhaupt noch einen Running Back draften? Haben die Jets nicht viel zu viel für Le'Veon Bell bezahlt?

So richtig ins Rollen kamen die Gespräche dann vor einigen Tagen mit den Holdouts von Ezekiel Elliott in Dallas und Melvin Gordon bei den Chargers, kombiniert mit der Frage danach, ob die Cowboys und Chargers für ihre Star-Running-Backs wirklich tief in die Tasche greifen sollten.

Dabei konnte man klar zwei Fronten erkennen. Auf der einen Seite diejenigen, die vehement dafür argumentieren, dass die beiden elementare Rollen in ihren Offenses haben und unbedingt bezahlt werden müssen. Auf der anderen Seite diejenigen, die betonen, dass beide trotz enormer individueller Stats vergleichsweise einfach ersetzbar sind und dass die Total Stats über eine für viele schwer verdauliche Wahrheit hinwegtäuschen: Running Backs, zumindest was das Run Game angeht, sind austauschbar.

Cowboys: Jerry Jones - ein Analytics-Verfechter?

Die zweite Gruppe erhielt Anfang der Woche von unerwarteter Seite Unterstützung, als Cowboys-Besitzer Jerry Jones in einem Interview mit CBS11 Sports erklärte: "Man muss nicht den Rushing-Champion haben, um einen Super Bowl zu gewinnen. Das ist eines der Probleme auf der Position in der heutigen NFL: Die Liga weiß, dass man Super Bowls gewinnen kann, ohne einen Emmitt Smith oder Zeke im Backfield zu haben."

Natürlich ist diese Aussage mit dem massiven "Aber" zu versehen, dass Jones pokert und versucht, öffentlich Druck auf Elliott auszuüben. Ob er wirklich davon überzeugt ist, dass man Running Backs nicht teuer bezahlen sollte? Das werden die kommenden Wochen vermutlich zeigen.

Doch ob gewollt oder nicht, Jones hat mit seiner Aussage genau den Nerv der Zeit getroffen und das ausgedrückt, was Portale wie Pro Football Focus oder Football Outsiders bereits seit einer Weile betonen und noch ausbauen: Teure Ressourcen, sei es im Draft oder finanziell, in die Running-Back-Position zu stecken ist nicht nur nicht notwendig - es kann die eigenen Titelchancen sogar verkleinern, wenn dadurch andere, wichtigere Baustellen nicht adressiert werden können.

Zusammengefasst: Was müsst ihr für die kommende Saison wissen? Worauf gilt es zu achten, wenn man Spiele und Spieler analysiert? SPOX bringt euch auf den Stand.

Die analytischen Erkenntnisse des aktuellen Wissensstands im Überblick:

  • Das Passing Game ist um ein Vielfaches effizienter als das Run Game.
  • Teams werfen zu wenig bei First und Second Down.
  • Play Action ist effizienter als das reguläre Passing Game.
  • Ein (un)erfolgreiches Run Game hat keinerlei Auswirkungen auf den Erfolg des Play Action Passspiels.
  • Ob ein Run Game gut ist oder nicht, hängt nur zu einem minimalen Faktor vom Running Back ab.

Erklärung: Was sind "Expected Points Added"?

Bevor es weiter in die Analyse geht, muss eine Statistik erklärt werden. Total Stats, wie schlicht die gesamten Rushing- oder Passing-Yards eines Spielers in einer Partie oder einer Saison, sind mit extremer Vorsicht zu genießen; insbesondere, da ihnen jeglicher Kontext fehlt. Kam ein Großteil der Yards spät in Spielen zustande, wenn man bereits sicher vorne oder deutlich hinten lag und die Partie entschieden war? Wie wertvoll ist der Beitrag eines Spielers oder eines Spielzugs?

Ein ganz konkretes Beispiel: Die Chiefs sind durch einen langen Pass von Patrick Mahomes bei Third Down bis an die gegnerische 2-Yard-Line gekommen. Von dort aus drückt Running Back Damien Williams den Ball dann zum Touchdown über die Goal Line. Die Total Stats geben Mahomes zwar die Yards, der (für Fantasy Football so wertvolle) Touchdown aber steht auf Williams' Konto.

Und diese Beispiele kann man beliebig fortsetzen. Eine 8-Yard-Completion bei Third-and-7 ist immens wertvoller als eine 18-Yard-Completion bei Third-and-20. In den Total Stats wird das nicht berücksichtigt.

