Tennis

"Tennis ist nicht besonders fortschrittlich"

Von Jens Huiber

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tennisnet: Wenn Sie mit einem jungen Spieler trainieren, welche Erfahrungen haben Sie da hinsichtlich der defensiven Fähigkeiten gemacht?

de Witt: Was die neue Generation angeht, ist das sicherlich ein starker Trend, dass Ballwechsel noch mehr dominiert werden. Meistens von der Grundlinie, mit Aufschlag und dem ersten Schlag. Mir persönlich gefällt diese Entwicklung nicht so sehr. Mir persönlich gefallen komplette Spielertypen wie Djokovic, Murray besser, oder auch Nadal, der auch starke Offensivfähigkeiten hat. Ich hoffe sehr, dass viele dieser jungen Spieler da auch noch Entwicklungen in ihrem Spiel machen werden, dass sie in der Lage sind, auch noch größere Teile des Feldes abzudecken. Inwieweit das wirklich passiert, oder der Trend sich durchsetzt, nur noch auf kurze Ballwechsel zu gehen, wird die Zukunft zeigen. Momentan sehe ich am ehesten lediglich Sascha Zverev, der sich in die Richtung Djokovic, Murray entwickelt. Der wird zum kompletten Spieler ausgebildet, ist trotz seiner Größe in der Lage, auch in defensiven Situationen noch Lösungen zu finden.

tennisnet: Zverev hat in Wimbledon gesagt, er möchte nicht mehr lernen. Sondern gewinnen. Wie groß schätzen Sie denn die Chancen dafür schon beim letzten Grand Slam in New York ein?

de Witt: Das Match gegen Raonic in Wimbledon muss er gewinnen, fertig. Da gibt es nicht viel zu diskutieren. Er war über vier Sätze klar der bessere Spieler und das hat er einfach nicht hingekriegt. Da kann ich die Ungeduld nachvollziehen. Weil er ist ja ein cleverer junger Mann. Er hat jetzt die Entscheidung getroffen, jemanden zu seinem Team dazu zu nehmen. Das muss man beobachten, was sich da verändert. Grundsätzlich gefällt mir die Entwicklung von Sascha richtig gut. Ich finde, dass die im körperlichen Bereich nur gute, richtige Schritte gemacht haben, was bei einem so großen Spieler in jungen Jahren sehr schwierig ist. Und: jedes Mal, wenn ich ihn sehe, stelle ich fest, dass er in irgendeinem Bereich seines Spiels besser geworden ist.

tennisnet: Roger Federer hat 2017 zwei Majors gewonnen, Rafael Nadal das dritte. Ist dieser Umstand für jemanden wie Gilles Simon, der ja ungefähr im selben Alter ist, ein Ansporn?

de Witt: Es ist einfach so, dass wir eine offenere Situation im Herrentennis haben als in den letzten zehn Jahren. Mich persönlich hat überrascht, dass Roger die beiden Titel noch gewinnt. Man muss aber auch sagen, dass er sie verdient gewonnen hat. Weil er mit Abstand der beste Spieler bei den beiden Turnieren war, vor allem in Wimbledon. das heißt aber auch, dass einige Spieler Probleme haben. Zu denen gehören wir auch, wenn auch nicht auf demselben Niveau. Rafa und Roger haben sich körperlich erholt - und auch spielerisch noch einmal verbessert.

tennisnet: Die Franzosen sind mit einer Vielzahl guter Herren gesegnet. Gilles Simon ist einer davon. Da kommt es bei den Nominierungen für den Davis Cup manchmal zu Enttäuschungen. Wie geht Gilles damit um?

de Witt: Die Franzosen machen das erfahrungsgemäß immer recht spät. Yannick Noah geht da nach Gefühl, schaut, wer in Form ist. Er ist der Kapitän, er trägt die Verantwortung. Aber es gilt natürlich, dass die Franzosen gegen Serbien im Halbfinale Favorit sind und gewinnen müssen, Und wenn Gilles dabei ist, wird er seine Leistung bringen. Beim ersten Spiel war er dabei, hat auch gespielt. Beim zweiten nicht. Das ist die Entscheidung von Yannick. Wir haben vor Beginn der Saison gesagt, dass wir zur Verfügung stehen. Und dabei bleibt es auch.

tennisnet: Sie sind nun schon einige Zeit im Trainergeschäft. Wo holen Sie sich Inspiration für neue Schritte im Training, im Coaching? Sie sollen etwa auch ab und zu mit Pitching Coaches im Baseball sprechen.

de Witt: Baseball ist jetzt nicht meine Spezialsportart. Da finde ich vor allem die Situation mit dem Pitcher und Catcher spannend, weil das viel von der Aufschlag-Return-Situation hat. Ähnlich wie mit dem Beachvolleyball. Da gibt es auch eine Situation, die sehr dominant ist. Das ist dann halt Annahme und erster Angriff. Und da gibt es eben unterschiedliche Spielertypen, die ihre Stärken auf die jeweiligen Gegebenheiten anwenden müssen. Und das ist eine Situation, die wir im Tennis auch haben. Und dann wird es komplex: mental, technisch, athletisch. Es ist ja kein Geheimnis, dass ich Tennis nicht für besonders fortschrittlich halte. Wir sind hinten dran, was sämtliche Entwicklungen wissenschaftlicher Art anbelangt. Wir können viel von anderen Sportarten lernen.

tennisnet: Was wird konkret an der Break Point Base gemacht?

de Witt: Wir holen uns da zum Beispiel einen Fußballtrainer, einen Video-Analysten und einen Fitnesscoach und die gucken sich zwei Tage unser Training an, um mir dann Feedback zu geben, was ihnen gefällt und was nicht. Oder ich gehe zu denen, und wir unterhalten uns im Anschluss daran was für uns Sinn ergeben könnte. Das ist alles kein Selbstzweck, das ist spannend. Es geht einfach darum, das Meiste für unsere Sportart herauszuholen. Und natürlich ergibt die Transferleistung mehr Sinn bei Ballsportarten als bei einem 100-Meter-Läufer. Aber auch da ist das Training für uns interessant.

tennisnet: Zurück auf die ATP-Tour. Roger Federer nimmt sich längere Pausen, Rafael Nadal auch, jetzt hat Novak Djokovic seine Saison beendet. Liegen darin auch Chancen für den Tennissport?

de Witt: Um das Herrentennis muss man sich grundsätzlich keine Sorgen machen. Die Stadien sind überall voll, wo wir spielen. Wir haben so viele geile Spieler, die die Fans sehen wollen. Und ich finde es auch nicht schlimm, wenn Roger sagt, er spielt mal drei Monate nicht. Dann freuen sich die Leute umso mehr, ihn wiederzusehen. Wenn man gesehen hat, was da in Stuttgart und dann in Halle los war, das war schon ziemlich beeindruckend. Und ich persönlich habe auch keine Angst vor dem Tag, an dem Federer, Nadal, Djokovic oder Murray sagen, das war´s. Wir werden dann andere Stars haben, die werden vielleicht Thiem und Zverev heißen, oder Spieler sein, die wir heute noch gar nicht kennen.

Teil 1: Jan de Witt über seine Ziele mit Gilles Simon und das ideale Trainer-Spieler-Verhältnis

Teil 2: Jan de Witt über fachfremde Inspirationen und die nächste Generation

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