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Olympia

Olympia: Dimitrij Ovtcharov im Interview: "In dem Moment hätte ich am liebsten alles hingeschmissen"

Von Florian Regelmann

© getty

 

 

Tokio ist gerade erst vorbei, aber wie blicken Sie auf Paris in drei Jahren?

Ovtcharov: Ich muss erstmal Tokio verarbeiten. Das Turnier war physisch und psychisch das Härteste, was ich je mitgemacht habe. Lange Zeit habe ich aber nicht dafür. Paris ist schon in drei Jahren und wer mich kennt, der weiß, dass ich alles dafür tun werde, auch noch die letzte fehlende Medaille zu gewinnen. Der Traum von Gold lebt weiterhin. Das wäre sicherlich der absolute Karrierehöhepunkt.

Sie haben schon einige Sommerspiele erlebt. Es wurde im Vorfeld viel darüber spekuliert, wie die Corona-Spiele wohl sein werden. Wie haben Sie Tokio 2020 im Jahr 2021 erlebt?

Ovtcharov: Auf jeden Fall anders, aber nicht unbedingt schlechter. Olympische Spiele sind immer etwas ganz Besonderes. Das Feeling, die Intensität und die besondere Atmosphäre waren auch diesmal jederzeit spürbar. Der Team-Zusammenhalt war wieder super. Einzig die leeren Zuschauerränge waren sehr schade. Das hat schon gefehlt. Dafür lief viel mehr digital und über Social Media. Unterm Strich muss ich sagen, dass sich Japan als sehr guter Gastgeber präsentiert hat und sich alle Beteiligten größte Mühe gegeben haben, das Beste aus der Situation zu machen. Die Spiele in Tokio werde ich in sehr guter Erinnerung behalten.

Gab es besondere Treffen in der Mensa oder andere Highlights abseits des Wettkampfes?

Ovtcharov: Das ist definitiv immer etwas Besonderes bei den Olympischen Spielen. Es kommen die besten Sportler der Welt und aus den verschiedensten Sportarten alle an einem Ort zusammen. Da gab es auf jeden Fall tolle Gespräche. Es hat mich auch gefreut, mit den anderen Athleten aus dem Team D zu sprechen. Vor allem mit den Handballjungs hatten wir eine gute Zeit. Mit Uwe Gensheimer gab es an einer Platte im Dorf eine schöne Tischtennis-Challenge.

"Gibt viele Berufsgruppen, die mehr Wertschätzung verdienen"

Nach Ende der Spiele wird jetzt viel über das vergleichsweise schlechte Abschneiden von Team D im Medaillenspiegel geschrieben. Wie blicken Sie darauf?

Ovtcharov: Der Medaillenspiegel ist natürlich der einfachste Weg, um Nationen miteinander zu vergleichen. Aber dieser zeigt nur das große Bild und ist für mich nicht relevant.

Was ist für Sie relevant?

Ovtcharov: Erstmal ist es wichtig zu betonen, dass jede Medaille, egal ob Gold, Silber oder Bronze, ein enormer Erfolg ist. Bei den den sogenannten "Top-Nationen" gibt es sicherlich teilweise bessere Voraussetzungen, da dort Leistungssport ein ganz anderes Standing hat und sowohl strukturell als auch wirtschaftlich viel stärker aufgestellt ist. Dennoch ist Deutschland in manchen Sportarten seit vielen Jahren die stärkste Nation oder zumindest unter den Top 3. Ich persönlich hatte das Glück, angefangen vom Kindesalter eine extrem professionelle und gute Förderung zu erfahren. Für die Zukunft würde ich mir wünschen, dass diverse Sportarten mehr Präsenz erhalten und für den Nachwuchs genug Anreize geschaffen werden, Leistungssportler zu werden.

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Dimitrij Ovtcharov war einer der großen deutschen Stars in Tokio.

Sie sind von den Erfolgen und der Persönlichkeit her ein Superstar, trotzdem konzentriert sich nach wie vor sehr viel auf Olympia und dann wird es wieder ruhiger. Fühlen Sie sich genügend wertgeschätzt als Spitzensportler in Deutschland?

Ovtcharov: Generell fühle ich mich auf jeden Fall genug wertgeschätzt. Tischtennis ist in Asien und vor allem in China so groß, dass wir dort sehr viel Aufmerksamkeit und Präsenz haben. In Deutschland ist es so, dass es neben Spitzensportlern, die manchmal hinter dem Fußball etwas untergehen, auf der anderen Seite noch ganz viele Berufsgruppen gibt, die mehr Wertschätzung verdienen. Zum Beispiel in der Pflege.

Letzte Frage: Nike Lorenz, die Kapitänin der Hockeymannschaft, ist in Tokio mit Regenbogenbinde aufgelaufen. Das wäre bei früheren Sommerspielen niemals denkbar gewesen. Es hat sich viel getan, oder?

Ovtcharov: Ich glaube, dass es nicht nur auf die Olympischen Spiele, sondern den Sport allgemein zutrifft. Durch die gesellschaftlichen Veränderungen und bestimmte Geschehnisse hat es seit einigen Jahren auch immer mehr Einzug in den Sport gehalten. Sportler sind Vorbilder und können ihre Bekanntheit dafür einsetzen, auf Missstände aufmerksam zu machen. Das ist eine gute Sache.

Seite 1: Ovtcharov über irre Ballwechsel und eine Achterbahnfahrt der Gefühle

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