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Ex-Schalker Donis Avdijaj im Interview: "Tut weh, wenn 1.000 Leute schreiben, ich sei ein Scheißtyp"

Von Robin Haack

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Donis Avdijaj polarisiert. In den deutschen Medien gab es während seiner Zeit beim FC Schalke 04 reichlich Diskussionen um das einstige Top-Talent. Inzwischen spielt Avdijaj bei Willem II in der niederländischen Eredivise, sorgt dort wieder mit guten Leistungen für Schlagzeilen. Goal und SPOX trafen den 22-Jährigen im beschaulichen Koning Willem II Stadion zum ausführlichen Interview.

Dabei sprach Avdijaj über seine Fehler, das Interesse zahlreicher Top-Klubs, die Nebengeräusche in den Medien und sein Image.

SPOX/Goal: Donis, was bedeutet Ihnen Familie?

Donis Avdijaj: Die Familie ist die wichtigste Stütze in meinem Leben und mir deshalb sehr wichtig. Ich habe in meiner Karriere schon eine gewaltige Achterbahnfahrt hinter mir, aber ich weiß, dass ich mich immer auf meine Familie verlassen kann.

SPOX/Goal: Ihre Mutter ist 1992 vor dem Kosovokrieg geflohen und über die Niederlande nach Deutschland gekommen. Sie und Ihre vier Geschwister sind in Osnabrück aufgewachsen. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Kindheit?

Avdijaj: Unsere Eltern haben versucht, uns aus dem Nichts etwas zu bieten und das ist ihnen gelungen. Auch Einrichtungen wie die Caritas haben uns sehr unterstützt und uns beispielsweise mit gebrauchten Klamotten versorgt. Obwohl es für mich schon ein Highlight war, wenn ich mir mit meinen Geschwistern einen Chickenburger teilen durfte, hatte ich eine schöne Kindheit, an die ich mich gern zurückerinnere.

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Für Goal und Spox traf Reporter Robin Haack (l.) Donis Avdijaj in Tilburg

SPOX/Goal: Ihr kleiner Bruder Qerim spielt aktuell in der Oberliga Fußball, Ihr großer Bruder Donat war ein sehr erfolgreicher Amateurboxer. Woher kommt die Sportbegeisterung in der Familie Avdijaj?

Avdijaj: Ich habe meinen Vater mal gefragt, woher wir diese Sportler-Gene haben, aber er sagte nur, mein Opa sei ein begeisterter Fernsehsportler. (lacht)

SPOX/Goal: Anders als Ihr großer Bruder haben Sie sich für den Fußball entschieden. Warum ist aus Ihnen kein Boxer geworden?

Avdijaj: Meine Mutter hat mich im Fußballverein angemeldet, da ich als Kind unglaublich viel Power hatte und die ganze Familie verrückt gemacht habe. Eigentlich sagte der Trainer damals, die Mannschaft sei schon voll und ich solle gehen. Meine Mutter hat ihn dann überredet, sodass ich wenigstens zum Probetraining bleiben durfte. Als ich dann in meinem ersten Spiel zwanzig Tore geschossen habe, waren alle Zweifel beseitigt und ich durfte bleiben. (lacht)

SPOX/Goal: Rückblickend scheint sich die Entscheidung Ihrer Mutter ausgezahlt zu haben. Speziell in der laufenden Saison läuft es sehr gut für Sie persönlich. Bei Willem II kommen Sie bislang auf sieben Tore und sechs Vorlagen in 16 Einsätzen.

Avdijaj: Natürlich hätte ich in der Vergangenheit viele Dinge anders machen können, doch aktuell läuft es tatsächlich sehr gut und ich fühle mich wohl in den Niederlanden. Für mich ist es am wichtigsten, dass die Leute mich nicht vorverurteilen und ich auf dem Platz regelmäßig zeigen kann, was ich drauf habe. Wenn ich in der Eredivisie Woche für Woche spiele, kommt der Rest von allein.

SPOX/Goal: Die Bild hat Ende Oktober unter der Zeile "Vom Skandal-Kicker zum Musterprofi" eine Geschichte über Sie publiziert. Was halten Sie von solchen Formulierungen?

Avdijaj: Es wurde in der Vergangenheit viel über mich berichtet und ich weiß, dass ich viele Fehler gemacht habe. In der Öffentlichkeit hatte ich nach kleineren Fehltritten schnell einen schlechten Ruf und wurde zum Teil falsch dargestellt. Doch ich versuche, diese Dinge auszublenden und mich trotzdem immer von meiner besten Seite zu zeigen. Fakt ist, dass mein Fokus heute nur noch auf dem Fußball liegt.

SPOX/Goal: Inwiefern haben Sie sich im Vergleich zu Ihren ersten Profijahren verändert?

