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NBA - Oral History über den kometenhaften Aufstieg von Jeremy Lin: Wie Linsanity die Welt eroberte

Von Philipp Jakob

Aus der Anonymität einer fast gescheiterten NBA-Karriere hat sich Jeremy Lin vor zehn Jahren kurzzeitig in den Basketball-Olymp katapultiert. Linsanity wurde quasi über Nacht zum weltweiten Phänomen. Bei SPOX erzählen ehemalige Teamkollegen, Coaches und Wegbegleiter, wie es dazu kam.

Linsanity - drei Wochen purer Wahnsinn, der nicht nur eine ganze Metropole, sondern eine ganze Nation, ja fast die ganze Sportwelt in ihren Bann riss. Anfang Februar 2012 war der Name Jeremy Lin wohl selbst den größten NBA-Nerds weitestgehend fremd. Das sollte sich schnell ändern.

Im Sturm eroberte der heute 34-Jährige die NBA, innerhalb weniger Tage wurde er zur neuen Sensation im Basketball-Universum. Nach ein paar Kurzeinsätzen zum Start in die Saison 2011/12, die sich an einer Hand abzählen ließen, explodierte Lin auf einmal im legendären Madison Square Garden.

Vom (fast) gescheiterten Talent zum Superstar, der allen Widrigkeiten trotzte, gegen Rassismus sowie Klischees ankämpfte und schließlich als erster US-amerikanischer NBA-Star mit taiwanesischer oder chinesischer Herkunft den Big Apple in einen Rausch versetzte - bevor seine Karriere doch wieder einen brutalen Knacks bekam.

Willkommen zu den vielleicht "magischsten" drei Wochen in der Geschichte der New York Knicks. Willkommen zur Oral History von Linsanity.

Jeremy Lin: Die holprigen Anfänge eines späteren Superstars

Frank Chi (Regisseur der Linsanity-Doku "38 At The Garden", Veröffentlichung im Oktober): Ich bin ein riesiger Fan von College-Basketball, da hatte ich tatsächlich meine ersten Berührungspunkte mit Jeremy Lin. Ich bin in Connecticut aufgewachsen, UConn Basketball ist dort so etwas wie eine Religion. Jeremys Namen habe ich erstmals gehört, als UConn gegen Harvard gespielt hat, das muss in der Saison 2009/10 gewesen sein.

Landry Fields (ehemaliger Mitspieler von Lin bei den Knicks, heute GM der Hawks): Ich habe ihn schon vor unserer gemeinsamen Zeit in der NBA getroffen, als ich am College war. Ich habe für Stanford gespielt, er war bei Harvard. Bei einem Besuch in der Heimat - er wuchs nur einen Steinwurf von Stanford entfernt auf - hat er bei uns trainiert und ich dachte nur: "Warum wurde der Typ nicht von uns rekrutiert?" Das ist ein Teufelskerl.

Frank Chi: Als High Schooler schaffte er es ins All-State Team in Kalifornien, er gewann die California Division II Championship. Aber er musste DVDs mit seinen Highlights durch das ganze Land schicken, in der Hoffnung, dass überhaupt irgendein College auf ihn aufmerksam wird. Ein Angebot für ein Stipendium bekam er aber nicht. Das ist ein erster Hinweis auf die vielen Klischees, gegen die Jeremy ankämpfen musste. Das war wie eine Mauer aus Stereotypen.

Evan Jackson Leong (Regisseur der Doku "Linsanity", erschienen 2013): Ich bin ein Asian American sechster Generation, aufgewachsen genau wie Jeremy in der Bay Area. Er wollte unbedingt nach Stanford, quasi einmal die Straße rüber von seiner High School. Eigentlich hätten sie ihn nach all seinen Erfolgen an der High School kennen müssen. Wenn er schwarz oder weiß gewesen wäre, hätten sie ihn vermutlich anders gescoutet. Aber er hat einfach nicht in das typische Bild eines Basketballspielers gepasst.

Frank Chi: Er landete letztlich in Harvard, von denen niemand erwartet, ein gutes Basketball-Team zu stellen. Wir hatten damals dagegen ein ziemlich gutes Team mit Kemba Walker. Und da steht also dieser Junge mit asiatischen Wurzeln auf dem Court, schenkt UConn 30 Punkte ein und hämmert zwei Dunks durch die Reuse - sowas hatte ich noch nie gesehen. Ich dachte mir nur: Wer zur Hölle ist das?

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Dan D'Antoni (ehemaliger Assistant Coach bei den Knicks, heute Head Coach der Marshall University): Ich dachte, er wäre Asiate. Ich hatte keine Ahnung, dass er aus Kalifornien stammt, so unbekannt war er damals.

