Ex-Supertalent Sergej Evljuskin im Interview: "Vielleicht hätte ich präsenter sein müssen"

Von Chris Lugert
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Kurz vor Ende des Transferfensters kamen Sie dann noch bei Hansa Rostock in der 3. Liga unter - und dort gelang im ersten Jahr unerwartet der Aufstieg in die 2. Liga.

Evljuskin: Das sollte eigentlich erst im zweiten Jahr passieren, aber wir hatten ein tolles Mannschaftsgefüge und ich kam auch auf meine Einsätze, auch wenn ich kein unumstrittener Stammspieler war. Daher kam der Verein dann auch auf mich zu und schlug mir eine Leihe vor. Da ich sowieso noch mehr spielen wollte, war ich einverstanden und ging daher zum SV Babelsberg in die 3. Liga.

Weshalb war dieses Engagement nicht von Erfolg gekrönt?

Evljuskin: Das hatte zwei Gründe: Rostock stieg direkt wieder aus der 2. Liga ab, wodurch mein Vertrag seine Gültigkeit verlor. Daher bin ich eine weitere Saison in Babelsberg geblieben. Das war auch eine coole Zeit, allerdings stiegen wir im zweiten Jahr nach einer sehr umkämpften Saison ab - und auch hier war mein Vertrag dann nicht mehr gültig.

Mit dem Goslarer SC spielten Sie ab 2013 dann für eine Saison wieder in der Regionalliga, ehe Sie schließlich bei Hessen Kassel sesshaft geworden sind und sieben Jahre blieben.

Evljuskin: Dabei war es eher Zufall, dass ich nach Kassel kam. Als ich mit Goslar gegen Meppen spielte, saß Andre Schubert auf der Tribüne. Er war damals eine Art sportlicher Leiter in Kassel und schaute sich an dem Tag eigentlich einen anderen Spieler an, der witzigerweise auch Sergej hieß. Ich fiel ihm aber positiv auf und er kontaktierte meinen Berater. Ich hätte nie gedacht, dass ich so lange dortbleiben und das meine zweite Heimat würde. In Kassel lernte ich auch meine Freundin kennen.

Auch in Kassel lief es sportlich nicht immer rund, 2017 musste der Verein Insolvenz anmelden. Haben Sie sich nach Ihrer Vorgeschichte dann auch mal gefragt, was Sie eigentlich verbrochen haben?

Evljuskin: Absolut. Das kann doch alles nicht wahr sein - das geht einem dann schon durch den Kopf. Zumal der Verein ja ambitioniert war und das Ziel hatte, perspektivisch die 3. Liga anzupeilen. Es verließen dann auch viele Spieler den Klub und wir mussten mit neun Minuspunkten in die Saison gehen. Das war einfach zu viel, wir sind leider in die Hessenliga abgestiegen. Als wir nach zwei Jahren wieder oben waren, war der Verein auch finanziell wieder auf einen guten Weg. Mir war es wichtig, mit einem Aufstieg gehen zu können. Ich habe zwar noch ein halbes Jahr in der Regionalliga mitgespielt, aber bereits mein zweites Standbein gefunden.

Evljuskin: "Fußball steht jetzt nicht mehr an erster Stelle"

Dieses führte Sie nach Niedersachsen zur Autobahnpolizei. Wie kam's?

Evljuskin: Ich wusste stets, dass es auch eine Zeit nach dem Fußball gibt. Man wird ja nicht jünger. In Kassel habe ich mit einem Sportmanagement-Studium begonnen, mich aber irgendwann gefragt, was ich damit eigentlich genau machen soll. Die Fußballbranche verändert sich ja laufend. Also habe ich überlegt, welche Berufe mich noch interessieren und landete bei der Polizei. Daher habe ich mich parallel zu meinem Studium bei der Polizei beworben.

Und das Studium schließlich abgebrochen?

Evljuskin: Als ich die Zusage bei der Polizei bekam, stand ich vor der Wahl und habe sogar eine Pro- und Contra-Liste gemacht, um festzuhalten, was für mich bei beiden Wegen wirklich dafür und dagegen spricht. Da war für mich die Polizei die sichere Branche. Ich weiß ja nur zu gut, wie sehr der Fußball ein reines Tagesgeschäft ist.

Und nun sind Sie eben Polizist und spielen nebenbei in der 6. Liga, beim FSV Schöningen in der Landesliga Braunschweig. Wie blicken Sie heute auf Ihren Werdegang im Fußball zurück?

Evljuskin: Ich bin absolut glücklich, wie es gelaufen ist. Ich könnte heute Weltmeister sein, klar, aber dann wäre ich wohl auch nicht bei der Polizei gelandet. (lacht) Dafür bin ich immerhin mit der Polizei-Nationalmannschaft 2018 Europameister in Prag geworden. Mein Werdergang zwang mich ein wenig, den Fokus auch auf das Leben nach dem Fußball zu richten und meine Interessen zu verlagern. Der Fußball steht jetzt nicht mehr an erster, zweiter und dritter Stelle. Berufliche und private Dinge genießen bei mir heute einen viel höheren Stellenwert.

Gibt es etwas, das Sie bereuen?

Evljuskin: Natürlich habe ich mich schon gefragt, ob ich nicht lieber nach Bremen statt nach Wolfsburg hätte gehen sollen. Oder ins Ausland, ein Funktionär von Spartak Moskau kam mal während eines Turniers mit der U18 in St. Petersburg auf mich zu. Ich bereue aber nichts, denn all meine Entscheidungen haben sich zum damaligen Zeitpunkt richtig angefühlt. Ich habe sie jeweils so gefällt, weil ich mit Herz, Kopf und Bauch dahinter stand.

Was glauben Sie, wird der Fußball noch einmal eine größere Rolle in Ihrem Leben einnehmen - vielleicht ja als Trainer?

Evljuskin: Das halte ich mir offen. Grundsätzlich kann ich mir das schon vorstellen, aber eher im Junioren- als im Seniorenbereich.

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