Fussball

Ben Greenhalghs irre Geschichte: Per TV-Casting zu Inter, später CR7-Double

Von Dennis Melzer

Ben Greenhalgh gewann im Rahmen einer Castingshow einen Vertrag bei Inter Mailand. Ein Fluch für die Karriere, wie sich später herausstellen sollte.

Das Mailänder Trainingszentrum Interello an einem regnerischen Tag im Februar 2010. Dramatische Musik im Hintergrund baut den Spannungsbogen auf. Zwei Jungs, gekleidet in T-Shirt, Shorts und Stutzen vom FC Internazionale Milano, lauschen gebannt den Worten von Marco Monti, einem ehemaligen Fußballprofi, der mittlerweile im Nachwuchsbereich der Nerazzurri arbeitet. In gebrochenem Englisch erklärt der Italiener den beiden, namentlich Ben Greenhalgh und Connor Smith, was sie in Zukunft jeweils besser machen müssen.

Immer wieder wird die Kamera auf die Familien gerichtet, zeigt abwechselnd die bangenden Gesichter von Bens Mutter und Freundin sowie Connors Eltern. Sekunden verstreichen, muten an wie eine gefühlte Ewigkeit. Bis Inters Akademieleiter Piero Ausilio endlich die magischen Worte spricht. "Wir haben entschieden, wer Football's Next Star ist ...", dramaturgische Pause, "Ben". Applaus, eine Umarmung von Konkurrent Connor, Robbie Williams' "Let me entertain you" untermalt die darauffolgende Szene, als der Gewinner auf Profi-Coach Jose Mourinho trifft, der ihm feierlich das schwarz-blau-gestreifte Trikot überreicht. Handshake mit The Special One.

Ben Greenhalgh gewann gegen 7000 Mitstreiter

Im Anschluss werden die besten Szenen von Ben gezeigt. Sie skizzieren den Weg vom No-Name aus der englischen Provinz zum vermeintlich aufgehenden Stern am Fußballhimmel. Der 17-Jährige hat sich bei der britischen Castingshow "Football's Next Star" gegen insgesamt 7000 Mitstreiter behauptet. Der Lohn: Ein über sechs Monate gültiger Vertrag bei Inter. Das Format, das weltweit bis dato vor allem im Musik-Bereich als Gelddruckmaschine funktioniert hatte, wurde einfach auf den Fußball übertragen. Das sportliche Pendant zu "Deutschland sucht den Superstar", "America's Got Talent" oder "X-Factor" quasi.

"Ich habe nur teilgenommen, weil mein damaliger Trainer die gesamte Mannschaft zum Casting mitnahm", ließ Greenhalgh seine Zeit bei "Football's Next Star" im Gespräch mit 11 Freunde Revue passieren. "Das Ganze war aufgebaut wie andere Castingshows auch. Es gab verschiedene Prüfungen und Runde für Runde flogen Teilnehmer raus, bis die Jury in der letzten Sendung den Gewinner kürte." Dass es sich dabei am Ende um ihn handelte, lag vor allem daran, dass Monti großes Potenzial in dem technisch versierten Youngster sah.

"Ich habe mich mit Marco sehr gut verstanden", verriet Greenhalgh in einem Sportbible-Interview und schob nach: "Als ich mir die Show noch einmal angesehen habe, habe ich bemerkt, dass er schon früh auf mich aufmerksam wurde. Er blieb auch nach der Show mit mir in Kontakt. Ich ging mit seiner Familie essen, sie waren sehr herzlich. Damals habe ich ihn aber nicht allzu häufig gesehen, weil er mehr für die Medienabteilung arbeitete, statt auf dem Fußballplatz zu stehen." Greenhalgh selbst durfte hingegen mit der Hautevolee des Fußballs trainieren, arbeitete Seite an Seite mit Top-Stars wie Samuel Eto'o, Wesley Sneijder, Lucio oder Marco Materazzi.

"Nur wenige Monate nach der Show gewann Inter das Triple", erinnerte sich Greenhalgh im Jahr 2017 bei 11 Freunde. "Es war also unrealistisch, dass ich mich da als 18-Jähriger durchsetzen würde. Man kann sich nicht vorstellen, was für eine Qualität diese Weltklasse-Spieler haben. Ich weiß noch, wie ich im ersten Trainingsspiel mit dem Ball auf Lucio zulief und total eingeschüchtert war. Ein Javier Zanetti etwa rannte den Platz rauf und runter, ohne auch nur einmal den Ball zu verlieren. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Oder die Aura eines Jose Mourinho, die auch die größten Stars einnimmt. Ich war vollkommen in seinen Bann gezogen."

Über Como und Brighton nach Inverness

Greenhalgh war während seiner Vertragslaufzeit vornehmlich in der Inter-Jugend unterwegs, bekam nach Ablauf seiner Casting-Prämie sogar die Chance auf ein längerfristiges Engagement. "Ich unterschrieb für eine weitere Saison. Der Vertrag beinhaltete eine viermonatige Leihe bei Calcio Como in der Serie C. Es war schwierig für mich, weil die Show nicht in Italien ausgestrahlt worden war. In der Heimat wurde mir eine große mediale Aufmerksamkeit zuteil, dafür kannte mich bei Inter niemand. Das war eine Realität, die mich sehr hart traf."

