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Fussball

Neuroathletik-Coach Tepel im Interview: Was Musiala beherrscht, woran er noch arbeiten muss

Von Kerry Hau

Erzählen Sie.

Tepel: Wir machen uns zu Beginn immer ein Bild von den Spielern, mit denen wir arbeiten. Die Fragen, die wir uns primär stellen: Was ist aus Bewegungssteuerungssicht die Schwachstelle des Spielers und wie können wir auf seiner Position das Bestmögliche für ihn herausholen? Mit Jamal haben wir anfangs in erster Linie an seiner reflexiven Stabilität gearbeitet. Bedeutet: Wie stark kann er im Zweikampf gegenhalten, um seine Ballkontrolle auch unter starkem Gegnerdruck noch weiter zu verbessern? Das lässt sich unter anderem durch Training des Gleichgewichtsorgans und der Augenmotorik verbessern. Beide Systeme stehen in direkter neuronaler Kommunikation mit der Wirbelsäulen- und Rumpfmuskulatur. Es heißt oft, man müsse viel Körpermasse oder Muskulatur mitbringen, um in Zweikämpfen stabil zu bleiben. Entscheidend für die Stabilität im Zweikampf ist aber die Mitte des Körpers. Ist diese stabil, kann mich niemand so schnell wegschieben. Deshalb war Bauch- und Rückenmuskeltraining für Fußballer schon immer ein wichtiger Bestandteil. Und bei Jamal sieht man, dass er mit Checks und Tacklings sehr gut zurechtkommt, obwohl er auf den ersten Blick eher etwas schmächtig wirkt.

Woran arbeiten Sie mit ihm noch?

Tepel: An seiner Ballan- und -mitnahme. Sein erster Kontakt ist zwar schon sehr gut, aber immer noch ausbaufähig. Mittlerweile weiß man: Wenn Jamal den Ball einmal unter Kontrolle hat, geht's ab. Das Ziel ist, den Ball aber noch schneller und effizienter an- und mitzunehmen als bisher, gerade bei härter gespielten Pässen oder bei Aufdrehbewegungen in Richtung des gegnerischen Tores. Es geht darum, immer einen halben Schritt voraus zu sein, nach Ballannahme direkt die Anschlussaktion folgen lassen zu können. Außerdem legen wir im Training großen Wert auf die gesamte Gelenkskontrolle. Jamal soll der Chef über seinen Körper werden.

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Tepel: Darum könnte Leroy Sane links stärker als rechts sein

Auf welcher Position sehen Sie Musiala am besten aufgehoben?

Tepel: Er ist offensiv so vielseitig, er kommt überall klar. Jede Position hat natürlich ein anderes Anforderungsprofil. Im Zentrum braucht man zum Beispiel unglaublich viele Kopfdrehungen, um sich bestmöglich in jedem Moment orientieren zu können. Die Trainer fordern gerne "Vororientierung", das muss man aber erstmal hinkriegen. Dafür braucht man als Basis vor allem eine gut koordinierte Nackenmuskulatur, die wiederum eng mit den Augen verschaltet ist, um alles, was auf dem Feld um einen herum passiert, wahrzunehmen. Das Spiel auf den Außenbahnen ist natürlich noch einmal etwas anderes. Jamal kann dort aber auch spielen, weil er eben für diese schnellen Seitbewegungen steht. Sein Vorteil: Er ist nicht rechts- oder linkslastig, sondern sehr ausbalanciert.

Musialas Mannschaftskollege Leroy Sane kann seine Stärken auf dem linken Flügel besser zur Geltung bringen als auf der rechten Seite. Haben Sie aus neuroathletischer Sicht hierfür eine Erklärung?

Tepel: Ich kann keine Aussagen über einzelne Spieler treffen, aber einen Erklärungsansatz gibt es aus meiner Sicht schon. Das Bild vom rechten Sehfeld geht nämlich in die linke Gehirnhälfte und das Bild vom linken Sehfeld geht in die rechte Gehirnhälfte. Das heißt: Hatte man auf der einen Seite in seinem Leben mehr Training und dadurch eine höhere Aktivität vorzuweisen, dann kann es schon sein, dass das Gehirn diese Seite viel besser kartieren kann als die weniger gewohnte und belastete Seite. Manchmal fällt es einem Spieler dann schwer, den Flügel zu wechseln. Solchen Spielern bieten wir auch Unterstützung an, wenn ein Trainer sie nicht auf ihrer bevorzugten Seite einsetzen kann. Mit Neuroathletiktraining lassen sich solche Defizite mit der Zeit auf jeden Fall beheben.

Musiala lebt in München, Sie im Sauerland. Wie oft trainieren Sie mit ihm?

