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Tennis

Julia Görges im Interview vor den Australian Open: "Ich kam aus einer ganz anderen Welt"

Von Florian Regelmann

In den Jahren 2013 bis 2015 gab es immer wieder kleinere Erfolge, es gab aber auch immer wieder Rückschläge, auch in puncto Verletzungen. Zwischenzeitlich sind Sie sogar mal kurz aus den Top 100 gefallen. 2015 trennten Sie sich von Coach Sascha Nensel und engagierten Michael Geserer als Nachfolger. Wie kam es dazu?

Görges: Ich hatte nach einer siebenjährigen Zusammenarbeit gemerkt, dass ich nochmal einen anderen Weg einschlagen will. Ich wusste, dass ich mein Potenzial noch nicht ausgeschöpft hatte und habe mir viele Gedanken gemacht. Was erwarte ich von meinem Trainer? Was erwarte ich auch von mir selbst? Es war wie ein Puzzle, das ich neu zusammensetzen musste. Im Nachhinein war es genau der richtige Schritt. Ich hätte die Entscheidung vielleicht schon ein Jahr früher treffen sollen, aber so eine Entscheidung muss auch gut durchdacht sein. Man muss auch bereit dafür sein. Ich bin der festen Überzeugung, dass im Leben nichts ohne Grund passiert. Ich bin froh, wie es gelaufen ist. Mit Michael habe ich noch einmal neue Wege kennengelernt und eine super Zeit erlebt. Ich bin nochmal auf ein ganz anderes Niveau gekommen und stand zum ersten Mal in den Top 10, was immer ein großes Ziel von mir war. Und darüber hinaus habe ich gelernt, meinen Beruf ganz anders zu genießen.

Sie sprechen die Top 10 an. Ende 2017 und Anfang 2018 haben Sie in Moskau, dem ersten Titel nach sechs Jahren, Zhuhai und Auckland drei Turniere in Folge gewonnen und dafür den Grundstein gelegt. Hatte sich das für Sie angekündigt?

Görges: Nein, eigentlich überhaupt nicht. Gerade der Titel in Moskau kam total unerwartet. Als ich davor in Peking mit Kiki Bertens beim Abendessen saß, waren wir beide nach einer langen Saison und der Asien-Tour so frustriert und fertig, dass ich das niemals für möglich gehalten hätte. Aber unsere Coaches haben dann eine Stunde auf uns eingeredet und irgendwie habe ich bei diesem Abendessen noch mal Feuer gefangen. Ich habe vor Moskau so gut trainiert, dass mein Coach schon meinte, wie schade es ist, dass die Saison dann zu Ende ist. Und ich meinte nur: "Na ja, vielleicht auch nicht. Wenn ich das Turnier gewinne..."

© getty
2018 erreichte Julia Görges in Wimbledon zum ersten Mal ein Grand-Slam-Halbfinale und unterlag Serena Williams.

Julia Görges: "Ich habe mit dem Halbfinale Blut geleckt"

Und so kam es.

Görges: Ich habe Moskau gewonnen, obwohl ich sogar noch krank geworden bin und obwohl ich ein Zimmer hatte, das vielleicht nicht mal 10 Quadratmeter groß war, ich konnte mich kaum drehen. (lacht) Aber das war alles egal, ich habe mich dort unglaublich wohlgefühlt, man konnte zu Fuß zur Anlage gehen, es war wunderschön. Danach ging es bei der B-WM in Zhuhai genauso gut weiter. Ich habe danach sogar nur fünf Tage Urlaub gemacht und gleich wieder angefangen zu trainieren. Und dann eben auch Auckland gewonnen, eines meiner absloluten Lieblingsturniere. In der Zeit war es wie ein Film, der an mir vorbei lief, es war eine totel coole Reise in diesen Monaten, anders kann ich es nicht beschreiben.

2018 folgte mit dem Wimbledon-Halbfinale wohl das Turnier Ihres Lebens.

Görges: Also spielerisch nicht unbedingt. Aber vom Resultat und der Außenwirkung natürlich schon. Das habe ich im Anschluss erfahren, wenn ich am Flughafen viel öfter erkannt wurde. Die Grand Slams schaut einfach jeder, sie sind die große Bühne. Dieses Wimbledon-Turnier war vor allem wertvoll für mich, weil ich entdeckt habe, dass ich nicht perfekt spielen muss, um Runden zu überstehen. Gerade am Anfang meiner Karriere wollte ich bei den Grand Slams immer etwas Besonderes machen. Manchmal reicht aber auch einfach ein Standard-Match. Bis zum Titel musst du sieben Matches gewinnen, da geht es nur darum, irgendwie durchzukommen, auch wenn du mal nicht deinen besten Tag hast.