"Expected Points Added" bringt Kontext in diese Statistiken. Basierend auf Play-by-Play-Statistiken, die mehrere Jahrzehnte umfassen, wurde eine Formel entwickelt, um jeder einzelnen Spielsituation einen Wert zu geben. Third-and-6 an der eigenen 24-Yard-Line hat einen komplett anderen Wert als First-and-Goal an der gegnerischen 7-Yard-Line, da im ersten Fall Punkte deutlich unwahrscheinlicher sind.

Eine jede Spielsituation hat also auf der Basis der historischen Daten "Expected Points" zugeschrieben bekommen. First-and-Goal an der gegnerischen 1-Yard-Line hat einen EP-Wert von fast sechs Punkten, der Touchdown ist ja beinahe schon erreicht. Wer den Ball hier also über die Goal Line befördert, erhält nur wenige zusätzliche Punkte - das sind die "Expected Points Added". Third-and-20 an der eigenen 1-Yard-Line dagegen hat einen EP-Wert von rund -2. Gelingt der Offense hieraus ein neues First Down, gibt es mehr "Expected Points Added" als für den 1-Yard-Touchdown.

So lässt sich besser herausfiltern, welcher Mannschaftsteil einen wie großen Einfluss auf die Punkte der Offense hatte. Die Kansas City Chiefs beispielsweise kamen 2018 auf 35,81 Expected Points Added ("EPA" im weiteren Verlauf) durch ihr Run Game, gleichbedeutend mit dem ligaweit vierten Platz. Ihr Passing Game dagegen? Hier belegten die Chiefs Platz 1 - mit 266,71 EPA.

1. Erkenntnis: Passing Game ist viel wichtiger als Run Game

Wenn man nur eine Erkenntnis aus diesem Artikel mitnehmen möchte, dann sollte es diese sein: Das Passing Game ist um ein Vielfaches effizienter, konstanter und wichtiger als das Run Game, und so etwas wie "Establish the Run" - also die Idee, dass man das Run Game manifestieren muss, damit es im weiteren Spielverlauf besser funktioniert und Räume für das Passspiel öffnet, gibt es nicht. Egal, wie häufig Coaches das betonen.

Und das tun sie.

Kurz nach dem Playoff-Aus gegen die Cowboys im Januar - das ich aus Seahawks-Sicht genau dahingehend damals ausführlich kritisiert hatte - war Seattles Offensive Coordinator Brian Schottenheimer bei ESPN zu Gast. Schottenheimer wurde natürlich nach der Run-lastigen Strategie in jenem Spiel gefragt. Seine Antwort: "Als Play-Caller muss man herausfinden, was man machen will. Wir wollen ein ausbalanciertes Team sein, und wir wollen den Run manifestieren."

Nicht gut.

Josh Hermsmeyer hat in seinen Studien herausgearbeitet, dass die Seahawks während der vergangenen Saison keine 3-Play-Sequenz häufiger gespielt haben als "Run-Run-Pass", also zwei Rushing- und dann einen Passing-Spielzug. In 26 Prozent der Fälle war das ihr Ansatz bei First Down, damit lagen sie zehn Prozent über dem Liga-Schnitt.

Erfolgreich waren sie dabei mit einer Success-Rate (Prozentsatz der Spielzüge mit positivem EPA-Wert) von 41,2 Prozent nicht. Begannen sie 3-Play-Sequenzen mit einem Pass, schoss dieser Wert auf bis zu 88,9 Prozent (Pass-Run-Run) hoch und war nie niedriger als 50 Prozent.

Das führt zu einem ganz eigenen Punkt, den man ebenfalls nicht häufig genug betonen kann: Passen bei First Down ist deutlich effizienter als Laufen bei First Down.

Für viele geht das komplett gegen den eigenen Football-Instinkt. First Down wird häufig als Möglichkeit gesehen, um in ein kürzeres Second und daraus in ein kürzeres Third Down zu kommen. Die Idee dahinter ist, lieber mit einem First-Down-Run drei Yards raus zu holen, statt zu riskieren, dass ein First-Down-Pass in einer Incompletion endet und man bei Second Down immer noch zehn Yards überbrücken muss.

15 der 32 Teams liefen 2018 bei First Down in mehr als 50 Prozent der Fälle. Der Liga-Schnitt bei First-Down-Runs lag bei 4,5 Yards pro Run. Bei First-Down-Pässen? 7,7 Yards. In 47 Prozent der Fälle erreichten Offenses mit Pässen bei First Down mindestens fünf Yards, die gleiche Marke wurde mit First-Down-Runs nur in 32,8 Prozent der Fälle geschafft. Kein Team hatte bei First-Down-Pässen weniger als 6,3 Yards pro Pass, kein Team hatte bei First-Down-Runs mehr als 5,3 Yards pro Run.

