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NFL

Böhringer? "Chance auf jeden Fall da"

Von Stefan Petri

SPOX: Sie haben sowohl als "National Scout", als auch als "Area Scout" gearbeitet. Können Sie uns den Unterschied erklären? Beobachtet man als "Area Scout" einfach weniger Spieler?

Jeremiah: Als Area Scout ist man für eine bestimmte Region des Landes unter sich. Ich war der West Area Scout, also war ich für alle Talente in dieser Gegend verantwortlich - also 45 bis 50 Schulen. Alle Spieler dieser Schulen muss man in- und auswendig kennen. Als National Scout pickt man sich die besten Spieler des Landes heraus: Eine Woche ist man in Florida, die nächste vielleicht schon in Kalifornien. Man schaut sich einfach die absoluten Toptalente an und gibt quasi neben den Area Scouts noch eine zweite Einschätzung.

SPOX: Wie groß muss man sich das Gebiet eines Area Scouts vorstellen? Ein Drittel der USA?

Jeremiah: Wir teilen das Land in Gebiete auf. Es gibt vielleicht fünf oder sechs Area Scouts - ich war an der Westküste -, und dann haben die meisten Teams normalerweise zusätzlich zwei National Scouts, die kreuz und quer durch das Land unterwegs sind und nochmal eine Stufe höher stehen.

SPOX: Wie sieht denn ein Jahr als Area Scout aus? Was machen Sie zum Beispiel in der Offseason?

Jeremiah: Wenn wir das Jahr einmal durchgehen: Man geht mit dem eigenen Team ins Training Camp und bewertet erst einmal das eigene Team. Was haben wir - und was brauchen wir? Dann bricht man im August in Richtung Colleges auf und ist den ganzen Herbst über unterwegs, schaut sich Spiele an. Die Ergebnisse gibt man im Dezember ab. Danach kommen Meetings, man sieht sich eine Menge Tape von Spielern außerhalb des eigenen Gebietes an, um eine Gegenprobe zu machen. Das macht man bis zum Draft, dann sind die Draft-Meetings an der Reihe. Anfang Mai nach dem Draft hat man endlich ein bisschen Freizeit, und im Sommer ist man von zuhause aus in Kontakt mit Colleges und informiert sich über die Spieler des kommenden Jahrgangs, damit man im August schon eine Vorstellung davon hat, mit wem man sprechen könnte und wonach man sucht.

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SPOX: Wie viele Tage im Jahr ist man damit unterwegs? 200?

Jeremiah: Nicht ganz. Ich würde sagen, ich war vielleicht 150 bis 175 Nächte nicht daheim. Es ist ein ziemlich zermürbender Reiseplan. (lacht)

SPOX: Wie bekommt man überhaupt Wind von aufstrebenden Talenten, die noch nicht in aller Munde sind? NFL-Reporter Ian Rapoport hat uns erzählt, dass er sein eigenes "Netzwerk" an Quellen hat. Sieht das bei Ihnen ähnlich aus?

Jeremiah: Ja, ich habe eine Menge Kontakte in der "Scouting-Welt". Es gibt eine Organisation mit Namen "National Scouting Combine", die den Combine in Indianapolis organisiert. Die hat wiederum Kontakt zu vielleicht 15 bis 18 Teams, und deren Leute verteilen sich im Frühling auf die Colleges und stellen dann eine Liste mit den möglichen Prospects zusammen. Ich komme glücklicherweise an diese Liste heran, und das verschafft mir einen guten Überblick darüber, wo die Spieler sind. Ich schätze sie vielleicht ganz anders ein, aber ich kenne alle Namen und kann mich entsprechend vorbereiten.

SPOX: Wer ist der beste Spieler, den Sie jemals gescoutet haben?

Jeremiah: Die höchste Note, die ich jemals vergeben habe - und im Endeffekt war sie etwas zu hoch -, bekam Reggie Bush, der von 2003 bis 2005 für die Trojans spielte. Aber der beste Spieler, der auch die insgesamt zweithöchste Note von mir bekam, war Andrew Luck in Stanford. Was er bisher natürlich gerechtfertigt hat. In Reggie Bush habe ich mich damals in USC verliebt. Sie hatten ein fantastisches Team und ich dachte er würde seine Position in der NFL verändern und neu definieren. Er hatte ja auch eine gute Karriere, aber am Ende war er einfach auch zu oft verletzt.

