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Heiko Vogel im Interview: "Ohne das von Klopp erzeugte Urvertrauen hättest du keine Chance"

Von Niklas König

Heiko Vogel arbeitete bereits als Nachwuchs- und Cheftrainer, außerdem war er Sportlicher Leiter der Jugendabteilung des FC Bayern München. SPOX und Goal trafen den aktuellen Coach des KFC Uerdingen zum ausführlichen Gespräch.

Vogel erzählt im ersten Teil des Interviews von seinem Bewerbungsgespräch beim FC Bayern und seinem Praktikum bei Real Madrid. Außerdem: Warum Hermann Gerland einen entscheidenden Anteil an den Karrieren von Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm hat, welche Jugendmannschaften der Bayern besonders stark waren, welcher Star der Königlichen ihn am meisten beeindruckt hat.

Ein Gespräch über Coaching-Methoden, die Arbeit mit Videomaterial, Mentalitätsspieler und Besessenheit.

Herr Vogel, welches Buch lesen Sie gerade?

Heiko Vogel: Die Biografie von Roger Federer. Sehr spannend. Die letzten zwei Kapitel fehlen mir noch.

Was können Sie daraus mitnehmen?

Vogel: Zunächst muss man in dem Kontext erwähnen, dass Roger eine unfassbare Entwicklung genommen hat. Natürlich war er mit Talent gesegnet, er war aber auch relativ launig. Gar nicht negativ, aber eben doch sehr verspielt und wenig fokussiert. Dadurch war er anfangs auch gar nicht so erfolgreich. Interessant ist, dass er sich peu a peu mit einer stoischen Ruhe und großem Durchsetzungsvermögen Dinge erarbeitet hat. Er hat immer einen Schalter gefunden, das finde ich bemerkenswert. Er war zum Beispiel unglaublich cholerisch, hat sich oft aus der Ruhe bringen lassen. Dann hat er erkannt: Moment, das ist ja eigentlich schlecht für mich. Zack - abgestellt.

Heiko Vogel will "immer die Initiative übernehmen"

Leichter gesagt als getan.

Vogel: Definitiv, deshalb ist es ja so faszinierend. Er hat immer Taten folgen lassen, ist ein Wettkampftyp in Perfektion. Das Schöne ist, wie er als Mensch geblieben ist. Trotz seiner ungeheuren Popularität hat er die Bodenhaftung nie verloren. Was er für den Sport getan, was er alles über sich ergehen lassen hat - ob es die ganzen Reisestrapazen, Interviews, Selfies oder Autogrammwünsche sind -, ist für mich noch höher anzusiedeln als seine sportliche Leistung. Seine Einstellung nehme ich mir zum Vorbild.

Gibt es ein Buch, aus dem Sie besonders viel für Ihren Job mitgenommen haben?

Vogel: Das Buch von Garri Kasparov. Ich schmökere immer wieder darin. Da geht es um die Strategien eines Schachweltmeisters.

Gab es eine besondere inhaltliche Komponente, die Sie herauspicken können?

Vogel: Immer die Initiative übernehmen!

Passend zu Ihrem bevorzugten Spielstil.

Vogel: Genau, nach Möglichkeit immer aktiv, nicht passiv, mit viel Ballbesitz. Und wenn ich den Ball nicht habe, möchte ich sofort die Initiative ergreifen, um ihn wieder zu bekommen. Deshalb hat mir sein Ansatz so gut gefallen. Ich spiele selbst gerne Schach. Wenn dich dein Gegner immer wieder mit seinen Zügen unter Druck setzt, bist du automatisch in einer reaktiven Haltung. Du denkst defensiv und kannst nur auf einen Fehler hoffen, das ist unangenehm. Da kann man viele Parallelen zum Fußball ziehen. Wenn ich schnell gegen den Ball presse, ist es unangenehm für den Gegner, weil ich ihm Raum und Zeit nehme.

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Heiko Vogel ist nicht länger Trainer des KFC Uerdingen.

Heiko Vogel: "Pep hat Teile aus Gladiator gezeigt"

Empfehlen Sie Ihren Spielern Bücher?

Vogel: Das nicht. Ich erzähle aber teilweise davon. Es gibt Sätze oder Sichtweisen, die ich übernehme. Warum soll ich die neu erfinden?

Arbeiten Sie mit Leitplanken?

Vogel: Weniger. Ich finde den Begriff ein wenig hochtrabend, aber ich kenne keinen besseren: Jeder Trainer hat seine Spielphilosophie. Es geht darum, dass man die Spieler abholt. Man hat natürlich seine Vorstellungen, die aber immer davon abhängig sind, welche Spieler einem zur Verfügung stehen. Man muss so flexibel sein, dass die Philosophie auf den Kader passt. Wenn ich zum Beispiel keine extrem starken Einzelspieler wie Leroy Sane oder Serge Gnabry auf den Außenbahnen habe, muss ich vielleicht kein 4-3-3 spielen. Ein System muss immer der Mannschaft gerecht werden, nie dem Trainer. Ich will mit jeder Mannschaft ballbesitzorientiert spielen, aber es gibt unterschiedliche Wege, wie ich dorthin komme.

Gibt es Filme, die Sie beruflich verwendet haben?

