John Wall und der Durchbruch

Wie Westbrook ohne Tollwut

Ole Frerks

Mittwoch, 19.04.2017 | 13:16 Uhr

John Wall hat in Spiel 1 gegen Atlanta das wohl beste Playoff-Spiel seiner Karriere hingelegt. Angesichts der Regular Season darf dies niemanden überraschen. Im Schatten größerer Namen hat sich der Point Guard der Washington Wizards in den erweiterten Kreis der MVP-Kandidaten gespielt - und das soll noch lange nicht das Ende seiner Entwicklung sein.

"Ich werde nicht auf dem ersten Platz landen", sagte John Wall nach dem besten Playoff-Spiel seiner Karriere. "Dafür muss ich noch ein Stück klettern."

Was er damit meinte? Es ging natürlich mal wieder um die drei großen Buchstaben, über die zum Ende einer jeden NBA-Saison gesprochen wird: MVP. Teammate Brandon Jennings hatte kurz zuvor via Player's Tribune sein persönliches Plädoyer für Wall abgegeben, in Game 1 gegen die Hawks stimmten auch die Wizards-Fans in die Forderung ein, sobald ihr Point Guard an der Freiwurflinie stand.

Wall hatte Recht mit seiner Reaktion darauf - er wird in dieser Saison mit 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit nicht MVP werden, auch wenn wir uns für die offizielle Verkündung leider noch bis nach den Finals gedulden müssen. Wenn man allerdings auf Walls Regular Season und das Auftaktspiel der Postseason blickt, kann man feststellen, dass er wirklich nicht mehr allzu weit von dieser Diskussion entfernt ist.

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Beste Saison der Karriere

23,1 Punkte und 10,7 Assists legte Wall in dieser Saison auf, zudem führte er die Liga bei den Steals an (2,1) - und was im Boxscore nur bedingt auftaucht: Im Gegensatz zu den beiden MVP-Favoriten Russell Westbrook und James Harden ist er nicht nur offensiv, sondern auch defensiv ein absoluter Elite-Spieler auf seiner Position. Wer weiß - hätten die Wizards mit 3-9 nicht einen dermaßen schlechten Saisonstart hingelegt, hätte Wall vielleicht sogar eine realistische Chance gehabt.

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John Wall und der "MJ-Shrug" - nach 15 Punkten im dritten Viertel gegen Atlanta

Im Anschluss gewannen die Wizards 46 von 70 verbleibenden Spielen, am Ende reichte dies für die beste Saison der Franchise seit 1979 - und auch das erste Mal Heimvorteil in der ersten Runde seit dem Jahr, als Washington zum letzten Mal in den Finals stand. Wall spielte dabei seine mit Abstand beste Saison. Wohl auch deshalb, weil die Wizards im Sommer nach jahrelangem Buhlen doch bei Kevin Durant abblitzten.

"Es hat bei mir den Druck verstärkt, der Hauptverantwortliche zu sein, der Franchise Player", erklärte Wall kürzlich gegenüber The Vertical. "Meine Einstellung war: 'Das hier ist definitiv mein Team.' Wenn ich das Team nicht anführe, auf und neben dem Court, werden wir nie dort ankommen, wo wir hinwollen. Wir haben die Möglichkeit, etwas Besonderes zu schaffen."

Neue Mentalität dank Brooks

Der 26-Jährige hat sich dabei damit abgefunden, dass sein Spiel nie den Respekt bekommen wird, das es verdient hätte, solange er keine signifikanten Playoff-Erfolge vorzuweisen hat. Nachdem die Wizards 2015 noch an den Conference Finals geschnuppert hatten, wurden die Playoffs im letzten Jahr komplett verpasst.

Wall war dafür natürlich nicht allein verantwortlich - Bradley Beal fehlte große Teile der Saison, Otto Porter und Kelly Oubre waren noch weit vom jetzigen Niveau entfernt, Markieff Morris kam erst spät in der Saison - dennoch nahm der viermalige All-Star die Schmach persönlich. In dieser Saison präsentierte er sich mit einer Einstellung, die er vorher nicht hatte; er internalisierte die Meinung vom neuen Coach Scott Brooks, dass er "jedes Jahr einer der fünf besten Spieler" der Liga sein könne.

"So denke ich in dieser Saison und ich glaube, dass ich dadurch besser geworden bin", sagte Wall. "Wenn ich gegen LeBron oder Durant auf dem Feld stehe, bin ich vielleicht nicht der komplettere Spieler, aber ich habe die Einstellung, dass ich der beste Spieler sein kann. Ich weiß, dass ich mein Spiel auf ein anderes Level heben kann. Und es tut mir gut, dass das auch von anderen Spielern in der Liga anerkannt wird, weil ich lange zu vielen von ihnen aufgeschaut habe."

Dominanz im Auftaktspiel

Wie sich dieses Selbstvertrauen ausdrückt und wie viel besser Wall in dieser Saison tatsächlich geworden ist, demonstrierte er in Spiel 1 gegen Atlanta auf beeindruckende Art und Weise. 32 Punkte und 14 Assists standen am Ende in seinem Boxscore, das veranschaulichte seine Dominanz allerdings nur zur Hälfte.