Nichtsdestotrotz wusste der Offensivmann bei Como zu gefallen. "Da lief es wirklich gut, ich machte viele Tore. Danach hatte ich einige Angebote aus der Serie B. Allerdings herrschte in dieser Liga damals eine Krise, Spieler wurden teilweise nicht mehr bezahlt." Letztlich sah der Engländer seine Perspektive am Stiefel schwinden und zog in die Heimat, wo er sich zunächst bei der Reserve von Brighton & Hove Albion fit hielt. "Ich wollte zurück nach England, doch dort war ich inzwischen aus dem Blickfeld geraten." Dementsprechend hart gestaltete sich Greenhalghs Rückkehr auf die Insel. "Zwischenzeitlich habe ich noch für Inverness Caledonian Thistle in der schottischen Premiership gespielt, doch nach einem Trainerwechsel spielte ich dort keine Rolle mehr in den Planungen des Klubs."

Spätestens danach musste sich der einstige Casting-Star eingestehen, dass der Traum von der ganz großen Bühne geplatzt war. Rückblickend ist sich Greenhalgh sicher, dass sein Sieg und der damit verbundene Vertrag bei Inter eher nachteilig für den Verlauf seiner Karriere zu bewerten ist. "In der Jury von "Football's Next Star" saß Jamie Redknapp. Sein Vater Harry war damals Trainer bei Tottenham. Als die letzte Show im Kasten war, kam Jamie mit dem Telefon am Ohr zu mir und sagte, dass sein Vater mir einen Zwei-Jahres-Vertrag bei den Spurs anbietet. Aber als Gewinner konnte ich den Vertrag mit Inter nicht ablehnen. Es ist wohl das Einzige, was ich wirklich bereue. Es war immer mein Traum, in der Premier League zu spielen."

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Wie Greenhalgh zum Ronaldo-Double wurde

Obwohl es die erhoffte Profi-Laufbahn ausblieb, blieb Greenhalgh seiner Leidenschaft treu. Mit unumstrittenem Talent ausgestattet, heuerte er bei der Agentur Select Sport Artists an, bei der er als Körperdouble für etliche Fußballstars fungierte. "Das ergab sich eher zufällig", sagte er 11Freunde und ergänzte: "Mir wurde früher gesagt, dass ich ein bisschen wie Cristiano Ronaldo aussehe und einen ähnlichen Spielstil habe. Irgendwann wurde Selected Sports Artists auf mich aufmerksam. Sie vermitteln Körperdoubles oder Sportmodels für TV-Shows, Filme oder Werbungen. In meinem ersten Spot durfte ich dann gleich mit Ronaldo arbeiten."

Dieser sei "ein super Typ", mit dem man eine Menge Spaß haben könne. Nicht nur CR7 wurde von Greenhalgh gedoubelt, auch andere Größen ersetzte der mittlerweile 27-Jährige. "Luke Shaw und Gary Cahill quatschen mit dir, als wärst du seit Jahren ihr Kumpel. Anthony Martial will die ganze Zeit kicken, auch wenn die Kameras aus sind. Da jonglieren wir dann immer den Ball mit zwei Kontakten bis er runterfällt. Meistens gewinne ich, auch Mesut Özil habe ich da schon geschlagen."

Diego Costa, der in der Öffentlichkeit als "rabiater Stürmer, der gerne austeilt und nie lächelt" dargestellt wird, bezeichnete Greenhalgh als einen "der lustigsten Menschen, die ich je getroffen habe. Er macht ständig irgendwelchen Blödsinn. Während der Aufnahmen springt er schon mal vor die Kamera, um die Crew zu ärgern. Oder er schießt mit Bällen auf seine Teamkollegen, während diese gerade gefilmt werden."

Abtiegsplatz mit dem Sechstligisten Tonbridge Angels

Vielleicht aufgrund der Tatsache, dass er - zwar anders als geplant - irgendwie mit dem Fußball-Business verbandelt blieb, trauert Greenhalgh einer verpassten Mega-Karriere nicht nach. "Bei dieser Show mitgemacht zu haben, war das Größte für mich. Man befindet sich in einer Traumwelt, in der es immer nur besser und besser wird. Es war eine durchweg positive Erfahrung. Ich habe gelernt, mich in harten Situationen zu behaupten. Ich stand mit unglaublichen Spielern wie Patrick Vieira oder Quaresma auf dem Trainingsplatz. Deshalb verspüre ich absolut keinen Druck bei meinen Spielen." Spiele, die jenseits des Rampenlichts stattfinden. Greenhalgh läuft aktuell für den englischen Sechstligisten Tonbridge Angels auf, der nach 20 Spielen auf einem Abstiegsplatz rangiert.

Insgesamt erinnert sein Werdegang an das Schicksal, das traditionell viele Castingshow-Teilnehmer ereilte. Während ehemalige DSDS- oder Popstars-Hoffnungen vereinzelt noch bei Baumarkt-Eröffnungen trällern dürfen, Autogramm-Stunden in brandenburgischen Einkaufszentren geben oder maximal für den RTL-Dschungel infrage kommen, avancierte der angeblich nächste "Football's Next Star" aber immerhin noch zum Ronaldo-Double. Letztlich muss man dennoch konstatieren: Weder Greenhalgh noch die Sendung, die nach nur einer Staffel abgesetzt wurde, verfügten über das nötige Format.

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