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NBA - Oral History über den kometenhaften Aufstieg von Jeremy Lin: Wie Linsanity die Welt eroberte

Von Philipp Jakob

Dan D'Antoni: In diesen paar Wochen war er der beste Spieler der Liga. Dass es so weit kommt, habe ich natürlich nicht gedacht. (lacht). Das war eine lustige Zeit.

Tommy Amaker: Wir alle brauchen ein wenig Glück und gutes Timing. Beim Start von Linsanity sind verschiedene Faktoren zusammengekommen - der Lockout, viele Verletzungen, dass die Knicks nicht gut gespielt haben. All das hat Jeremy diese Chance eröffnet und er war bereit, sie zu nutzen.

Landry Fields: Mein persönliches Highlight ist das Spiel gegen Toronto, als er den Gamewinner traf. Ich stand in der Ecke und Tyson Chandler wollte einen Screen stellen. Jeremy winkte ihn einfach nur weg. In dem Moment dachte ich: Keine Chance, dass dieser Ball nicht drin ist. So wie die Story bis zu diesem Punkt verlief ... dieser Wurf musste einfach reingehen.

Mike Breen (via ESPN Daily, 2022): Wir waren in Toronto und spielten gegen die Raptors. Bei der Vorstellung der Starting Lineups habe ich noch nie einen lauteren Jubel für einen Spieler des Gästeteams gehört.

Evan Jackson Leong: Das ganze Spiel über waren die Knicks am Verlieren. Es wurde immer enger und enger und dann kontrollierte Jeremy das Ende der Partie. Er hat ein Clutch-Gen, das man einfach nicht erlernen kann.

Mike Breen (via ESPN Daily, 2022): Natürlich wurde das Spiel erst mit dem letzten Wurf entschieden und natürlich versenkte er den Dreier zum Sieg.

"Lin puts it up ... Bang! Jeremy Lin from Downtown and the Knicks take the lead. Linsanity continues."

Linsanity erobert New York: "Ganze Stadt hinter sich vereint

Dan D'Antoni: Linsanity war einer der Höhepunkte meiner Karriere als Assistant Coach in der NBA. Die Liga lebt von ihrer Star-Power und wenn du einen aufstrebenden Underdog hast, dann ist die Geschichte umso besser. Dadurch entsteht eine Begeisterung, die man nicht künstlich schaffen kann.

Landry Fields: Die Stimmung in der Stadt war einfach geil. Wenn die Knicks erfolgreich sind, dann ist ganz New York elektrisiert. Jeremy war ein Star unter den Stars, auf den Straßen wurde er gefeiert, jeder war Feuer und Flamme für die Knicks. Jeder erinnert sich daran, wo er war, als Linsanity über die Stadt rollte.

Dan D'Antoni: Egal, ob man verliert oder gewinnt, es ist immer etwas ganz Besonderes, in New York zu spielen. Dort herrscht eine ganz besondere Aura aufgrund der Fans, der ikonischen Kulisse im Madison Square Garden. Kurz gesagt, es ist eine riesige Show, was aber auch den Druck auf die Spieler erhöht. Es ist schwer, sich in New York durchzusetzen, aber wenn man mal einen Lauf hat wie Jeremy, dann kannst du diese Energie in der ganzen Stadt und im Garden spüren.

Jeremy Lin (im Interview mit SPOX): Eine Woche zuvor konnte ich hingehen, wohin ich wollte. Aber auf einmal warteten überall Paparazzi, selbst vor der Wohnung meiner Oma. Manche Leute versteckten sich in Büschen, sprangen heraus und packten mich, um ein Foto zu machen. Andere fanden irgendwie meine Adresse heraus, klingelten bei mir und stellten ihren Fuß in die Tür, als ich sie schließen wollte. Das war verrückt. So toll die Zeit auch war auf dem Court, abseits davon war es beängstigend.

Evan Jackson Leong: New York City war komplett verrückt. Ich als Asiate konnte durch die Straßen laufen und wildfremde Menschen haben mir High Fives gegeben nach dem Motto: "Jeremy, das ist dein Junge." Das war das erste Mal, dass ein Asian American solch ein Niveau auf solch einer Bühne erreicht hatte.

Dan D'Antoni: Auf dem nationalen Level hat es den Hype nochmal vergrößert, da es nun mal New York City war. Wenn Linsanity in Phoenix oder Oklahoma City passiert wäre, dann wäre die Region auch ausgerastet. Aber da es sich um New York City handelte, hat sich der Hype schneller und intensiver in der ganzen Nation ausgebreitet.

