Roger Schmidt bei Benfica Lissabon: Nachhilfe beim "großen Schmidt"

Von Tim Ursinus
Roger Schmidt
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Benfica Lissabon hat sich in der Champions League gegen die beiden Spitzenteams Paris Saint-Germain und Juventus Turin furios als Gruppensieger durchgesetzt. Es war der bislang verdiente Höhepunkt von Trainer Roger Schmidts beeindruckender Arbeit.

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22 Spiele, 19 Siege und noch keine Niederlage: Was sich wie die Ausbeute eines Favoriten auf den Gewinn des Henkelpotts liest, ist die von Roger Schmidt bei Benfica Lissabon seit dessen Übernahme im Sommer. "Ich habe den Spielern gratuliert, weil sie einen großartigen Job gemacht haben, sie haben auf einem großartigen Niveau gespielt", sagte der 55-Jährige nach dem 6:1 gegen Maccabi Haifa.

Es war ein Kantersieg, mit dem sein Team nicht nur aufgrund der Höhe ein Ausrufezeichen setzte - er bedeutete auch den ersten Platz in der Gruppe H der Champions League. Dabei sah Paris Saint-Germain schon wie der sichere Gruppensieger aus, die Portugiesen verwiesen das Starensemble aus der französischen Hauptstadt aber dank eines der breiten Masse unbekannten Absatzes im UEFA-Regelwerk noch in letzter Sekunde auf Platz zwei: Sie erzielten mehr Auswärtstore. Neben der Punktausbeute waren unter anderem auch der direkte Vergleich und das Torverhältnis der Konkurrenten identisch.

Kurios: Auch die Spieler kannten die Regel nicht, dafür aber ihr Trainer. Ein Video im Internet zeigt, wie "der große Schmidt" - so wird er in Lissabon bereits verehrt - seinen verwunderten Schützlingen Nachhilfe gab und Licht ins Dunkel brachte. Schmidt betonte zwar, dass der Glaube an das "Wunder" immer vorhanden war, "aber diese Konstellation, es über das Torverhältnis zu schaffen, hatten wir nicht im Kopf." Dabei sind Überraschungen und Spektakel unter dem Deutschen schon beinahe an der Tagesordnung.

"Es ist unglaublich, was diese Mannschaft geleistet hat. Gerade auch vor dem Hintergrund, dass wir vor der Gruppenphase schon vier Qualifikationsspiele bestritten haben", erklärte er gegenüber dem kicker und schwärmte: "Platz eins in dieser Konkurrenz ist ein großer Moment für Benfica."

Zweimal rang man PSG ein 1:1 ab, Juventus wurde mit einem 4:3 alle Hoffnungen auf ein Weiterkommen genommen und in der portugiesischen Liga werden die Gegner in großer Regelmäßigkeit abgeschossen (Torverhältnis von 29:5), was ebenfalls Platz eins bedeutet. Auch den großen Rivalen FC Porto besiegten die "Eagles" (1:0).

Roger Schmidt darf sich in Lissabon großer Beliebtheit erfreuen.
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Roger Schmidt darf sich in Lissabon großer Beliebtheit erfreuen.

Roger Schmidt hat seine Spielidee perfektioniert

In Lissabon ist es Schmidt endgültig gelungen, seine Spielidee auf höchstem Niveau zu perfektionieren. Was in knapp drei Jahren bei Bayer 04 Leverkusen nur streckenweise klappte, verbesserte er bereits bei seiner vorherigen Station bei der PSV Eindhoven. Mit Spielern wie Mario Götze setzte er wie gewohnt auf ein rasantes Umschaltspiel. Seine Liebe zum aggressiven Gegenpressing hatte er bereits in Leverkusen oder zuvor noch in Salzburg unter Beweis gestellt.

Bei der PSV lockerte er seine Prinzipien aber etwas auf und ließ auch vereinzelt erholsame Elemente des Ballbesitzfußballs zu. Das hatte zum einen den Grund, dass seine Spieler dem intensiven Überfallfußball in der ersten Saison regelmäßig Tribut zollten und in der zweiten Hälfte einbrachen.

Schmidt erkannte aber auch noch früh genug, dass seine Taktik in dieser Form nicht zum erhofften Titelgewinn führen wird. Mit Erfolg: Eindhoven lieferte sich im Gegensatz zur Vorsaison (16 Punkte Abstand) über die gesamte Spielzeit einen packenden Meisterschaftskampf mit Ajax Amsterdam. Dennoch setzte sich der Branchenprimus der Eredivisie am Ende knapp mit zwei Punkten Vorsprung durch.