Wie sehr lebt denn der Traum von einem Grand-Slam-Erfolg in Ihnen?

Görges: Er lebt auf jeden Fall sehr. Ich habe mit dem Halbfinale auch Blut geleckt. Wer einmal im Halbfinale bei einem Grand Slam stand, will auch ins Finale und eines gewinnen. Ich will grundsätzlich jedes Turnier gewinnen, das ich spiele, egal ob es ein kleineres Turnier ist oder ein Slam. Wenn ich sagen würde, dass ich ein paar Runden gewinnen will, wäre ich falsch in diesem Metier. Wir haben in den vergangenen Jahren gesehen, was auf der Frauen-Tour alles möglich ist. Das gibt mir auch eine Portion Extra-Motivation, allen anderen aber auch. Jede Spielerin arbeitet unglaublich hart, weil wir alle gesehen haben, was drin ist. Ich möchte 2020 verletzungsfrei bleiben, meine bestmögliche Leistung abrufen und natürlich auch schöne Ergebnisse erzielen. Ich will wieder dahin kommen, wo ich schon mal war und wo ich meiner Meinung nach spielerisch auch hingehöre. In die Top 10.

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Julia Görges mit ihrem neuen Coach Jens Gerlach (l.) und Fitnesstrainer Scott Byrnes.

Julia Görges: "Ich habe gelernt, dass menschliche Enttäuschungen dazugehören"

2019 ging mit dem erneuten Titel in Auckland eigentlich gut los, wurde in der Folge allerdings zu einem schwierigen Jahr. Einerseits mit Problemen an der Halswirbelsäule, andererseits auch mit der Trennung von Michael Geserer und später von Sebastian Sachs. Wie würden Sie das Jahr für sich beschreiben?

Görges: Es war in jeder Hinsicht sehr lehrreich. Als ich aus Charleston wieder zurück war, bin ich am nächsten Morgen aufgewacht und konnte mich nicht mehr bewegen. Es hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, auf den Körper zu hören und wie wichtig es ist, dass Körper und Geist im Einklang sind. Es fällt mir manchmal schwer, im Haifischbecken der Tour mich nicht stressen zu lassen, aber mit der Zeit habe ich jetzt immer besser gelernt, mein Tennisleben zu genießen. Ich stand am Ende eines schwierigen Jahres immer noch auf Rang 28 der Welt, davon träumen viele Kinder.

Und abgesehen vom Körperlichen?

Görges: Ich habe auch gelernt, dass menschliche Enttäuschungen dazugehören. Ich hätte es nicht gedacht, weil ich immer die positiven Seiten in jedem sehe, aber auch das hat mich wieder stärker gemacht. Vielleicht spiegelt sich das nie in Ergebnissen wider, aber der Mensch darf in meinem Beruf auch nicht vergessen werden.

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Julia Görges hat ein schwieriges Jahr 2019 hinter sich.

Sie haben sich mit Jens Gerlach als Trainer ein ganz neues Team zusammengestellt. Was waren dabei die wichtigsten Punkte für Sie?

Görges: Es war interessant, wie es zustande gekommen ist. Zwischendurch habe ich mich im vergangenen Jahr gefühlt, als würde ich ständig K.o. geschlagen. Wie ein Schwergewichtsboxer, der immer wieder aufstehen muss. Ich habe mich schon gefragt, wie viele Nackenschläge noch kommen sollen, aber dann hat sich alles irgendwie gefügt. Plötzlich waren alle da, die ich für mein neues Team brauchte, ohne dass ich viel dafür tun musste. Ich bin total glücklich, wie sich die Dinge entwickelt haben. In meinem neuen Team erlebe ich im letzten Teil meiner Karriere noch einmal etwas ganz Neues, ein ganz anderes Arbeiten als in meiner bisherigen Karriere. Ich bin viel mehr eingebunden, was zum Beispiel die Trainingsarbeit betrifft. Jeder bringt sich ein mit all seinen Qualitäten, es ist ein super Austausch von ganz unterschiedlichen Charakteren - es macht eine Menge Spaß. Ich hatte bis jetzt schon eine super Karriere, aber ich bin noch nicht fertig mit meinem Projekt. Ich bin extrem motiviert, hart zu arbeiten und lasse mich von meinem Weg auch nicht mehr abbringen. Ich tue das, was mir guttut.

Seite 1: Görges über Meilensteine und einen frühen Schock

Seite 2: Görges über K.o.-Schläge und menschliche Enttäuschungen

Seite 3: Görges über Jugend ohne Benehmen und Spaß an der Büroarbeit

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