"Der Druck macht mich kaputt"

Von Jan Höfling

Freitag, 17.07.2015 | 14:45 Uhr
© getty
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Er ist ein Original, seine Ansprachen sind legendär. Ulli Wegner hat den Boxsport in Deutschland entscheidend geprägt. Vor dem vierten Duell zwischen Arthur Abraham und Robert Stieglitz (Sa., 22.30 Uhr im LIVE-TICKER) spricht die Trainerlegende im Interview mit SPOX über Abrahams große Chance, das Scheitern Felix Sturms und Marco Huck auf Irrwegen. Außerdem: Ein Fazit zum Kampf des Jahrhunderts, den selbstauferlegten Druck und die Probleme des Boxsports.

SPOX: Herr Wegner, das vierte Aufeinandertreffen zwischen Arthur Abraham und Robert Stieglitz steht an. Abraham geht als Favorit in den Kampf. Droht die in der Vergangenheit mehrfach fatale Nachlässigkeit deshalb wieder durchzubrechen?

Ulli Wegner: Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich glaube, dass dieser Kampf für beide enorm wichtig ist. Deshalb wird Arthur sich am Riemen reißen und die Sache ein für alle Mal klarstellen. Nachdem er im zweiten Kampf Pech mit seiner Verletzung hatte, hat er nun die große Chance, das Duell endgültig zu beenden.

SPOX: In der Vorbereitung kam sogar ein Felix-Magath-Gedenkhügel zum Einsatz. Sind Sie komplett zufrieden mit Abraham?

Wegner: Wenn ich irgendwann zufrieden sein sollte, dann können Sie mich vergessen. Arthur ist aber im Soll.

SPOX: Worauf liegt beim Training Ihr Fokus?

Wegner: Ich habe mein eigenes System - und das mit Erfolg. Dass aber wechselnde Reize gesetzt werden müssen, ist doch klar. Deshalb muss man sich immer etwas Neues einfallen lassen. Vor allem im Kraft- und Ausdauerbereich werden die Ansprüche schließlich höher. Für mich steht jedoch die taktische Arbeit im Vordergrund. Die Philosophie und der Feinschliff entscheiden letztlich über den Erfolg.

SPOX: Wie sieht Ihre Grundphilosophie aus?

Wegner: Ich will, dass meine Boxer aus einer sicheren Verteidigung heraus den Kampf gestalten. Ein Gegenangriff ist ebenfalls eine Form des Angriffs. Henry Maske hat beispielsweise auf eine solche Art geboxt. Seine Treffer kamen zumeist aus einer Verteidigungshandlung heraus. Er hat seine Gegner unter psychischen Druck gesetzt, sie rausgelockt und dann eiskalt zugeschlagen. Das ist es, was ich von meinen Boxern sehen will. Natürlich darf der Vorwärtsdrang dabei nicht zu kurz kommen.

SPOX: Raum für Überraschungen gibt es kaum. Abraham und Stieglitz müssten sich inzwischen in und auswendig kennen.

Wegner: Überraschende Momente wird es für mich während des Kampfes keine geben, das ist richtig. Fakt ist aber auch, dass beide ihr System durchwechseln werden, um den anderen auszustechen. Es gibt immer Ecken und Kanten, an denen gefeilt werden kann. Perfekt gibt es nicht, wir sind schließlich alle nur Menschen. Natürlich gibt es das Streben nach Vollendung. Das Entscheidende ist der Antrieb, sich verbessern zu wollen.

SPOX: Der Antrieb scheint bei Abraham oftmals so eine Sache zu sein. Er wirkte von einem erneuten Duell mit Stieglitz wenig angetan, stattdessen warf er einen Kampf gegen Felix Sturm in den Raum. Haben Sie ihm diesen Gedanken ganz schnell wieder ausgetrieben?

Wegner: Ausschlaggebend ist, was im Kopf des Boxers und des Trainers vorgeht. Man muss immer einen Schritt nach dem anderen machen, sich mental vorbereiten. Wenn die nächste Aufgabe bewältigt ist, dann werden wir weitersehen. Das weiß auch Arthur.

SPOX: In Deutschland wurde das Duell geradezu herbeigesehnt. Sogar vom Olympiastadion war die Rede. Besitzt der Kampf nach den letzten Auftritten Sturms nun überhaupt noch Relevanz?

Wegner: Natürlich wäre es besser, wenn er gewonnen hätte. Ich habe Sturm die Daumen gedrückt. Er hatte zuletzt jedoch auch einen Weltklasse-Boxer als Gegner.

SPOX: Dennoch war die Niederlage gegen Fedor Chudinov für die Ansprüche Sturms verheerend.

Wegner: Ich muss zugeben, dass ich bei Sturm etwas voreingenommen bin, ein Faible für ihn habe. Die Anlagen, die er mitgebracht hat, waren riesig. Es liegt jedoch letztlich am Sportler selbst und an der Art, wie er von einem Trainer geführt wird. Sturm ist von Haus aus sehr eigensinnig. So ein Boxer braucht einen Trainer mit Autorität, der ihn vom Fachlichen her überzeugen kann. Um Sportler zu führen, muss man eine unglaublich große Überzeugungskraft mitbringen. Das ist bei ihm nicht einfach. Im Endeffekt ist er an seiner eigenen Art gescheitert. Damit ist er allerdings nicht alleine.

SPOX: Wie sieht es bei Abraham mit der Führung aus?

