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Wintersport

Sven Hannawald im Interview: Tourneesieger Karl Geiger? "Jetzt bleibt nur noch eine Zahl"

Von Philipp Schmidt

Sven Hannawald hat die Vierschanzentournee als ARD-Experte begleitet. Im Interview mit SPOX blickt er auf die Leistung von Karl Geiger zurück, der die Tournee nach seinem "Debakel" in Innsbruck auf einem starken zweiten Platz beendete.

Außerdem spricht der Sieger von 2002 über Ausnahmespringer Kamil Stoch, der trotz der schwierigen Vorbereitung eine Klasse für sich war, sowie Markus Eisenbichler, der es wieder einmal nicht schaffte, seine Leistungen konstant abzurufen.

Zudem veranschaulicht der 46-Jährige, welch großen Stellenwert die Fans für die Sportart Skispringen haben und erklärt, warum es im nächsten Jahr endlich wieder ein Deutscher verdient hätte, die Tournee für sich zu entscheiden.

Hier geht es zum Interview mit Hannawald vor der Tournee, in dem er neben seinen Tourneeprognosen auch auf seine Karriere, die mit der Diagnose Burnout endete, zurückblickte.

Herr Hannawald, mit einer Aufholjagd in Bischofshofen konnte sich Karl Geiger in der Gesamtwertung der Tournee noch von Platz vier auf Platz zwei schieben. Ein zufriedenstellendes Ergebnis?

Sven Hannawald: Ich bin unheimlich froh, dass das mit Karl noch geklappt hat. Obwohl die Voraussetzungen mit zwei Pferden im Stall - Geiger und Markus Eisenbichler - noch nie so gut waren, hat man relativ schnell gemerkt, dass viele Steine im Weg lagen, die es für ein gutes Tourneeabschneiden nicht geben darf.

Was meinen Sie damit genau?

Hannawald: Das liegt nicht an den Springern, die kamen hoch motiviert aus den Weihnachtsfeiertagen. Markus hatte aber in Oberstdorf eine schwierige Qualifikation, in Garmisch kam Karl anfangs nicht in seinen Sprung. Solche Kleinigkeiten sorgen für Kopfzerbrechen, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Diese Störfaktoren belasten dich bei der Tournee deutlich stärker als bei den Weltcups in der restlichen Saison. Das Medienaufkommen ist enorm, die Erwartungshaltung insbesondere in Deutschland gewaltig. Wenn es bei der Tournee klappen soll, braucht es einen optimalen Fahrplan, der nicht trainiert werden kann.

Wie so oft war das Springen in Innsbruck aus deutscher Sicht ein Schlüsselerlebnis. Geiger landete nur auf Platz 16 ...

Hannawald: Innsbruck hat wieder einmal zugeschlagen, bereits in Garmisch mussten sie allesamt kämpfen wie Tiere und haben es hinbekommen. Danach habe ich gehofft, dass es in Innsbruck mal besser läuft, aber es war nicht so. Schlussendlich war es wichtig, dass Karl noch auf das Podest gesprungen ist, Platz vier wäre echt fies gewesen. Nach dem Sieg in Oberstdorf haben viele sicherlich angefangen zu träumen, aber wieder einmal hatte das Ergebnis beim ersten Springen noch nicht viel zu bedeuten - wie sich beim Debakel in Innsbruck gezeigt hat.

© getty
Karl Geiger wurde Zweiter in der Tournee-Gesamtwertung.

Hannawald über Tourneesieger Stoch: "Höchster Respekt!"

Was lief dort schief?

Hannawald: Bereits letztes Jahr war Karl sauer, weil die Jury ihm bei unfairen Bedingungen Grün gegeben hat. Dieses Mal war er sicherlich sauer auf sich selbst. Solche eigenen Fehler arbeiten tierisch in dir. Im Endeffekt hätte er aber gegen Kamil sowieso keine Chance gehabt.

Mit seinem dritten Tourneesieg war Stoch wieder einmal der alles überragende Athlet, obwohl die Polen aufgrund einer Corona-Quarantäne fast gar nicht erst an der Tournee teilgenommen hätten ...

Hannawald: Wenn man sieht, dass Stoch eigentlich aus dem Rennen war und sich dann den Sieg holt, ist das eine der Geschichten, die nur die Tournee schreibt. Er hat es sich wirklich verdient. Zu den Geheimfavoriten zählt er immer, aber ich habe eigentlich keine ausreichende Basis an Sprüngen gesehen, die ihm im Vorfeld gelungen sind. Er hat sich aber während der Tournee in einen Flow gesprungen, das ist eine Gabe, die auch den Hintergrund hat, dass er bereits zweimal gewonnen hat. Höchster Respekt!

Zählt er für Sie damit auch zu den besten Springern aller Zeiten?

Hannawald: Jede Zeit bringt andere Dinge mit sich, deshalb ist so ein Vergleich schwierig. Sein Vorteil ist, dass er in den letzten Jahren gelernt hat, sein Alter miteinzubeziehen. Früher war er ein Heißsporn und hat sich auch mal verrückt gemacht. Damals hat er noch viel geträumt und Rekorde gejagt, jetzt ist er ein Realist und hört auf seinen Körper - und beim Höhepunkt schlechthin ist er zur Stelle.

Eisenbichler hat nach drei guten Ergebnissen das Springen in Bischofshofen in den Sand gesetzt und ist im ersten Durchgang gescheitert. Woran lag es?