Tepel: Er trainiert in seiner Freizeit sehr viel allein, wir treffen uns in der Regel aber im Zwei-Wochen-Rhythmus. Wir telefonieren auch oft, wenn er ein Übungsupdate braucht. Kurz vor der Saisonvorbereitung war ich auch mal vier Tage bei ihm zu Hause in München, da haben wir ganz niedrigschwellig und konzentriert mal wieder über einen längeren Zeitraum trainieren können, sodass er beim FC Bayern möglichst gut einsteigen kann. Generell ist es natürlich wichtig, unsere Trainingsinhalte in den Rahmen der Belastungssteuerung des Vereins zu integrieren.

© getty
Seine Formkurve zeigte zuletzt auf der linken Außenbahn deutlich nach oben: Leroy Sane.

Tepels Zusammenarbeit mit Bayern, BVB und Co.: "Braucht Aufklärungsarbeit"

Neben Musiala haben Sie auch noch Torben Rhein aus der zweiten Mannschaft des FC Bayern, Lasse Günther vom FC Augsburg sowie Nnamdi Collins und Bradley Fink von Borussia Dortmund unter Ihren Fittichen. Wie kommt Ihre Arbeit bei den Vereinen an?

Tepel: Es braucht ein bisschen Aufklärungsarbeit, aber das ist völlig nachvollziehbar, weil im ersten Moment viele denken: Oh, da ist ein externer Trainer, wieso belastet der unsere Spieler zusätzlich? Bei mir würden da auch die Alarmglocken angehen. Insgesamt wird das Thema Neuroathletik aber inzwischen sehr gut angenommen, weil sich zunehmend mehr Athletiktrainer mit den Inhalten auskennen und wissen, dass die körperliche Belastung entsprechend niedrigschwellig ist. Früher gab's sicherlich ein paar Leute, die uns gesagt haben: "Was ein Quatsch!" Aber diese Zeiten sind vorbei. Es findet im Spitzenfußball eine immer größere Akzeptanz statt, unter anderem auch in der Premier League. Auch in der Schweiz und hier vor allem in der Torhüterausbildung wird sehr innovativ an diesen Themen gearbeitet und geforscht.

Hatten Sie schon Kontakt zu Klubs aus der Premier League?

Tepel: 2019 haben wir den Championship-Klub Wigan Athletic bei einigen komplizierten Reha Cases beraten und dort eine kleine "Inhouse Education" für das Athletik- und Reha-Team gegeben. Die Inititative ging damals von Wigan-CEO Darren Royle aus. Einen weiteren Test Case haben wir mit der City Football Group gemacht. Wir haben einen Test Case mit einem Leihspieler in Belgien gestartet, der dann leider durch die Corona-Pandemie abgebrochen werden musste. Soweit mir bekannt ist, holt sich die Arsenal-Academy über Per Mertesacker auch immer wieder Input aus dem neuroathletischen Bereich. Es tut sich wirklich viel auf diesem Gebiet.

© Steffen Tepel
Arbeitet auch mit BVB-Talent Nnamdi Collins zusammen: Neuroathletik-Trainer Steffen Tepel.

Wie steht der DFB zum Thema Neuroathletik?

Tepel: Sehr positiv. Der DFB beschäftigt mit Jan-Ingwer Callsen-Bracker mittlerweile sogar einen Vollzeit-Neuroathletiktrainer in seiner Akademie, der das Thema immer mehr anschiebt. Es laufen erste Studien mit der Uni Paderborn und der Uni des Saarlands unter Leitung von Prof Dr. Dr. Claus Reinsberger in enger Absprache mit Prof. Dr. Tim Meyer, dem DFB-Mannschaftsarzt. Mit dem Doktoranden dieser Studien sind wir mit "INPUT1st" regelmäßig unterstützend und beratend im Austausch. Ich muss sagen, ich bin positiv überrascht vom DFB. Da wurde in der Vergangenheit ja viel von außen geschimpft, aber was die in der Akademie dort machen, hat Hand und Fuß. Da kann niemand hingehen und sagen: "Wir machen mal ein bisschen Augentraining." Die Inhalte müssen schon spezifisch auf die Bedürfnisse der Fussballausbildung zugeschnitten sein. Und das begrüßen wir, weil es die Gesamttrainingsqualität verbessert.

Kann man Neuroathletik studieren?

Tepel: Der Beruf ist leider nicht geschützt, es gibt aber spezifische Ausbildungen, die wir unterstützen. Wir wollen Neuroathletik weiter voranbringen. Dabei geht es sowohl um Wissensvermittlung, aber auch um wissenschaftliche Evidenz, um die Wirkungsweisen und Effekte des Trainings nachvollziehen zu können.

Seite 1: Tepel über seine Anfänge als Neuroathletik-Trainer und Jamal Musiala

Seite 2: Tepel über Zusammenarbeit mit Vereinen und Sanes stärkere Seite

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