Landry Fields: New York City ist definitiv ein Faktor bei Linsanity. Das macht es einfach nochmal ein Stück weit bedeutsamer. New York ist ein Schmelztiegel von verschiedenen Kulturen und Ethnien und da ist ein Mann, der die gesamte Stadt trotz all der unterschiedlichen Menschen hinter sich vereint.

Frank Chi: Der wichtigste Grund für diesen immensen Hype war, dass ein Typ mit einem asiatischen Gesicht - der eben nicht 2,13 Meter groß ist - gefühlt 30 Punkte pro Spiel auflegt und jeder sich fragt: Was passiert hier gerade? Klar, New York ist ein Faktor, die Knicks sind ein Faktor, das Timing ist ein Faktor, dass nach dem Super Bowl - den auch noch die New York Giants gewonnen haben - in der Sportwelt nicht viel los war. Aber Linsanity wurde zu einer so großen Story wegen seiner Herkunft.

© getty
Jeremy Lin stieg in Windeseile zum Liebling der Fans auf - doch vor 2012 machte einige harte Jahre durch.

Jeremy Lin: Linsanity hat gezeigt, dass "alles möglich ist"

Jeremy Lin: Je älter ich werde, desto mehr realisiere ich: Bei Linsanity ging es nicht nur um Basketball. Es ging um etwas so viel Größeres. Selbst heute, zehn Jahre später, spielt es für viele Menschen noch eine große Rolle, was damals passiert ist. Fans sprechen mich immer noch darauf an. Früher mochte ich nicht einmal den Begriff Linsanity, aber mittlerweile weiß ich es zu schätzen, dass viele Menschen daraus Inspiration ziehen.

Tommy Amaker: Er wurde zu einer globalen Ikone. Jeremy hat eine echte Leidenschaft für Basketball, er wollte unbedingt so weit kommen wie möglich. Dafür musste er extrem hart arbeiten, aber er hat es geschafft. Mit seiner Geschichte und seiner Reise hat er viele Menschen inspiriert.

Frank Chi: Manchmal ist es so einfach: Sehen ist glauben. Wenn ich heute mit Menschen spreche, die damals Teenager oder noch Kinder waren ... sie spielen heute Basketball, weil sie Jeremy Lin gesehen haben. Er hat bewiesen: Wirklich alles ist möglich. Er hat die Denkweisen vieler Kinder verändert, wie sie sich selbst sehen, was sie denken, was möglich ist. Auf Kinder muss das einen unfassbaren Einfluss gehabt haben. Wir alle warten auf den Moment, wenn wir mal in unser eigenes Nets-Spiel eingewechselt werden. Wenn wir einfach nur beweisen können, wer wir sind.

Evan Jackson Leong: Als ich aufwuchs, waren meine Helden Arnold Schwarzenegger und Tupac, sie waren schwarz und weiß, sie sahen anders aus. Heute sehen junge Asian Americans Jeremy und denken sich: Ich kann mir alle meine Träume erfüllen. Er hat ihnen Türen geöffnet.

Jeremy Lin: Ich durfte Asian Americans weltweit vertreten und inspirieren, diesen Teil der Geschichte würde ich niemals ändern wollen. Früher bin ich davor weggelaufen, weil ich nicht als Basketballer mit asiatischer Herkunft angesehen werden wollte, sondern einfach nur als großartiger Basketballer. Im Laufe der Zeit musste ich aber feststellen, wie viel Rassismus und Ungerechtigkeit es in dieser Welt gibt.

Frank Chi: Hat sich nachhaltig etwas verändert in der Gesellschaft? Ich wünschte, eine Person hätte die Macht dazu. Aber das hat noch nicht einmal Präsident Obama geschafft. Das braucht eine sehr lange Zeit. Klischees und Rassismus gegen Asian Americans gibt es auch heute noch, in den vergangenen Jahren hat sich das während der Pandemie sogar nochmal verstärkt. Deshalb ist dieses Thema so wichtig.

Seite 1: Jeremy Lins Anfänge: "Jeder Punkt ein Klischee über Asiaten"

Seite 2: Linsanity - Wie ein kleiner Guard die ganze NBA-Welt eroberte

Seite 3: "Die ganze Stadt hinter sich vereint" - Linsanity erobert New York

Seite 4: Das Ende von Linsanity - "Nicht jeder war ein Fan von ihm"

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