NHL

Ex-Bundestrainer Marco Sturm im Interview über sein NHL-Abenteuer: "Olympia hat alles verändert"

Von Florian Regelmann

Marco Sturm führte das DEB-Team 2018 sensationell zu Olympia-Silber und wurde dafür später mit einem Anruf aus der NHL belohnt. Zum Start der NHL-Playoffs (Bruins vs. Maple Leafs, Spiel 1, Fr., 1 Uhr live auf DAZN) spricht der Ex-Bundestrainer im SPOX-Interview über seine ersten Monate als Assistant Coach bei den Los Angeles Kings und Leon Draisaitls Monster-Saison.

Außerdem erklärt Sturm, warum er viele Nachtschichten einlegen musste und wer für ihn momentan der beste Spieler der Welt ist.

Herr Sturm, vor knapp zehn Jahren haben wir uns einmal zum Interview auf einer Parkbank in Landshut getroffen. Ein Satz von Ihnen ist mir in Erinnerung geblieben.

Marco Sturm: Ich ahne Böses.

Ich meinte damals, dass Sie doch eines Tages Bundestrainer werden könnten. Ihre Antwort: Wenn ich etwas nicht machen werde, dann ist es Trainer. Dafür bin ich nicht der Typ und daran habe ich überhaupt kein Interesse.

Sturm: (lacht) Ich kann mich gut erinnern. Seitdem bin ich vorsichtiger geworden mit meinen Aussagen. Aber es war nicht gelogen damals. Es war die Wahrheit. Ich konnte mir wirklich nicht vorstellen, dass ich der Typ für den Trainerberuf bin. Aber nach meiner Spielerkarriere habe ich relativ schnell gemerkt, dass ich dem Eishockey verbunden bleiben will und den Sport einfach vermisse. Als ich bei meinem Sohn im Nachwuchsbereich mit dem Coaching anfing, habe ich schnell gespürt, dass es mir großen Spaß macht. Im Eishockey kenne ich mich am besten aus. Irgendwo wäre es schade gewesen, wenn ich die Erfahrungen, die ich als Spieler sammeln durfte, nicht hätte weitergeben können. Es gibt nichts Schöneres, als auf dem Eis zu stehen und Spielern in ihrer Entwicklung zu helfen.

Seit wann wussten Sie, dass Sie bei NHL-Teams auf dem Radar sind?

Sturm: Olympia hat alles verändert, das muss man schon so sagen. Wir sind mit der Familie eigentlich wieder nach Hause gezogen und dachten, dass wir lange, vielleicht sogar für immer dort bleiben würden. Aber dann kam der Erfolg bei Olympia, durch den auch ich als Coach plötzlich ganz anders wahrgenommen wurde. Ich hatte schon im letzten Sommer Kontakt zu einigen NHL-Teams, nicht zu den Kings, aber daraus ist nichts geworden. Der Anruf der Kings kam dann im November aus dem Nichts.

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Marco Sturm wird auch in der nächsten Saison als Assistant Coach bei den L.A. Kings arbeiten.

Marco Sturm: "Ich bin sehr glücklich über meinen Start in die NHL"

Die Kings haben die schlechteste Saison seit langer Zeit hinter sich, dabei stehen immer noch Superstars wie Jonathan Quick, Drew Doughty oder Anze Kopitar im Kader, die Stanley Cups zusammen gewonnen haben. Was ist los mit dieser Mannschaft?

Sturm: Ich war auch sehr überrascht, in welchem Zustand die Mannschaft war, als ich gekommen bin. Wir haben immer noch sehr gute Spieler im Team, die ja nicht über Nacht das Eishockeyspielen verlernt haben können. Mit der Hälfte habe ich selbst noch zusammengespielt. Aber vielleicht ist genau diese Tatsache eines der Probleme. Das war nämlich schon vor acht Jahren. Viele Jungs haben hier lange zusammengespielt und alles erreicht, was man erreichen kann. Dazu hat sich das Eishockey in der NHL extrem weiterentwickelt, es ist viel schneller geworden. Unsere Mannschaft war aber eher auf Größe und Kraft ausgerichtet. Dann kriegst du auf einmal Probleme. Jetzt ist der Moment gekommen, an dem wir wieder von vorne anfangen müssen. Wir müssen vor allem junge Spieler finden und ausbilden. Aber ein Rebuild geht nicht von heute auf morgen, dieser Prozess wird einige Jahre dauern.