Tommy Amaker (Lins ehemaliger Harvard-Coach): Jeremy war ein wichtiger Treiber hinter dem Wachstum unseres Programms. Während seiner Zeit in Harvard hat er gewaltige Fortschritte in seinem Spiel gemacht. Wir waren uns sicher, dass in ihm ein zukünftiger Profi-Basketballer steckt. Aber wir wussten nicht, ob er in der NBA eine Chance bekommen würde.

Frank Chi: In seinen vier Jahren am College wurde er dreimal ins All-Ivy League Team gewählt, in seiner Junior-Saison legte er knapp 18 Punkte pro Spiel auf. Vor dem NBA Draft 2010 war er sich sicher, dass er in den Workouts überzeugt hatte.

Daryl Morey (Rockets-GM, im Buch "The Undoing Project" von Michael Lewis): Unser Analyse-Tool war begeistert von ihm. Es spuckte aus, dass wir ihn an Position 15 oder so hätten picken sollen.

Frank Chi: Aber am Draft-Abend geht er leer aus. Schaut Euch die Scouting Reports auf den einschlägigen Draft-Seiten nochmal an, fast jeder Punkt ist ein Klischee über Asiaten. Das meiste davon traf aber gar nicht auf Jeremys Spiel zu.

Daryl Morey: Er ist unglaublich athletisch. Aber die Realität ist, dass jede verdammte Person - inklusive mir - dachte, dass er unathletisch sei. Und als einziger Grund dafür fällt mir nur sein asiatisches Aussehen ein.

Frank Chi: Daran sieht man sehr gut, was die Gesellschaft einen glauben lassen will, wenn man einen Spieler mit asiatischer Herkunft sieht. Jeder Asian American hat eine Mauer aus Klischees vor sich. Wir alle schauen nach Rissen in dieser Mauer, gegen die man hämmern und hämmern kann, bis die Mauer zerbricht. Für mich ist Jeremys Story das beste Beispiel dafür, was passieren kann, wenn man immer weiter mit einem Hammer auf diese Mauer der Klischees einschlägt.

© imago images
Jeremy Lin wird im Februar 2012 von den Fans im MSG frenetisch gefeiert.

Jeremy Lin: Es braucht nur eine Chance ...

Nicht nur an der High School, am College oder im Draft wurde Lin übersehen. Dieses Schicksal zog sich wie ein roter Faden durch den Start seiner Basketball-Karriere. Eine starke Summer League im Mavs-Trikot 2010 brachte ihm immerhin einen Vertrag bei den Golden State Warriors ein, allerdings schickten die ihren Hometown-Hero - Lin wuchs in der Bay Area, genauer gesagt in Palo Alto auf - während seiner Rookie-Saison gleich dreimal in die D-League.

In der darauffolgenden Offseason, durch den Lockout künstlich verlängert, wurde er von den Dubs entlassen. Lin unterschrieb bei den Rockets, die den Vertrag nach nur zwölf Tagen ebenfalls wieder auflösten. Und so landete Lin schließlich in New York City bei Head Coach Mike D'Antoni und seinem Staff um Bruder Dan ...

Dan D'Antoni: In unserer Beweglichkeitstests, wo es um Geschwindigkeit, Reaktionszeit, den ersten Schritt und sowas geht, schnitt er wahnsinnig gut ab. Seine laterale Beweglichkeit, seine Starts und Stopps in diesen Drills waren schneller als alles, was unsere Trainer jemals gesehen hatten. Er war zunächst als Backup eingeplant, als wir ihn verpflichteten. Kenny Atkinson, mein Bruder Mike und ich haben im Training viel mit ihm gearbeitet. Er hat anfangs nicht viel gespielt.

Frank Chi: Jeremy wusste, dass er sich diese Chance bei den Knicks nicht entgehen lassen durfte, wenn er weiter in der NBA spielen wollte.

Evan Jackson Leong: Wir arbeiteten schon zwei, drei Jahre an der Dokumentation, wir haben ihn seit dem College begleitet. Aber es war noch nicht wirklich was passiert. Wir hatten ein paar Aufnahmen, ein paar Ideen, aber keine Ahnung, wie das Ende des Films aussehen sollte. Das sollten wir in New York bekommen.

Dan D'Antoni: Dann hat sich Baron Davis verletzt. Wir suchten nach einem Ersatz, Mike wusste nicht, was er tun sollte. Kenny und ich meinten nur: "Du musst Jeremy eine Chance geben." Wir brachten ihm in etwa einer Woche bei, wie er das Pick'n'Roll in unserem System laufen muss. Mike hatte nicht viele Optionen, also entschieden wir, ihn ins kalte Wasser zu werfen.

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Seite 4: Das Ende von Linsanity - "Nicht jeder war ein Fan von ihm"

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