Vogel: Das ist schon schwieriger. Es gibt natürlich Sportfilme wie Coach Carter oder An jedem verdammten Sonntag. Pep hat Teile aus Gladiator vor seinem ersten Champions-League-Finale gezeigt. Das ist eine feine Sache. Man muss aber wissen, was man damit erreichen will. Es geht nicht darum, die Spieler zu motivieren. Vor einem Champions-League-Finale ist jeder bis in die Haarspitzen motiviert. Es geht darum, die Spannung rauszunehmen. Allgemein sind es aber weniger die Hollywoodfilme, es gibt unglaublich viele Dokumentationen, zum Beispiel Mount St. Elias, die längste Skiabfahrt der Welt. Neulich hat mir ein Bekannter ein Video namens Ice & Palms geschickt. Da sind zwei Jungs mit dem Fahrrad und Skiern im Gepäck in München losgefahren und an der Cote d'Azur rausgekommen. Immer wenn sich auf diesem Weg die Möglichkeit ergeben hat, haben sie die Fahrräder angekettet und die Skischuhe angezogen. Dann den Berg hoch und Abfahrt - in extremem Stil. Sowas finde ich stark. Das zeigt, was möglich ist.

Sie haben Pep Guardiola angesprochen, der seinen Spielern einen emotionalen Clip mit Szenen aus Gladiator zeigte, der auch die Höhen und Tiefen der Saison beinhaltete. Einige Barca-Spieler waren davon begeistert, andere weniger, weil sie sich kurz vor dem Anpfiff aufgewühlt fühlten.

Vogel: Das ist die Krux. Du versuchst immer, möglichst viele zu catchen, weißt aber, dass du nie alle mitnehmen kannst.

Heiko Vogel im Steckbrief

geboren21. November 1975 in Bad Dürkheim
TrainerlizenzUEFA-Pro-Lizenz
Stationen als Co-TrainerFC Bayern U17, FC Ingolstadt
Stationen als CheftrainerFC Bayern U17, FC Basel, FC Bayern U19, FC Bayern II, Sturm Graz, KFC Uerdingen
Durchschnittliche Amtszeit als Trainer1,88 Jahre

Heiko Vogel: Wir haben die Eltern der Spieler interviewt

Haben Sie schon mit Videomaterial motiviert?

Vogel: Zweimal. Vor dem letzten Champions-League-Gruppenspiel mit dem FC Basel gegen Manchester United haben wir mit unserem Psychologen Chris Marcolli, der auch mal mit Roger Federer zusammengearbeitet hat, einen zehnminütigen Film kreiert. Einen Tag vor dem Spiel haben wir ihn den Spielern abends im Hotel gezeigt.

Worum ging es?

Vogel: Der Titel lautete Be David. Es ging um die Geschichte von David gegen Goliath. Jeder kennt sie, aber kaum einer weiß, wie sie eigentlich genau lautet. Deswegen hat Chris sie den Spielern erzählt. David und Goliath waren Stellvertreter von Heeren. Es ging darum, wer gegen Goliath kämpft, dann hat sich David freiwillig gemeldet. Er war nicht kampfunerprobt, hatte schon mit Löwen gekämpft und Bären vertrieben, weil er Hirte war. Im Kampf hat David dann gemerkt: Wenn ich mit Goliaths Waffen kämpfe, werde ich das Ding verlieren. Die Rüstung war zu schwer, er konnte sich kaum bewegen. Also hat er sie abgelegt und mit seinen eigenen Waffen gekämpft. Wer jetzt glaubt, der erste Versuch hätte schon gesessen: Nein. Nicht erwarten, dass man sofort belohnt wird. Immer weitermachen. So hat Chris die Geschichte erzählt und dann hat er den Film gezeigt. Einen Clip mit Spielszenen, musikalisch untermalt, richtig gut gemacht. Es ging darum, dass die Jungs für eine Viertelstunde nicht an das Ereignis am nächsten Tag denken. Um auf Federer zurückzukommen: Er kommt erst sehr kurz vor einem Finale in den Tunnel. Das ist sehr wichtig. Vorher geht es darum, keine zu hohe Anspannung zu empfinden.

Wann haben Sie zum zweiten Mal mit Videomaterial gearbeitet?

Vogel: Das war vor dem Achtelfinal-Hinspiel gegen Bayern, auch wieder mit Chris. Da haben wir es geschafft, die Eltern der Spieler zu interviewen, ohne dass die Jungs etwas davon mitbekommen haben. Chris hat zwei Fragen gestellt: Welches Ereignis ist Ihnen aus der Jugendkarriere Ihres Sohns besonders in Erinnerung geblieben? Warum hat Ihr Sohn es verdient, morgen dieses Achtelfinale zu spielen? Das war ergreifend. Die Spieler haben anfangs gelacht, aber irgendwann ging es ihnen nahe. Und vor allem ging es weg von der Fokussierung auf das Spiel.

Das klingt sehr persönlich.

Vogel: Absolut, wir haben das teilweise über Skype gemacht. Der Vater von Jacques Zoua musste erst auf einen Berg steigen, um überhaupt erreichbar zu sein. Die Eltern von David Abraham waren auch nicht so einfach an den Hörer zu bekommen. Das war schon hammerstark, aber auch eine absolute Ausnahme. Solche Momente erlebt man nicht oft mit einer Mannschaft.

Seite 1: Heiko Vogel über Motivation und Erfahrungen mit Pep Guardiola

Seite 2: Heiko Vogel über Jürgen Klopp, Mario Mandzukic und Zoff mit Hummels

Seite 3: Heiko Vogel über Jupp Heynckes und Bastian Schweinsteiger

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