Tennis

Das Wunder von Göteborg: Vier Freunde für ein Halleluja

Von Jörg Allmeroth

© getty

Wahnsinn. Es ist das Wort, das Carl-Uwe Steeb als erstes einfällt, wenn er an den größten Moment seiner Tenniskarriere zurückdenkt. "Wahnsinn, der absolute Wahnsinn", sagt Steeb. Er schüttelt den Kopf, ganz so, als könne er 30 Jahre später immer noch nicht fassen, was ihm damals gelang.

Der Wahnsinn war es tatsächlich, das Wunder von Göteborg. Die drei historischen Davis Cup-Tage, die mit einem 4:1-Auswärtssieg und damit dem ersten deutschen Pokaltriumph endeten. Und Steeb, der unscheinbare "Charly", er war der eigentliche Star, der Held, die Hauptfigur dieses Sieges. Nicht seine Teamkameraden Eric Jelen oder Patrik Kühnen. Und auch nicht die Überfigur des deutschen Tennis, der Häuptling Boris Becker.

Natürlich war es auch und besonders ein Mannschaftserfolg, ein wirklich kollektiver Sieg. Denn in jener Saison und auch davor und danach standen mit Becker, Steeb, Jelen und Kühnen tatsächlich vier Freunde im Team, es war eine verschworene Truppe mit Leitwolf Becker, der sich aber keine Sonderrechte herausnahm. "Alle saßen auf Augenhöhe am Tisch", sagt Niki Pilic, der Kapitän, der in jenen Jahren noch nicht der oberste Diplomat des deutschen Tennis sein musste.

Aber Göteborg, das Finale in Schweden - es lief alles bloß in die richtige Richtung, weil Carl-Uwe Steeb, der Junge aus dem schwäbischen Mögglingen, in der Stunde der größten Prüfung wie nie zuvor mit der Herausforderung wuchs. Steeb gewann ein Spiel, das er eigentlich nicht gewinnen konnte oder sollte, das Eröffnungsspiel der Partie - gegen die Nummer eins der Welt, gegen Mats Wilander. "Es war der Sieg meines Lebens. Der größte Tag meines Lebens im Tennis", sagt Steeb.

Sensation gegen Mats Wilander

Und das ist keine Übertreibung, kein Pathos. Es ist die Wahrheit. Denn Steeb spielte am 16. Dezember 1988, im ausverkauften Scandinavium zu Göteborg, gegen den dominierenden Spieler der Saison. Wilander ging als dreimaliger Grand Slam-Sieger (Australien, Paris und New York) und als Nummer 1 der Welt in das Match:

Er spielte daheim, er spielte auf seinem Lieblingsbelag Sand. Alle sprach für ihn, nichts für Steeb. Außer vielleicht der Tennis-Philosophie von Teamboss Pilic, wonach im Davis Cup "nichts Unmöglich" ist.

Lange Zeit lief allerdings alles genau so, als wäre das Unmögliche eben doch nicht möglich. Steeb geriet mit 0:2-Sätzen in Rückstand, und dann, nach einer vorübergehenden Aufholjagd, lag er im fünften Satz noch einmal 2:5 hinten. Doch Steeb glaubte einfach weiter an seine Chance, er hatte eigentlich keine Chance mehr, aber er nutzte sie.

"Ein Sieg des Herzens"

Punkt um Punkt, Spiel um Spiel holte er auf. Bis er schließlich den Matchball zum 8:6 verwandelte. Seit jenem Spiel ist er der Held von Göteborg, auf Lebenszeit. Der Mann, der die Tür öffnete ins Tennis-Wunderland für seine Freunde und Teamkollegen. "Charly hatte eine überragende Moral. Es war ein großartiger Sieg, ein Sieg des Herzens", sagt Pilic.

Steeb liefert die Steilvorlage für den Rest des Spiels. Becker gewinnt das zweite Einzel am Freitag glatt in drei Sätzen gegen Stefan Edberg, der sich auf dem langsamen Sand schwer tut. Und am Samstag, dem 17. Dezember 1988, ist die Sensation perfekt, die Sternstunde, die größte deutsche Tennis-Überraschung neben Beckers erstem Wimbledonsieg.

Nächste Aufholjagd im Doppel

Jelen und er, Becker, der inzwischen 21-jährige Weltstar, bezwingen das weltbeste Doppel - Edberg/Anders Jarryd - nach einem 0:2-Satzrückstand und einer grandiosen Aufholjagd noch mit 3:2-Sätzen. 17.17 Uhr zeigt die Uhr im Scandinavium an, als Becker den Matchball verwandelt. Der Rest ist Jubel, Trubel, Heiterkeit, eine Feiernacht wie keine zweite nach einem Teamsieg wie keinem anderen. "Kein Sieg konnte schöner als dieser sein", sagt Pilic, "ganz einfach, weil uns das niemand zugetraut hat."

Ein Jahr später gewannen die Deutschen noch einmal den Davis Cup, wieder gegen Schweden, nun in der Stuttgarter Schleyer-Halle. In jenen drei Tagen spielte Becker das beste Tennis seiner Karriere. Tennis wie von einem anderen Stern. Aber heranreichen konnte dieser Triumph nicht an den von Göteborg. An das Wunder von Göteborg.

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