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NBA - Oral History über den kometenhaften Aufstieg von Jeremy Lin: Wie Linsanity die Welt eroberte

Von Philipp Jakob

Der 4. Februar 2012. Am Abend zuvor stand Lin ganze sechseinhalb Minuten beim Auswärtsspiel gegen die Celtics auf dem Court. Für New York war es die elfte Pleite aus 13 Spielen, die Knicks standen gewaltig unter Druck. Genau wie Lin, der um seine Karriere bangte.

Dieser 4. Februar änderte jedoch alles. Lin kam von der Bank, schenkte den New Jersey Nets im MSG 25 Punkte bei 10/19 aus dem Feld und 7 Assists ein. Der Auftakt einer unglaublichen Serie.

Landry Fields: Wir hatten ein Back-to-Back. Als wir aus Boston zurück in New York gelandet sind, hat mich Jeremy gefragt, ob er bei mir schlafen könne. Eigentlich wohnte er zu der Zeit bei seinem Bruder, aber an dem Abend konnte er dort nicht unterkommen. Deshalb ist er bei mir gelandet, mehr als meine Couch konnte ich ihm aber nicht anbieten.

Jeremy Lin (im Interview mit The Ringer, 2022): Ich stand mit dem Rücken zur Wand. Mein Agent hat mich angerufen und gesagt: "Wenn du nicht gut spielst, dann wird das wahrscheinlich dein letztes Spiel in der NBA sein."

Landry Fields: Ich kann mich noch gut an das Nets-Spiel erinnern. Er kam in die Partie, startete mit ein paar guten Plays und hat dann nicht mehr aufgehört. Das war ein echtes Spektakel - und es hat uns alle überrascht. Wir wussten, dass er ein guter Spieler ist, aber das auch in einem richtigen NBA-Spiel zu sehen, war nochmal etwas Anderes.

Dan D'Antoni: Er hat Würfe getroffen, von denen wir nicht dachten, dass er sie versenken könnte. Er hat den Ring attackiert, hat seine Mitspieler in Szene gesetzt und er hat mit der Pace gespielt, die in Mikes Offensiv-System so wichtig ist. Als wir angefangen haben, mit ihm zu arbeiten, hatte ich schon das Gefühl, dass er ein guter Spieler sein kann. Aber er hat sich nochmal auf ein ganz anderes Level katapultiert.

Landry Fields: Das Thema mit der Couch habe ich im Nachgang verpatzt. Damals hatte ich in meiner Wohnung nur Leihmöbel und ich habe sie alle zurückgegeben. Ich hätte sie der Firma abkaufen und als Souvenir behalten sollen. Vielleicht wäre das auch ein gutes Investment gewesen, da habe ich nicht mitgedacht. (lacht)

Frank Chi: Die einzigen asiatisch-stämmigen Spieler in der NBA waren bis zu diesem Zeitpunkt riesige Chinesen wie Yao Ming, damit kann man sich als normaler Asian American schwer identifizieren. Jeremy ist dagegen nur acht Zentimeter größer als ich. Ich wünschte mir natürlich, dass er Erfolg hat, aber ich habe es nicht erwartet. Dann ging Linsanity los ... ich habe komplett den Verstand verloren.

Linsanity in New York: Eine "magische Zeit"

Damit war Chi nicht alleine. Der neue Knicks-Held ließ im nächsten Spiel gegen die Jazz 28 Punkte und 8 Assists folgen, dann 23 und 10 gegen die Wizards (plus ein Highlight-Dunk), bevor Linsanity seinen Höhepunkt erreichte: Kobe Bryant und die Lakers waren im Madison Square Garden zu Gast, doch Lin blieb die wichtigste Story der Liga. 38 Lin-Zähler später feierten die Knicks den nächsten Sieg.

Der damals 23-Jährige führte New York zu sieben Erfolgen in Serie, obwohl die eigentlichen Superstars Carmelo Anthony und Amar'e Stoudemire in dieser Saisonphase mehrere Partien verpassten. Von den Fans im heimischen MSG erhielt er MVP-Rufe, am Valentinstag versenkte Lin die Raptors mit einem Gamewinner von Downtown. Insgesamt gewannen die Knicks zehn ihrer nächsten 13 Spiele, in denen Lin 22,3 Punkte und 9 Assists im Schnitt bei 47,9 Prozent aus dem Feld auflegte.

Evan Jackson Leong: Ich kann mich noch gut an den Tag vor dem Lakers-Spiel erinnern. Ich saß auf seiner Couch - auf der er normalerweise schlief - und filmte diesen ganz normalen Jungen, wie er seine Wäsche machte. Einen Tag, bevor er gegen Kobe spielen sollte.

Kobe Bryant (Lakers-Legende, auf einer Pressekonferenz vor dem Duell mit den Knicks): Linsanity? Ich habe keine Ahnung, wovon ihr redet. Ich kenne ihn, aber ich habe nicht wirklich verfolgt, was mit den Knicks passiert oder was er so macht. Ich werde mir heute mal ein paar Clips anschauen.

Jeremy Lin (im Interview mit ESPN Daily, 2020): Ich habe das Kobe-Interview im Taxi vor dem Spiel gesehen. Also habe ich mir gedacht, ich werde heute extra aggressiv spielen. Wenn ich Platz habe, drücke ich ab. Wenn sie mich eng verteidigen, ziehe ich zum Korb.

© getty
"Linsanity? Wovon redet ihr?" Kobe Bryant sollte es am eigenen Leib erfahren.

Frank Chi: Als Jeremy 38 Punkte gegen die Lakers erzielt hat, lebte ich in Washington D.C. Ich bin mit dem Zug nach New York gefahren und wollte in den Garden kommen, aber das war viel zu teuer. Auf dem Schwarzmarkt wurden die Tickets für 700 Dollar gehandelt. Das war einfach absurd.

Dan D'Antoni: Die Spiele gegen die Nets und Lakers gehören auf jeden Fall zu den Highlights von Linsanity. Dazu kommen aber auch noch jede Menge Clutch-Shots. Auf mentaler Ebene war er richtig gut.

Frank Chi: Ich war in meinen Mittzwanzigern und hatte kein Geld. Ich habe das Lakers-Spiel also in einer Bar in Koreatown geschaut, der Laden war voll mit Asiaten. Zweieinhalb Stunden lang sind die Leute komplett ausgerastet, genau wie ich. Sie sind in der Bar herumgerannt, haben geschrien, geweint. Wir alle haben einen Menschen gesehen, dem kaum jemand den Sprung in die NBA zugetraut hätte. Und da spielt er gegen Kobe und die Lakers. Und er schenkt ihnen 38 Punkte im Madison Square Garden ein.

Mike Breen (Knicks-Kommentator im Interview mit ESPN Daily, 2022): Die beste Zeit als Kommentator hatte ich während diesen drei Wochen Linsanity. Das war eine magische Zeit als Kommentator, als Knicks-Fan und als NBA-Fan. Er stieg schlagartig zum beliebtesten Sportler nicht nur in diesem Land, sondern in der ganzen Welt auf.

Frank Chi: Die zwei magischsten Momente in meinem Leben. Nummer eins: Barack Obama wird Präsident der Vereinigten Staaten. Nummer zwei: Linsanity und besonders die 38 Punkte im Garden. Dieser Abend war pure Magie.

Seite 1: Jeremy Lins Anfänge: "Jeder Punkt ein Klischee über Asiaten"

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