Hannawald: Das ist Markus. Als er 2019 in Innsbruck Weltmeister geworden ist, ist er mit dem gleichen Risiko in den Sprung gegangen wie am Mittwoch. Er hat sein Vertrauen und seine Leichtigkeit verloren. Und wenn du dann pokerst, geht es komplett in die Hose. Markus ist ein heimatverbundener Mensch, zu Beginn der Saison hat man gemerkt, dass er seine Sprünge genossen hat, weil er sich zuhause vorbereiten konnte. Jetzt muss er sich wieder mehr in die Gruppe integrieren, hat Pressekonferenzen und feste Trainingszeiten. Das lockert ihn nicht unbedingt auf. Er hat uns mit genialen Sprüngen verwöhnt, wie im zweiten Durchgang in Oberstdorf, aber bei der Tournee kommen neun Tage lang Dinge auf dich zu, mit denen du fertig werden musst.

© getty
Markus Eisenbichler nahm sein Aus nach dem ersten Durchgang mit Humor.

Eisenbichler verpatzt letzten Sprung: "Das ist Markus"

Wie fällt Ihr Fazit beim Blick auf die weiteren deutschen Starter aus?

Hannawald: Severin Freund hat sich super durchgeboxt und ist dafür mit dem guten Ergebnis in Bischofshofen belohnt worden. Er bleibt an seinem neuen Sprung dran und vertraut den Trainern, auch wenn der Sprung noch nicht so effektiv ist wie gewünscht. Die jüngeren Springer um Constantin Schmid und Martin Hamann - auch Pius Paschke zähle ich dazu - haben ein bisschen den Faden für sich selbst verloren, weil Geiger und Eisenbichler in Oberstdorf weggeflogen sind. Dann ist die Versuchung groß, mit Gewalt diese Lücke wieder zu schließen und du verlierst die Lockerheit.

Halvor Egner Granerud ging als Top-Favorit in die Tournee, verpasste am Ende aber sogar das Podium. Waren die Erwartungen zu hoch?

Hannawald: Er war auf einem guten Weg bis Innsbruck, auch da lag er im Probedurchgang noch ganz vorne. Dort hatte er Pech mit den Bedingungen, hat sich im Anschluss aber ein Eigentor geschossen mit seinen Aussagen gegen Stoch (unter anderem sagte er: 'Es ist furchtbar nervig, Stoch siegen zu sehen', Anm. d. Red.). Das kann mal passieren, aber Gott sei Dank hat er sich gleich entschuldigt und die Aussagen zurückgenommen. In Bischofshofen hat Stoch ihm mit seiner Dominanz den Zahn gezogen, mit dem Gate-Wechsel bei seinem ersten Sprung haben die Norweger dort einen weiteren Fehler begangen, der ihn sogar um das Podium brachte. Diese Quittung, nicht alles erzwingen zu können, tut dem Sport gut. Er hatte am Ende aber auch einfach nicht seine beste Form.

Jahr für Jahr stellt sich die Frage: Wann gewinnt ein Deutscher wieder die Tournee? 2002 waren Sie der Letze ...

Hannawald: 2020 war Karl Dritter, dieses Jahr Zweiter, jetzt bleibt ja nur noch eine Zahl offen. (lacht) Runde Zahlen lassen sich natürlich besser schreiben, mein Sieg war schließlich auch bei der 50. Tournee. Die Deutschen wären definitiv mal wieder an der Reihe, jahrelang waren es Österreich, Norwegen, Polen oder auch Japan, die Einzelleistungen würden es rechtfertigen. Ich möchte Karl aber keinen Rucksack aufbinden. Wichtig ist es, dass die Geschehnisse im Team gut aufgearbeitet werden. Die Arbeit am Körper geht weiter, damit er nächstes Jahr noch einen Zentimeter mehr Sprungkraft hat.

Zum Abschluss: Das Drumherum war sowohl für Sie als Experte im Studio wie auch für die Springer ohne Zuschauerunterstützung ganz besonders. Wie haben Sie die "Atmosphäre" wahrgenommen?

Hannawald: Man ist froh, dass die Wettkämpfe mithilfe des Hygienekonzepts abgehalten werden können, aber es fehlt ganz klar etwas. Du stehst im Studio und kommentierst Sprünge, bei denen kein Jubel oder "Zieh" zu hören ist, das ist schwierig. Wären die Springen ausgefallen, stünden allerdings die Verbände und Veranstalter vor großen Problemen, deshalb müssen wir da durch. Die Hoffnung ist da, dass bis Ende des Sommers alle geimpft werden können, die wollen. Dann würde in der neuen Saison Normalität zurückkehren. Es wurde immer auf die Bedeutung der Zuschauer für das Skispringen hingewiesen, spätestens bei der Tournee hat sich das bewahrheitet.

Vierschanzentournee: Die Gesamtwertung im Überblick

PlatzSpringerNationGesamtstand
1Kamil StochPolen1110,6
2Karl GeigerDeutschland1062,5
3Dawid KubackiPolen1057,8
4Halvor Egner GranerudNorwegen1057,4
5Piotr ZylaPolen1032,7
6Andrzej StekalaPolen1032,5
6Ryoyu KobayashiJapan1032,5
8Stefan KraftÖsterreich1019,1
9Peter PrevcSlowenien1018,0
10Daniel HuberÖsterreich1014,7

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