NFL

Das schockierende Playoff-Aus der Ravens: Jetzt bloß nicht falsch reagieren!

Von Adrian Franke

Die Baltimore Ravens sind völlig überraschend in der Divisional-Runde ausgeschieden - nach 14 Siegen in der Regular Season war gegen Tennessee zuhause Endstation. Eine Saison, in der die Ravens für viele als Super-Bowl-Favorit vor den Playoffs dastanden, endet so mit einem bitteren Playoff-Aus - doch sollte das nicht über all die Erfolge der vergangenen vier Monate hinwegtäuschen. Im Gegenteil! Es gilt, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen. Ein Kommentar von SPOX-Redakteur Adrian Franke.

Diese Niederlage wird polarisieren. Zu sehr mussten sich Kritiker von Lamar Jackson in dieser Saison verspotten lassen, zu giftig wurden insbesondere in den sozialen Medien Diskussionen über In-Game-Entscheidungen geführt - stets mit den Ravens als strahlendes Beispiel der Analytics-Verfechter. Die große Frage lautet: Welche Schlüsse ziehen die Ravens aus dem Spiel?

Jackson leistete sich gegen Tennessee Fehler und wollte insbesondere in der zweiten Hälfte zu viel, die Receiver ließen viel zu viele Bälle fallen und Baltimore scheiterte zwei Mal bei 4th&1 - eine Situation, welche die Ravens in der Regular Season in acht von acht Fällen erfolgreich ausgespielt hatten.

Und sofort waren die Takes da, und sie kamen heiß und frisch. "Die Ravens sind zu aggressiv", "die Offense wurde entschlüsselt", "Lamar funktioniert nicht in den Playoffs". Und so weiter, und so fort. Sehr viele einfache Schlussfolgerungen, die einzig auf das Resultat schauen, und keinen Gedanken an den Weg dahin und den Entscheidungsprozess verschwenden.

Doch Baltimores Aggressivität in dieser Saison in genau diesen Situationen war ein Grund dafür, dass diese Offense so besonders war. Die Titans haben Jackson sehr gut verteidigt - aber entschlüsselt? Eher wurde der Rest der Offense ausgeschaltet, beziehungsweise schaltete er sich teils selbst aus. Jackson warf oder lief selbst in der Summe 83 Mal - ein NFL-Rekord. Einzig Steve Young kam hier mal mit 77 summierten Pässen und Runs in einem Playoff-Spiel in ähnliche Sphären.

Die Ravens als Türöffner für neue NFL-Offenses?

Lamar Jackson, das sei hier noch mal komplett klargestellt - denn auch hier gab es entsprechende Takes - wird den MVP-Titel gewinnen, und das völlig zu Recht. Er war nicht nur der außergewöhnlichste, sondern auch der wertvollste Spieler der Regular Season; der Spieler, den Gegner am seltensten stoppen konnten. Und die Ravens insgesamt haben eine Saison gespielt, die NFL-Offenses nachhaltig verändern könnte.

Baltimore hat auf die ganze Saison gesehen gezeigt, dass Teams zu lange zu konservativ mit Fourth-Down-Entscheidungen umgegangen sind. Die Ravens haben den Wert von Play Action und Motion beim Snap untermauert - und sie haben ganz nebenbei eine historische Rushing-Saison mit der besten Rushing-Saison eines Quarterbacks aller Zeiten gespielt.

Es könnte der Aufhänger für andere Teams sein, dass Zone Reads und Option Plays im Run Game keineswegs nur Gimmick-Plays innerhalb der Offense sein können, sondern dass sie ein elementarer Bestandteil einer Rushing-Offense sein können. Vermutlich nicht im gleichen Ausmaß, denn Jackson ist ein einzigartiger Spieler. Doch die Effekte eines mobilen Quarterbacks auf das Run Game sind nicht von der Hand zu weisen, und könnten nachhaltig den Quarterback-Typ verändern, den NFL-Teams haben wollen.