Avdijaj: Heute genießt Fußball in meinem Leben oberste Priorität. Auch abseits des Platzes versuche ich, mehr auf meinen Körper zu achten. Ich habe beispielsweise meine Ernährung umgestellt und gehe deutlich häufiger zur Massage. Wenn ich müde bin, gehe ich auch mal früh ins Bett und ziehe nicht noch mit Freunden in die Stadt oder schaue bis zwei Uhr in der Nacht Serien. Auf den ersten Blick sind das Kleinigkeiten, aber ich habe gemerkt, dass mir dieser Lebenswandel extrem weiterhilft. Trotzdem wäre es gelogen, wenn ich sagen würde, dass ich jetzt gar nicht mehr rausgehe und mich verstecke.

SPOX/Goal: Auch Ihr privates Umfeld hat sich verändert.

Avdijaj: Auch hier geht es darum, mich in erster Linie auf Fußball zu konzentrieren. Wenn meine Freunde zum Beispiel am Abend noch Pizza essen gehen wollen, ich aber müde bin und am nächsten Morgen zum Training muss, dann sage ich ab. Es ist wichtig, dass mich meine Freunde verstehen und in gewissen Situationen Rücksicht nehmen.

SPOX/Goal: Die Veränderungen scheinen sich auszuzahlen. Schon nach Ihrem ersten Heimspiel für Willem II wurden Sie mit Sprechchören gefeiert. Was bedeutet Ihnen diese Wertschätzung der Fans?

Avdijaj: Für mich ist es wichtig, dass ich Vereine finde, mit deren Anhängern ich mich identifizieren kann. Schon nach meinem ersten Spiel für Willem II mit Sprechchören gefeiert zu werden, war etwas ganz Besonderes für mich. Vor allem, wenn man bedenkt, dass man sich als neuer Spieler eigentlich erst einmal zeigen und beweisen muss. Diese Zuneigung motiviert mich. Ich weiß, dass die Leute solche Leistungen jede Woche von mir erwarten und will sie nicht enttäuschen.

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SPOX/Goal: Am Stadioneingang hängt ein riesiges Plakat von Ihnen.

Avdijaj: Es ist eine große Ehre. Aber auch bei meinen vorherigen Stationen hatte ich eine sehr gute Beziehung zu den Fans und dem Verein. Obwohl ich nur Leihspieler war, haben mich die Fans in Kerkrade und Graz gefeiert und ich durfte jeweils mit dem Megafon zu ihnen in die Kurve kommen. Diese Liebe ist mir schon sehr wichtig. Noch wichtiger ist es aber, nicht abzuheben und ein normaler Junge zu bleiben. Nur weil ich Profifußballer bin und siebenmal pro Woche trainiere, bin ich nichts Besonderes.

SPOX/Goal: Dennoch steht man als Fußballer in der Öffentlichkeit. Das haben Sie schon feststellen müssen, als Ihnen in der Saison 2012/13 für die U17 44 Tore in 25 Spielen gelangen. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Avdijaj: Damals dachte ich, dieser Rummel sei kein Problem für mich. Ich musste allerdings sehr schnell feststellen, dass jeder kleine Fehltritt böse bestraft wird. Mit jedem meiner Fehler wurde die Last größer, die ich als Teenager mit mir herumtragen musste. Irgendwann hat die Berichterstattung über mich einen Weg eingeschlagen, mit dem ich niemals gerechnet hätte. Doch egal, was passiert ist: Die Dinge, die ich erlebt habe, haben mich geprägt und mich als Menschen reifen lassen.

SPOX/Goal: Sie wurden damals von den Schalker Verantwortlichen gelobt und pünktlich zu Ihrem 18. Geburtstag mit einem Profivertrag ausgestattet. Was hat dieser Hype mit Ihnen gemacht?

Avdijaj: Damals wollte plötzlich jeder mein Freund sein. Jeder wollte mir sagen, was am besten für mich ist. Ich hatte zu dieser Zeit noch keinen Berater und wusste nicht genau, wie ich mit dem Trubel umgehen soll. In meiner Jugend habe ich in jeder Saison mehr als 20 Tore geschossen, in der Juniorennationalmannschaft ebenfalls in 13 Spielen 13-mal getroffen und gedacht, es werde auch bei den Profis ein Selbstläufer. Als ich 15 oder 16 Jahre alt war, konnte ich dieses Schulterklopfen noch nicht richtig einordnen, zumal die ganz großen Klubs damals schon auf mich zukamen und mir Millionenangebote unterbreitet haben. In so einer Phase nicht durchzudrehen, ist viel schwerer als durchzudrehen.

SPOX/Goal: Welche Klubs waren das damals?

Avdijaj: Bevor ich auf Schalke unterschrieben habe, hatte ich unter anderem Angebote von Juventus, Arsenal, Manchester United und Liverpool. Egal, bei welchem Spiel oder Turnier, immer waren Scouts vor Ort, um mich zu beobachten.

Seite 1: Donis Avdijaj über seine Anfangszeit und das Interesse zahlreicher Top-Klubs

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