Den Entschluss, den Verein mit Ablauf seines Zweijahresvertrags zu verlassen, fällte er jedoch schon früher. "Im Sommer möchte ich dann aber frei sein, um eine neue Entscheidung für mich treffen zu können", erklärte er bereits im Februar mit dem Hintergedanken, die Karriereleiter nochmal einige Sprossen hochklettern zu wollen. Wenige Monate zuvor hatte er noch RB Leipzig abgesagt, weil es für ihn "keine Option" sei, einen Verein während der Saison zu verlassen.

Roger Schmidt sagte wohl Frankfurt und Hertha ab

Nach der Bekanntgabe seines Abschieds streckten dem Vernehmen nach unter anderem auch Eintracht Frankfurt und Hertha BSC ihre Fühler nach Schmidt aus. Gegen das Angebot des nach Mitgliedern zweitgrößten Vereins der Welt war aber kein Kraut gewachsen. "Als die Kontaktaufnahme kam, war für mich klar: Wenn Benfica will, dass ich Trainer werde, dann gehe ich zu 100 Prozent dorthin. So einen Verein trainieren zu dürfen, ist für mich eine Ehre", sagte er kürzlich im kicker-Interview.

Und Schmidt passt zu 100 Prozent nach Lissabon. Gleiches gilt für seine nun ausgereifte Spielweise, wie auch ein vom Videoschiedsrichter aberkanntes Tor beim 5:0-Sieg gegen CD Chaves am vergangenen Donnerstag eindrucksvoll unter Beweis stellte.

Benficas Chancen resultieren häufig aus einem frühen Ballgewinn. Der Ballführende wird wie auch in dem mustergültigen Beispiel umzingelt und entweder zum Fehlpass oder in einen aussichtslosen Zweikampf gezwungen. Danach gibt es zwei Optionen: Das Schmidt-Team überrollt seinen Gegner mit einem blitzschnellen Gegenangriff oder kombiniert sich mit einigen gezielten Vertikalpässen Richtung Tor.

Zweiteres war auch beim vermeintlichen Treffer von Supertalent Enzo Fernández, das unter Schmidt endgültig explodierte und Spielern wie Julian Draxler keine Chance auf die Startelf lässt, der Fall. Dem traumhaften Abschluss gingen zwölf meist raumöffnende und direkt gespielte Pässe voraus. Der eigentliche Hingucker war also das Kombinationsspiel, weshalb auch der Umstand, dass der Treffer nicht zählte, die Aktion nicht schmälert. Die Passstafette erinnerte schließlich an die glorreiche Zeit des FC Barcelona - aber viel wichtiger: Sie war eine Bestätigung von Schmidts Arbeit und Spielidee.

Benfica Lissabon: Der Albtraum von PSG-Boss Al-Khelaifi?

"Wir haben unglaublich Spaß, freuen uns auf jedes Spiel und wollen zum Jahresabschluss kein bisschen nachlassen", sagte er nach dem Sieg gegen Haifa und unterstrich damit seine Ambitionen. Obwohl es in der Königsklasse durch den Gruppensieg nun deutlich einfacher ist, die nächste Runde zu überstehen und wie im vergangenen Frühjahr ins Viertelfinale einzuziehen (Aus gegen Liverpool), genießt der nationale Triumph Priorität.

Benfica wartet seit der Meisterschaft 2019 und dem Pokalsieg 2017 wieder auf einen Titel. Größter Konkurrent neben Porto ist Sporting Braga. Bei dem Verein stieg kürzlich ausgerechnet Nasser Al-Khelaifi mit einer Minderheitsbeteiligung von 21,67 Prozent ein, der katarische Geschäftsmann ist zugleich Präsident von PSG.

Ende Dezember, also bereits kurz nach der Weltmeisterschaft, kommt es zum direkten Duell zwischen dem Tabellenführer aus Lissabon und dem Tabellenzweiten (sechs Punkte weniger). Dann blüht Al-Khelaifi womöglich erneut ein Benfica-Albtraum.

Champions League: Die beiden Lostöpfe auf einen Blick

Lostopf 1Lostopf 2
SSC NeapelFC Liverpool
FC PortoFC Brügge
FC Bayern MünchenInter Mailand
Tottenham HotspurEintracht Frankfurt
FC ChelseaAC Milan
Real MadridRB Leipzig
Manchester CityBorussia Dortmund
Benfica LissabonParis Saint-Germain