Wie würden Sie die Saison für Sie persönlich beschreiben?

Sturm: Sehr intensiv. Ich hatte gerade am Anfang sehr wenig Schlaf. (lacht) Es war sehr herausfordernd und mit sehr viel Arbeit verbunden. Es ist überhaupt nicht zu vergleichen mit meiner Zeit als Spieler. Wir haben in der Woche vier Spiele, du musst dich immer wieder auf neue Gegner vorbereiten, analysieren und versuchen, deine Mannschaft zu verbessern. Dazu kam, dass sich meine Rolle auch verändert hat. Ich bin nach L.A. gekommen und sollte für die Stürmer verantwortlich sein. Dazu sollte ich beim Power Play helfen.

Und dann?

Sturm: Dann war ich innerhalb von wenigen Wochen komplett fürs Power Play und komplett für die Verteidigung verantwortlich. Ich musste erst einmal herausfinden, auf welche Kleinigkeiten es für die Defender ankommt. Es kam unglaublich viel auf mich zu, aber es hat auch unglaublich viel Spaß gemacht. Ich haben in den vergangenen Monaten mehr gelernt als in in den letzten vier Jahren zuvor. Manchmal war es schwer, morgens in die Arbeit zu gehen, weil es einfach nicht gut lief für uns, aber gerade aus Niederlagen lernst du enorm viel. Ich bin insgesamt sehr glücklich über meinen Start in die NHL.

Marco Sturm: "Der Chef will um 8 Uhr alles auf dem Tisch haben"

Sie haben schon den Unterschied zu Ihrer Spieler-Zeit in der NHL angesprochen. Gerade nach Spielen ist es etwas ganz anderes, oder?

Sturm: Das stimmt. Als Spieler hast du nach Ende des Spiels deine Arbeit getan, kannst dir vielleicht ein Bierchen gönnen und beruhigt schlafen gehen. Als Trainer geht die Arbeit direkt nach dem Spiel weiter. Der Chef will am nächsten Morgen um 8 Uhr alles auf dem Tisch haben. Also kann sich jeder vorstellen, wann die stundenlange Arbeit für die Video-Analyse gemacht werden muss. Und das geht dann jeden Tag so weiter. Aber wie gesagt: Genau das wollte ich und genau das macht auch Spaß. Vor allem, wenn man das Gefühl hat, immer dazuzulernen und weiterzukommen.

Es war ja eine besondere Konstellation zu Head Coach Willie Desjardins, dem Sie bei Olympia eine empfindliche Niederlage zugefügt hatten, als er Team Canada betreute.

Sturm: Er hat das Thema nicht angesprochen, das war wenn dann ich. (lacht) Wenn man Willie kennt, weiß man, wie sehr er es hasst, zu verlieren. Die Niederlage sitzt tiefer, als ich dachte. Ich habe sehr von seiner Erfahrung profitiert. Jeder Trainer ist ja ein bisschen anders und Willie hat eine ganz besondere und nicht alltägliche Art, mit den Spielern umzugehen. Er ist ein Trainer, der sehr zum Wohle der Spieler denkt.

Desjardins war nur als Interimslösung verpflichtet worden und wird in der neuen Saison nicht mehr Cheftrainer bei den Kings sein. Sie haben einen Vertrag bis 2021 und bleiben. Sie könnten eventuell auch eines Tages Head Coach werden, aber Europäer bekommen selten bis nie eine Chance. Warum ist das so?

Sturm: Meiner Meinung nach ist der Grund, dass die Klubs und General Manager das Risiko scheuen, einen europäischen Head Coach zu verpflichten. Es ist das geringere Risiko, jemanden zu holen, der schon in Nordamerika gearbeitet hat und den man besser kennt. Es liegt sicher nicht an der Qualität der europäischen Trainer, da gibt es sehr sehr gute Männer, die vielleicht mehr draufhaben als mancher Coach hier. Aber trotzdem kennt man sie nicht so. Mein Vorteil ist, dass ich so viele Jahre als Spieler in der Liga war. Die Leute kennen mich. Trotzdem ist es schwer genug, in dieses Geschäft reinzukommen. Deshalb war es für mich auch so wichtig, den Schritt zu den Kings zu machen. Eines Tages Head Coach zu sein, wäre schön, aber momentan sehe ich das noch ein Stückchen entfernt.

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