Fussball

Gianni Infantinos Skandalakte: Privatflüge zum Papst, Absprachen mit dem Bundesanwalt, Ausschalten von Kritikern

Von Martin Volkmar

Nachdem in der Schweiz ein Ermittlungsverfahren gegen Gianni Infantino läuft, müsste dieser eigentlich wie sein Vorgänger Sepp Blatter als FIFA-Präsident suspendiert werden. Warum er trotz aller Skandale weiter im Amt bleiben dürfte, erklärt die Fußball-Kolumne.

Als Gianni Infantino am 26. Februar 2016 zum FIFA-Präsidenten gewählt worden war, griff er sich gerührt ans Herz und erklärte dann vollmundig: "Ich will eine neue Ära bei der FIFA einläuten, bei der der Fußball wieder ins Zentrum rückt."

Doch relativ schnell wurde klar, dass das nur Lippenbekenntnisse waren. Nicht der Fußball steht bei Infantino im Mittelpunkt, sondern die maximale Kommerzialisierung des Produkts und offenbar auch die persönliche Bereicherung.

Noch als UEFA-Generalsekretär hatte er einen TV-Vertrag mit korrupten südamerikanischen Rechtehändlern unterzeichnet. Daher traf sich der 50-Jährige schon keine zwei Monate nach seiner Wahl zum FIFA-Boss heimlich mit dem Schweizer Bundesanwalt Michael Lauber, der schließlich nur gegen Unbekannt und nicht gegen Infantino ermittelte und das Verfahren 2017 einstellte.

Danach kamen die beiden noch mindestens zweimal zusammen und dürften weitere heikle Themen besprochen haben, konnten sich aber an ein dokumentiertes Meeting im Juni 2017 in Bern nicht mehr erinnern. Nachdem mehrere Strafanzeigen gegen Lauber, Infantino und weitere Personen eingegangen waren, ermittelt seit Ende Juni ein außerordentlicher Staatsanwalt des Bundes, Dr. Stefan Keller.

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Gianni Infantino: Strafverfahren in der Schweiz eröffnet

Vergangene Woche erklärte das Bundesverwaltungsgerichts in St. Gallen, dass Lauber bei den Befragungen durch die Aufsichtsbehörde der Bundesanwaltschaft "vorsätzlich die Unwahrheit sagte und das dritte Treffen mit Fifa-Präsident Infantino bewusst verschwieg. Es bestätigt somit die schwere Verletzung seiner Amts- und Treuepflicht in diesem Punkt". Daraufhin trat der hoch umstrittene Bundesanwalt zurück. Trotzdem hat Sonderermittler Keller am Donnerstag offiziell ein Strafverfahren gegen Lauber, Infantino und andere eröffnet wegen Amtsmissbrauch, Verletzung des Amtsgeheimnisses und Begünstigung sowie Anstiftung zu diesen Tatbeständen.

Infantinos viel kritisierter Vorgänger Sepp Blatter hatte sich 2015 nur noch 13 Tage im Amt halten können, ehe er von der FIFA-Ethikkommission damals ebenfalls aufgrund einer Anklage suspendiert worden war - was erst den Weg für Infantino freimachte. "Der Fall ist klar", erklärte Blatter nun: "Jetzt muss auch die Fifa-Ethikkommission ein Verfahren gegen Gianni Infantino einleiten und ihn suspendieren."

Doch die meisten Beobachter rechnen damit, dass Infantino, der erwartungsgemäß alle Vorwürfe weit von sich weist, auch diesmal den Kopf aus der Schlinge ziehen kann. So verweist die FIFA darauf, dass eine Sperre im Falle eines Strafverfahrens nicht mehr automatisch in Kraft tritt. Offenbar auf Drängen Infantinos wurde der Ethik-Kodex entsprechend abgewandelt in eine Kann-Bestimmung. Die vom Präsidenten installierte Chefermittlerin Claudia Rojas kann den Präsidenten also auch im Amt belassen - wovon Insider ausgehen.

Gianni Infantino: Die Skandalakte wird immer länger

So wird die Skandalakte Infantino, die sich in gerade einmal viereinhalb Jahren angesammelt hat, immer länger und kann an dieser Stelle nur unvollständig wiedergegeben werden:

  • Privatflüge: Mindestens dreimal hat Infantino unbotmäßig einen Privatflieger benutzt. Einmal flog er damit zu einer Audienz beim Papst, ein anderes Mal nutzte er die Maschine eines russischen Oligarchen. Zuletzt im April 2017 mietete sein Tross laut Süddeutscher Zeitung eine Chartermaschine für eine sechsstellige Summe, um einen Tag früher von einem Kongress in Surinam zurück nach Europa zu kommen. Begründung gegenüber dem von ihm eingesetzten Compliance-Chef der FIFA war ein dringendes Treffen am nächsten Tag mit UEFA-Präsident Alexander Ceferin, das aber nachweislich nicht stattgefunden hat.
  • Vetternwirtschaft: Wie Blatter hat auch der von der UEFA ins Rennen geschickte Infantino schnell gemerkt, dass er sich die Mehrheiten für seine Wiederwahl am einfachsten in Asien, Afrika und Amerika holen kann. So gewann er die Wahl vor allem durch das Versprechen einer Aufstockung der WM-Teilnehmer von 32 auf 48 und der Verdoppelung der Entwicklungshilfezahlungen für die Mitgliedsverbände. Diese Zahlungen rücken viele in die Nähe der Bestechung von Wahlmännern, weil das Geld fast nie an der Basis ankommt und zahlreiche Funktionäre wegen persönlicher Bereicherung angeklagt wurden. Es sei alles genauso wie unter Blatter, sagte der Delegierte Ugandas beim letztjährigen Kongress: "Nur muss man jetzt viele Formulare ausfüllen, bevor man sein Geld bekommt."
  • Alleinherrschaft: Eigentlich hatte Infantino angekündigt, das Tagesgeschäft nach seiner Wahl in die Hand des Generalsekretärs zu geben und ist offiziell nur noch eine Art Aufsichtsratsvorsitzender. Doch die im Fußball zuvor völlig unerfahrene Senegalesin Fatma Samoura ist eine CEO von seinen Gnaden, die Entscheidungen trifft Infantino. In dieses Bild passte auch, dass er sich 2019 nicht durch eine geheime Abstimmung, sondern per Akklamation wiederwählen ließ. Eine Opposition, die ihren Namen verdient, muss er aufgrund der Zustimmung außerhalb Europas und des teilweise hasenfüßigen Auftretens der UEFA-Vertreter ohnehin bislang nicht fürchten.
  • Ausschalten von Kritikern: Am gefährlichsten wäre Infantino spätestens jetzt wohl eine unabhängige Ethikkommission geworden, die ja bereits Blatter, Michel Platini und den damaligen Generalsekretär Jerome Valcke suspendierte. Doch der neue Boss entmachtete das Gremium schon wenige Wochen nach seiner Wahl, so dass der Compliance-Vorsitzende Domenico Scala entnervt zurücktrat. Und ein Jahr später entfernte Infantino auch die führenden Köpfe der Ethikkomission, den deutschen Richter Hans-Joachim Eckert, den Chefermittler Cornel Borbely aus der Schweiz und den ehemaligen New Yorker Bundesanwalt Michael Garcia. Diese hätten ihn und seine Vorstandskollegen zu "Geiseln" gemacht, soll er intern erklärt haben - was er öffentlich bestritt. Eckert erklärte, sein Rauswurf "bedeutet das Ende des Reformprozesses bei der FIFA". Dafür spricht auch die Berufung der neuen Chefin der Ethikkommission, der kolumbianischen Verwaltungsrichterin Claudia Rojas, die von Insidern als ahnungslos bezeichnet wird.
  • imago images / Xinhua
  • Profitmaximierung: Ein Hauptargument der Infantino-Unterstützer ist, dass er den Weltverband aus den tiefroten Zahlen am Ende der Blatter-Ära geführt hat. Tatsächlich wurde dank der WM 2018 ein Gewinn von mehr als einer Milliarde Dollar gemacht, von dem Infantino jedem der 211 Mitgliedsverbände mindestens sechs Millionen Dollar versprochen hat. Ein Teil der Gewinne hängt aber auch mit der Verwässerung der Wettbewerbe zusammen, vor allem der WM-Ausweitung auf 48 Teams, und der Erfindung neuer, lukrativer Turniere wie der Klub-Weltmeisterschaft. Seinen größten Deal bekam Infantino allerdings (bisher) nicht durch: Den Verkauf zweiter Wettbewerbe und zahlreicher Rechte für 25 Milliarden Euro an ein dubioses Konsortium, dessen Herkunft der FIFA-Boss bis heute auch seinen Vorstandskollegen verheimlicht hat. Angeblich hatte er für sich selbst den hoch dotierten Posten als CEO bei dem Unternehmen vorgesehen.
  • Glaubwürdigkeit: Infantino hat den miserablen Ruf der FIFA nicht verbessert, sondern mit seinem intransparenten und teilweise abgehobenen Auftreten weiter ramponiert. Gegenseitige Lobhudeleien mit umstrittenen Politikern wie Trump, Erdogan oder Putin, von dem er mit dem russischen Freundschaftsorden ausgezeichnet wurde, prägen dieses öffentliche Bild. Doch noch gravierender für den anhaltenden Imageverlust sind die oben dokumentierten Fakten. So kam der Antikorruptions-Experte Mark Pieth zu der Schlussfolgerung: "Infantino sprengt sogar die Dimension Blatter."

Es verwundert daher nicht, dass ausgerechnet der 18 Jahre unangefochten amtierende Blatter nun zu den lautesten Kritikern seines Nachfolgers gehört, obwohl sich beide doch so ähnlich sind. Aber vielleicht spekuliert der inzwischen 84-Jährige auch auf ein Comeback.

Nach Ablauf seiner sechsjährigen Sperre durch die FIFA-Ethikkommission im nächsten Jahr könnte er ja wieder übernehmen. Einen großen Unterschied würde es vermutlich nicht machen.

FIFA: Alle Präsidenten seit 1978 im Überblick

NameNationalitätAmtszeit
Joao HavelangeBrasilien8. Mai 1974 - 8. Juni 1998
Sepp BlatterSchweiz8. Juni 1998 - 8. Oktober 2015
Issa Hayatou (Interim)Kamerun8. Oktober 2015 - 26. Februar 2016
Gianni InfantinoSchweizSeit 26. Februar 2016

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