SPOX: Würden Sie uns Ihren größten Erfolg als Scout verraten? Und Ihren größten Fehlschlag?

Jeremiah: Oh, wow. (überlegt) Ich habe Marshall Yanda eine richtig gute Note gegeben, als ich noch für die Ravens arbeitete. Wir haben ihn in der dritten Runde bekommen und er wurde zum All-Pro-Player, insofern war das schon ein großer Erfolg. Der Stapel mit den Fehlschlägen ist nicht gerade klein ... ich würde sagen ... Naja, ich war in Philadelphia, als wir 2011 Danny Watkins gedraftet haben. Das wird wohl als einer der größeren Busts in die NFL-Geschichte eingehen.

SPOX: Watkins ist in der NFL nicht glücklich geworden.

Jeremiah: Ja, er war ein interessanter Fall. Watkins war ein älterer Spieler und immer sehr an der Feuerwehr interessiert - und das macht er mittlerweile auch. Er ist zweifellos einer der größten Busts, mit dem man mich jemals in Verbindung bringen wird, also ist er meine Wahl.

SPOX: Gibt es dieses Jahr einen noch unbekannten Spieler, den Sie als potenziellen Star auf der Rechnung haben?

Jeremiah: Es gibt ein paar richtig gute Running Backs, die noch unter dem Radar fliegen. Jemand wie Marlon Mack von South Florida. Er wird wohl ungefähr in der vierten Runde vom Board gehen, aber er kann ein ganz besonderer Spieler werden.

SPOX: Sie waren auf dem College selbst Quarterback, bevor Sie Scout wurden. War die NFL jemals eine realistische Option?

Jeremiah: Nein. Glauben Sie mir, ich hatte sehr viel Spaß am Football. Aber ich hatte eine gute gute High-School-Laufbahn, eine durchschnittliche College-Laufbahn - und ich wusste, dass eine Profi-Karriere nicht zur Debatte stand. (lacht)

SPOX: Haben Sie sich damals schon dazu entschieden, Scout zu werden?

Jeremiah: Wahrscheinlich hat es mir im Endeffekt dabei geholfen, aber an eine Karriere als Scout habe ich nie gedacht. Das war eher Zufall: Als ich auf dem College einmal verletzt in der Kabine saß, kam ein Scout vorbei, und ausgerechnet der war auf dem College mit meinem Bruder auf einem Zimmer gewesen - ich wusste überhaupt nicht, dass er als Scout arbeitete. Wir haben uns dann über Scouting unterhalten und so hat sich das aus dem Nichts entwickelt.

SPOX: Reizt es Sie manchmal zurückzugehen und wieder als Scout zu arbeiten?

Jeremiah: Nein. Ich hatte schon Angebote, wieder in die Liga zurückzugehen, aber ich habe damals freiwillig aufgehört. Es ist nicht einfach für die Familie, wenn man so oft unterwegs ist. Meine Kinder sind jetzt auch in einem Alter, da würde das viele Reisen einfach nicht passen.

SPOX: Und wenn die Kinder dann selbst mal aufs College gehen?

Jeremiah: Da habe ich noch einige Jahre vor mir. Aber wenn es soweit ist, überlege ich es mir vielleicht noch einmal.

SPOX: Letzte Frage: Der Draft 2016 hat in Deutschland wegen Moritz Böhringer für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Sie haben Böhringer in Ihrer Sendung getroffen: Haben Sie eine ähnliche Entwicklung erwartet?

Jeremiah: Es war klar, dass der Übergang in die NFL eine unheimlich große Herausforderung für ihn wird. Er ist ein großartiger Athlet, deswegen ist die Chance auf jeden Fall da. Aber es wird ein langer Prozess sein, er muss eben einiges aufholen. Ich bin sehr gespannt auf seine Zukunft, aber wir müssen Geduld haben.

Alle sieben Draft-Runden im Überblick

Seite 1: Jeremiah über das Glück und seine Top-5 im Draft sowie die Taktik der Browns

Seite 2: Jeremiah über Erfolge und Fehlschläge als Scout sowie Moritz Böhringer

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