Wegner: Auch Arthur hat seinen Dickkopf. Er hat sein Potential noch nie wirklich komplett abgerufen, kann noch viel mehr. Ein Sportler muss sich einordnen können und vor allem überzeugt sein, dass sein Trainer das Richtige macht. Schließlich hat er in der Regel nicht die Ausbildung eines Trainers, der studiert hat und sich fortbildet. Maske, Sven Ottke oder auch Markus Beyer haben sich führen lassen. Das waren Qualitätssportler. Oder auch Dariusz Michalczewski, der sich Fritz Sdunek komplett untergeordnet hat. Im Endeffekt profitieren die Sportler doch selbst davon.

Abrahams wichtigste Kämpfe: Vom Schlumpf zum König

SPOX: Bei Niederlagen ist der Schuldige dennoch schnell gefunden...

Wegner: Wenn Sportler verlieren, dann steht der Trainer schnell im Fokus - das ist doch klar. Deshalb muss man auch von sich selbst so überzeugt sein, so eine Kraft haben, dass diese Dinge nicht an einen herankommen.

SPOX: Klingt nicht gerade einfach.

Wegner: Was soll bei mir noch kommen? Es kann nur der Erfolg sein. Ich bin abgesichert im Leben, mein einziger Antrieb sind meine Boxer. Die Jungs müssen es allerdings auch annehmen. Kompromisse darf es keine geben.

SPOX: Sie sind inzwischen 73 Jahre alt. Wird es nicht Zeit, es ruhiger angehen zu lassen?

Wegner: Und das ganze Wissen, welches ich mir über all die Jahre angeeignet habe, vergeuden? Nein. Mein großer Anreiz ist es, meine Boxer zum Erfolg zu führen. Sie sollen die Fans überzeugen. Ich könnte natürlich viele Lehrgänge machen, es ruhiger angehen lassen. Aber warum sollte ich das tun? Ich strebe immer nach neuen Ideen und Reizen.

SPOX: Ist das nicht auch eine große Belastung?

Wegner: Sicherlich gebe ich einen Teil meiner Lebensqualität auf. Ich bin 30 Jahre verheiratet und es ist nicht immer einfach, beides unter einen Hut zu bringen. Wir haben ein kleines Häuschen, konnten uns das leisten, was wir uns erträumt haben. Wenn es dann wieder ins Trainingslager geht, schaut mich meine Frau traurig an und fragt, ob das wirklich alles noch sein muss. Ich brauche aber stets neue Herausforderungen.

Ulli Wegner: Die Karriere einer Trainerlegende

SPOX: Haben sich diese mit der Zeit verändert?

Wegner: Sportler werden mitunter immer schwieriger. Oft fehlt die realistische Einschätzung. Egal, wie viel Geld man verdient hat, man muss immer weiter um sportliche Höchstleistungen kämpfen. Das ist heute nicht so einfach zu vermitteln, da das Leben gerade in Deutschland viele Ablenkungen parat hält. In der ehemaligen DDR war es einfacher. Da war die Freude groß, wenn man mal für einen Kampf nach England oder Italien fahren konnte oder eine Vespa bekam. Der Ansporn, die Nummer eins zu sein, war automatisch viel größer. Heute können sich alle viel mehr leisten - ohne sich dafür übermäßig zu quälen.

SPOX: Wie bewältigen Sie die mentalen und körperlichen Anforderungen?

Wegner: Das ist für viele ein Rätsel. (lacht) In letzter Zeit habe ich in der Tat etwas zugenommen, da ich wenig laufen konnte. Gymnastik mache ich aber jeden Tag. Dazu kommt etwa die Pratzenarbeit, die unheimlich fordernd ist. Ich fühle mich noch jung, muss mich eher manchmal zurücknehmen, da ich selbst unheimlich ehrgeizig bin. Das Einzige, was mich kaputt macht, ist der Druck, den ich mir selbst auferlege. Ich muss erfolgreich sein. Jede Niederlage ist für mich ein absoluter Hammer. Leider kommen diese noch immer vor.

SPOX: Ist es wichtig für eine Sache zu leben, wenn man Erfolg haben will?

Wegner: Ich bin ein sehr dankbarer Mensch, auch wenn das nicht immer so nach außen dringt. Ich habe auch schon einen Stent im Herzen. Ich bin glücklich, dass ich solch einen Werdegang nehmen durfte. Deshalb will ich das Beste daraus machen und nichts verschenken. Ich will niemanden im Stich lassen, was sicherlich nicht immer ein Vorteil ist. Aber so bin ich - und ich bin glücklich. Es ist wichtig, etwas zurückzugeben.

SPOX: Nimmt man viele Dinge oft zu schnell als gegeben hin?

Wegner: Absolut. Wenn man hart arbeiten muss, sich am Rand bewegt und keinen sicheren Job hat, dann fallen natürlich andere Dinge weniger leicht. Ängste schränken den Menschen ein. Ich kann nach all den Jahren so sein, wie ich bin. Ich muss mich nicht verstellen und kann meine Ideen vertreten. Letztlich bin ich nur mir selbst Rechenschaft schuldig. Man muss sich selbst treu bleiben, was oft nicht einfach ist.

Seite 1: Wegner über Abrahams Dickkopf, Sturms Scheitern und Verblendung

Seite 2: Wegner über Hucks Irrweg, Mayweather und die Probleme des Boxens

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