Der Ansatz, mit einem Run bei First Down also einen "sicheren" Raumgewinn zu erzielen, ist statistisch schlicht falsch. Hermsmeyers Auswertungen haben ergeben, dass von 2009 bis 2018 die erfolgreichsten 3-Play-Sequenzen "Pass-Run-Run" und "Pass-Pass-Run" sind.

Bei Early Downs zu werfen und bei Late Downs zu laufen, das ist der Schlüssel. Nicht umgekehrt, wenn man sich gegen eine Base-Front in lange Second und Third Downs gelaufen hat und dann die Defense weiß, dass ein Pass bei Third Down kommt.

Und fraglos werden einige mit dem erhöhten Turnover-Risiko eines Passes dagegenhalten. Allerdings wurden NFL-Teams über die letzten Jahre nicht nur Pass-lastiger, sie wurden dabei auch effizienter und warfen prozentual mehr Touchdowns und weniger Interceptions.

Passing-Stats der letzten 13 Jahre:

JahrPässeCompletion PercentageTD PercentageINT PercentageAdjusted Net Yards pro Pass
201834,564,9%4,8%2,4%6,3
201734,262,1%4,2%2,5%5,9
201635,763%4,3%2,3%6,2
201535,763%4,6%2,4%6,3
201434,962,6%4,5%2,5%6,1
201335,461,2%4,4%2,8%5,9
201234,760,9%4,3%2,6%5,9
20113460,1%4,3%2,9%5,9
201033,760,8%4,3%3%5,7
200933,360,9%4,2%3,1%5,6
200832,361%3,9%2,8%5,7
200733,361,2%4,2%3,1%5,5
20063259,8%4%3,2%5,4

Zahlen von Pro Football Reference. Dargestellt ist der Durchschnitt pro Team pro Spiel. Die Formel für "Adjusted Net Yards" beinhaltet Yards, Touchdowns, Interceptions und Sacks.

Bei aller Kritik an den Early-Down-Strategien der meisten Teams ist gleichzeitig jedoch auch ein Umdenken festzustellen. Teams liefen 2018 nur noch 25,9 Mal pro Spiel, der niedrigste Wert aller Zeiten.

Mehrere NFL-Analysten wie etwa Warren Sharp hatten bereits vor Jahren herausgearbeitet, dass es keinerlei statistischen Zusammenhang zwischen einem guten Run Game und Siegen in der NFL gibt. Diesen Zusammenhang liefert das Passspiel. Dass erfolgreiche Teams häufiger mehr laufen, liegt meist daran, dass sie bei eigener Führung spät im Spiel auf das Run Game setzen, um möglichst viel Zeit verstreichen zu lassen.

Ein Grund für diese deutliche, wachsende Diskrepanz sind fraglos Regeländerungen, die das Passspiel über die letzten Jahre bevorzugt haben und etwa Receivern das sich Lösen vom Gegenspieler deutlich vereinfachen. Ein anderer sind Weiterentwicklungen im Passspiel rein aus schematischer Sicht sowie damit einhergehend der Trend zu mehr 3-Receiver-Sets.

Darüber hinaus erkennen Teams aber auch ganz schlicht und ergreifend zunehmend, dass das Passspiel erfolgsversprechender ist. Im Run Game müssen viel mehr einzelne Teile ineinander greifen, damit ein Spielzug ein Erfolg ist - und selbst dann wird man weniger Yards pro Spielzug und weniger EPA erzielen als mit einem durchschnittlichen Passing Game. Ganz zu schweigen von dem Vergleich, wenn auch im Passspiel alle Teile erfolgreich ineinander greifen.

In der vergangenen Saison kamen Teams auf 6,3 Adjusted Net Yards pro Pass, einen höheren Wert hat es noch nie gegeben. Auch der durchschnittliche Raumgewinn pro Run markierte den historischen Spitzenwert - mit 4,4 Yards pro Run. Selbst die desolate Cardinals-Offense im Vorjahr, die das abgeschlagene Schlusslicht bildete, lag mit 4,6 Net Yards pro Pass noch darüber.

Seite 1: Expected Points Added und Passing schlägt Running

Seite 2: "Establish the Run" existiert nicht

Seite 3: Der große Mythos Play Action

Seite 4: Running Backs don't matter?

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