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Tennis

Ion Tiriac im Interview: "Okay, Boris, dann ist es eben dunkel, guten Abend!"

Von Florian Regelmann

 

Boris Becker war wie Sie auch als Coach erfolgreich, wenn wir an die Zusammenarbeit mit Novak Djokovic denken.

Tiriac: Das hat mich gewundert. Ich bin sogar zu Djokovic und habe ihn gefragt: Nole, was zur Hölle willst Du denn mit Boris? Aber er meinte, dass Boris das Beste wäre, was ihm je passiert ist und er unglaublich glücklich ist, ihn um sich herum zu haben. Nole hat auf Boris gehört, das ist das Wichtigste. Also habe ich meine Meinung revidiert und musste sagen: Mein Respekt, Boris. Aber ich glaube nicht, dass Boris nochmal als Coach auf die Tour zurückkehrt. Trainer sind heutzutage Marionetten der Spieler. Es ist ein sehr schwieriger Job.

Wie meinen Sie das?

Tiriac: Es ist ganz entscheidend, dass ich als Trainer nicht abhängig von meinem Spieler bin. Der Spieler sollte abhängig von mir sein. Wie soll ich sonst meine Arbeit richtig machen? Wenn wir zwei Stunden auf dem Platz stehen und ich als der Trainer der Meinung bin, dass wir noch eine dritte Stunde dranhängen müssen, dann muss ich mich das trauen können. Es gibt Spieler, die dann sagen: Du hast mir gar nichts zu sagen, ich bezahle dich, ich will keine dritte Stunde trainieren, ich bin müde, wir hören auf. Was willst du dann antworten, wenn du davon abhängig bist, dass du jeden Monat dein Gehalt bekommst, um die Schulbücher für deine Kinder bezahlen zu können? Das ist ein schwieriges Thema.

"Keine Ahnung, warum Zverev nicht die Nummer eins ist"

Alexander Zverev hat sein Team in diesem Jahr neu aufgestellt und setzt noch stärker auf die eigene Familie. Was halten Sie von seiner Entwicklung?

Tiriac: Zverev hat alles, was man braucht, um Grand Slams zu gewinnen und die Nummer eins der Welt zu werden. Er ist groß, er hat einen starken Aufschlag - ich habe keine Ahnung, warum er nicht längst die Nummer eins oder zwei der Welt ist. Da sollte er eigentlich stehen mit seinen Möglichkeiten.

Wie schauen Sie generell auf die Tennisszene?

Tiriac: Tennis ist ein reines Business geworden. Wir müssen uns doch nur die Dimensionen der Preisgelder anschauen. Wenn ich in Wimbledon in der ersten Runde verliere, bekomme ich etwa 60.000 Dollar. Für das Verlieren in der ersten Runde! Als ich Roland Garros gewonnen habe im Doppel, bekam ich 100 Dollar. Als Santana in den 60er sich den Wimbledon-Titel holte, bekam er einen 50-Pfund-Gutschein für ein paar Schuhe im Shop. Die Welt hat sich verändert und Tennis ist zu teuer geworden, wenn sie mich fragen. Ich weiß nicht, wer da alles überleben wird.

© imago images
Ion Tiriac spricht im Interview auch über ein mögliches großes Tennisturnier in Deutschland.

Aber Sie sind selbst erfolgreicher Turnierdirektor in Madrid.

Tiriac: Madrid ist das mit Abstand beste Masters-Turnier, auch das sage ich ganz unbescheiden. So wie die Events in Hannover oder Stuttgart früher. Von mir aus kann man sagen, dass ich nicht der beste Spieler, Coach oder Manager war, von mir aus, aber wenn ich etwas verstehe, dann große Turniere auszurichten und sie erfolgreich zu machen. Deutschland müsste eigentlich ein Land sein, in dem ein ganz großes Turnier stattfindet. Für mich wäre München mit dem Olympiapark der perfekte Standort.

München? Wirklich?

Tiriac: Ja. Schließen Sie doch einfach mal die Augen und stellen Sie sich vor, was passieren würde, wenn sich einige der großen Firmen aus München zusammentun und gemeinsam ein Tennis-Turnier pushen würden. In neun Monaten könnte in München ein Wimbledon entstehen. Die große Frage ist nur, ob der politische Wille dazu da ist. Aber eines muss jeder wissen: So ein Turnier zahlt sich aus. Du musst sehen, welch einen Effekt so ein Turnier als Werbung für die Stadt haben kann. Das ist zehnmal mehr wert als das Investment. Vielleicht findet sich ein Jüngerer als ich, der das Projekt angehen will. Ich bin ehrlich gesagt müde geworden vom Tennis.

Seite 1: Tiriac über seine eigene Karriere und das erste Treffen mit Boris

Seite 2: Tiriac über einen völlig skurrilen Dialog mit Boris Becker

Seite 3: Tiriac über Zverev als Nummer eins und Wimbledon in München

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