Ein schlechtes Spiel der Offense, auch wenn das Timing fraglos bescheiden war, sollte nicht die Erkenntnisse wegwischen, die über die vergangenen vier Monate gewachsen sind. Das kommt selbstredend nicht alles von der Ravens-Offense - Option Plays und Zone Reads gibt es auch in der NFL schon deutlich länger -, aber die Vehemenz, mit der Baltimore das in dieser Saison umgesetzt hat, in Kombination mit fortschrittlichem, offenem In-Game-Coaching, ist womöglich ein Katalysator für mehr.

Das bedeutet keineswegs, dass Baltimore keine Baustellen hat. Wide Receiver wäre so ein Thema, die Ravens müssen besser darin werden, Rückstände aufholen zu können - und natürlich wirkt die Ravens-Saison heute wie eine massive Enttäuschung. Das sollte auch so sein. Dieses Team war deutlich besser als das, was es in seinem einzigen Playoff-Spiel gezeigt hat. Das macht es trotzdem nicht nachvollziehbar, dass viele so komplett in einem Moment leben, dass sie scheinbar prompt alles aus ihrer Erinnerung verbannen, was sie in der gesamten Regular Season gesehen haben.

Ein Plädoyer für mehr Kontext

Das gilt auch für andere Aspekte des Spiels. War das Run Game der Titans ein wichtiger Faktor für den Sieg? Natürlich, keine Frage. Derrick Henry lief für fast 200 Yards, klar spielte das eine Rolle. Henry lief für 124 Yards allein bei seinen 19 Run-Plays mit acht oder mehr Verteidigern in der Box, eine enorme Zahl und die Titans sind das erste Team seit den 1988er Bengals mit aufeinanderfolgenden Playoff-Siegen, ohne die 100-Passing-Yard-Marke zu knacken. Henry machte einen Unterschied, das Run Game machte einen Unterschied, und wer sich jetzt (oder generell) hinstellt, und sagt, dass das Run Game überflüssig ist, erzählt Unsinn.

Doch all die Takes, die jetzt sofort wieder in Richtung des "Es ist eine Passing League"-Standpunkts spotteten? Das Run Game war ein Faktor. Während die Titans gegen New England allerdings trotz der Dominanz in diesem Bereich offensiv ganze 14 Punkte erzielten und das Spiel auf diese Art nur gewinnen konnten, weil die eigene Defense New Englands Offense komplett ausschaltete, waren gegen die Ravens die Turnover die andere maßgebliche Komponente.

Jacksons Interceptions, der Fumble, die beiden Fourth Downs und Baltimore ging 1/4 in der Red Zone: Die Ravens hatten mehr Yards pro Run und insgesamt nur 32 Rushing-Yards weniger als Tennessee, obwohl die Titans über weite Teile der zweiten Hälfte eine Führung verwalteten. Das Run Game half, keine Frage, aber zu behaupten, dass Tennessee in Baltimore gewann, weil "man in den Playoffs den Ball laufen können muss", lässt den entscheidenden Kontext einfach aus.

Und das führt auch zurück zum Kern der Aussage und zum übergreifenden Thema dieses Spiels. Viel zu häufig im Football, aber auch im Sport generell, prägt der letzte Eindruck das Bild der öffentlichen Wahrnehmung und eine enorm vereinfachte und damit auch viel einfacher "analysierbare" schwarz-weiß-Darstellung wird herangezogen, um im Idealfall die eigene Agenda voranzutreiben oder zumindest eine schnelle Analyse abliefern zu können.

Doch so simpel ist es quasi nie, auch umgekehrt aus Analytics-Sicht nicht. Fans genau wie Analysten sollten dem entgegenwirken. Mehr eintauchen, statt einfache Parolen raushauen. Mehr Kontext analysieren, statt aufgrund eines Spiels oder gar nur eines Resultats eine Meinung rausposaunen. Mehr Offenheit für neue Gedanken, statt als oberste Priorität Twitter-Debatten gewinnen wollen (als ob jemals irgendjemand die gewinnen würde).

Die Ravens zumindest haben sich in dieser Saison als zu schlaue und zu intelligent geführte Franchise präsentiert, sodass ich wenigstens von dieser Seite keine Schnellschüsse und falsche Reaktionen erwarte. Es wird spannend sein zu sehen, wie Baltimore eine außergewöhnliche Offense weiterentwickelt.

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