Wann immer Wall Tempo aufnahm, waren die Hawks in absoluten Alarmzustand versetzt - abgesehen von Russell Westbrook ist wohl kein Guard im Fastbreak gefährlicher als er. Im Vergleich zu Russ, der 2016/17 in Transition 6,7 Punkte bei 54,1 effektiver Wurfquote auflegte, ist Wall mit 6,3 und 60 Prozent eFG sogar eine Ecke effizienter - und er verliert viel seltener den Ball (22,4 Prozent Turnover-Rate bei Westbrook, 14,3 Prozent bei Wall). Im Fastbreak wirkt Wall mit seiner Mischung aus Tempo, Athletik und Verstand bisweilen wie ein Westbrook ohne Tollwut.

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Wall punktet aber freilich nicht mehr fast nur in Transition, wie es früher einmal der Fall war. Sein Wurf ist durch harte Arbeit viel besser geworden und an guten Tagen mittlerweile eine richtige Waffe. Das Absinken der Hawks und Gegenspieler Dennis Schröder bestrafte Wall mit zwei Dreiern sowie mehreren Pullup-Jumpern aus der Mitteldistanz. Dabei ist er zwar lange kein Chris Paul, aber doch sicher genug, dass man ihm eigentlich nicht zu viel Platz lassen sollte.

An 62 Punkten direkt beteiligt

Das wiederum spielt Wall natürlich ganz besonders in die Karten, da es seine allergrößten Stärken freisetzt. Zum einen den Speed und damit die Chance, an jedem Gegenspieler dieser Welt vorbeizuziehen, und zum anderen die spektakuläre Court-Vision. Ähnlich wie James Harden oder LeBron James besitzt Wall die Gabe, die Position jedes Spielers auf dem Platz wahrzunehmen und seine nächste Bewegung vorauszuahnen, sodass er seine Mitspieler stets genau dort bedient, wo sie sich mit dem Ball am wohlsten fühlen.

Zumindest in der Starting Five hat Wall dabei den perfekten Mix an Shootern und Finishern neben sich, um seine Übersicht zu maximieren. Beal ist ein Shooter und zusätzlich ein zweiter Playmaker, Porter ist ebenfalls auf Dreier und harte Cuts spezialisiert. Marcin Gortat verwertet Walls Anspiele aus dem Pick'n'Roll und Morris kann sowohl innen als auch außen Ärger machen.

Die größten Playoff-Upsets: Underdog? Von wegen!

Die Big Men der Hawks kamen mit dieser Vielseitigkeit in Spiel 1 überhaupt nicht zurecht: Wall scorte nicht nur selbst, sondern fand auch immer wieder entweder Morris (21 Punkte) oder Gortat (14), wenn Dwight Howard oder Paul Millsap gegen ihn aushelfen wollten. An stolzen 62 Punkten war der Point Guard am Ende als Scorer oder Vorbereiter direkt beteiligt - und das, obwohl die Wizards bloß 8 ihrer 28 versuchten Dreier trafen.

Überhaupt war die Leistung der Wizards lange nicht perfekt und auch der Endstand von 114:107 nicht so deutlich, wie er angesichts von Walls Dominanz hätte sein müssen. Aufgrund der mangelnden Tiefe ist es auch noch lange nicht sicher, dass sie die Serie gegen die Hawks gewinnen werden. Im Endeffekt haben sie bisher einfach nur ein Spiel gewonnen.

"Ich liebe das Rampenlicht"

Mit Wall in dieser Form haben sie aber freilich ziemlich gute Karten. "Ich genieße das", sagte Wall am Dienstag zu HoopsHype. "Ich liebe das Rampenlicht und die große Bühne. In den Playoffs werden Superstars und Legenden geboren. Man kann zeigen, was in einem steckt. Es gibt nichts, was mehr Spaß macht."

Und es soll damit noch lange nicht vorbei sein: "Ich muss mehr als die zweite Runde erreichen", hatte er noch vor der Postseason erklärt - ein weiteres Testament seines gesunden Selbstvertrauens. Zumal man aufgrund des Seedings in der zweiten Runde Topfavorit Cleveland aus dem Weg gehen würde und stattdessen Chicago oder Boston schlagen müsste.

Dennoch: Ein Schritt nach dem anderen ist die Devise. Das gilt für die Wizards und genauso für ihren Franchise Player auf seinem Weg dahin, endlich als einer der besten Spieler der NBA anerkannt zu werden.

"Vielleicht einer der sieben besten Point Guards"

"Ich höre immer noch manchmal Leute sagen: 'Er ist vielleicht einer der besten sieben Point Guards'", sagte Wall mit einem Grinsen zu The Vertical. "Das ist einfach nur weitere Motivation. Genau wie die All-NBA Teams und solche Sachen. Jeder hat seine eigene Meinung und ich bin niemand, der deswegen böse wird. Ich nehme es niemandem übel, was er sagt, aber ich nutze jede Kritik als Motivation."

Diese Einstellung hat den früheren No.1-Pick schon jetzt in eine ziemlich beeindruckende Lage gebracht. Und wer weiß: Wenn er so weiter macht, sind es bald vielleicht nicht mehr nur ein paar Wizards-Fans (und Brandon Jennings), die John Wall und die drei großen Buchstaben der Basketball-Konversation miteinander in Verbindung bringen.

John Wall im Steckbrief

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