Radsport

Emanuel Buchmann glänzt bei der Tour de France: Der Anti-Kannibale aus dem Hintergrund

Von Dominik Geißler

Emanuel Buchmann fährt bei der Tour de France (täglich im LIVETICKER) so erfolgreich wie kein anderer Deutscher in den vergangenen zehn Jahren und wird selbst von Legenden wie Jan Ullrich mit Lob überschüttet. Was macht den gebürtigen Ravensburger, der von dem Trubel um seine Person am liebsten gar nichts wissen würde, aus? SPOX hat mit seinem Coach gesprochen.

Radsport in Deutschland, das ist ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite geächtet wegen der dunklen Doping-Geschichten in der jüngeren Vergangenheit, auf der anderen Seite gefeiert, sobald ein Athlet aus der Bundesrepublik mit den Giganten des Sports mithalten kann.

Wenn Letzteres der Fall ist, schnellt die Aufmerksamkeitskurve in die Höhe wie die Felswände rund um den legendären Col du Tourmalet. Plötzlich will auch der gemeine Fußball-Fan wissen, was bei der Frankreich-Rundfahrt gerade so passiert.

In diesem Jahr ist es wieder so weit. Und mittendrin in diesem Rummel: Emanuel Buchmann. Leider, muss man aus seiner Sicht fast schon sagen. Denn im Mittelpunkt steht der 26-Jährige eher ungern. "Ich habe lieber meine Ruhe", betont Buchmann immer wieder. Kürzlich verriet er der Deutschen Welle, auf was er sich am meisten nach der Tour freue: "Die Ruhe." Natürlich.

Aktuell spürt Buchmann davon noch reichlich wenig. In den ersten zwei Wochen der Tour de France fuhr er so erfolgreich, dass er sich plötzlich im Fokus von ganz Sport-Deutschland befindet. Mit 2:14 Minuten Rückstand auf Julian Alaphilippe im Gelben Trikot liegt Buchmann auf Platz sechs der Gesamtwertung und hat damit beste Chancen, als erster Deutscher nach Andreas Klöden vor zehn Jahren am Ende in den Top 10 zu stehen.

Ein Ziel, das man ihm im Team Bora-hansgrohe schon vor der Tour gesteckt hatte. "Das war keine Utopie, darauf haben wir alles ausgelegt. Für uns ist das keine Überraschung", stellt Coach Dan Lorang im Gespräch mit SPOX klar. Tatsächlich kommen die guten Ergebnisse für den Insider keineswegs aus dem Nichts. Buchmann hat sich vor allem in diesem Jahr Stück für Stück gesteigert, mit dem dritten Platz beim Tourvorbereitungsrennen Criterium du Dauphine als dem vorläufigen Höhepunkt.

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Emanuel Buchmann sorgt bei der Tour de France für Furore.

Emanuel Buchmann: "Nicht der geborene Kapitän"

Trotzdem fuhr Buchmann auch zu Beginn der Tour zunächst unter dem Radar. Die Öffentlichkeit stürzte sich vielmehr auf den mittlerweile ausgeschiedenen Maximilian Schachmann. Interviews mit Buchmann? Haben Seltenheitscharakter. Für Lorang nicht verwunderlich, schließlich seien "die beiden sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Wenn Max ein Interview gibt, sagt er für die Journalisten vielleicht die interessanteren Dinge. Emu ist da eher der rationale".

Buchmann ist kein Lautsprecher, kein Rockstar wie Teamkollege Peter Sagan. Niemand, der "am Tisch abends große Ansprachen" macht, wie er sagt: "Das ist einfach nicht mein Ding."

Da überrascht es auf den ersten Blick umso mehr, dass der Ravensburger seit der Vuelta 2018 als Co-Kapitän für Bora fährt. "Ich bin nicht der geborene Kapitän", findet sogar Buchmann selbst.

Aussagen, die typisch für "Emu" sind und ein wenig Unsicherheit vermuten lassen. Zu Unrecht, wie Lorang betont: "Er ist sehr selbstbewusst, auch wenn das nicht immer so rüberkommt. Er weiß, was er kann und was er alles dafür getan hat, um hier zu sein. Natürlich liegt mit dem Druck und dem Medieninteresse eine gewisse Last auf ihm, aber er geht sehr professionell damit um. Und vielleicht genießt er es auch ein bisschen, denn das Interesse ist ja der Beweis dafür, dass er erfolgreich ist."

Diesen Erfolg hat sich Buchmann, der ohne den Radsport ein Jura-Studium angestrebt hätte, über die Jahre hart erkämpft. Er gilt nicht als Mega-Talent, sondern als "talentierter Arbeiter", wie ihn Teamchef Ralph Denk einst taufte. Seit seinen ersten Radrennen als 13-Jähriger schuftete sich der Oberschwabe immer weiter nach vorne. 2015 hat er es schließlich zum Profi geschafft, wurde gleich Deutscher Meister und nahm mit 22 Jahren erstmals an der Tour teil. Mit der Zeit wurde er reifer "und ein kleines Stück stärker". "Ich trete jetzt ein paar Watt mehr", verriet er.

Emanuel Buchmann: 62 Kilogramm auf 1,82 Meter

Beinhart ist dabei vor allem Buchmanns Disziplin. "Er schläft schon schlecht ein, wenn er mal ein Eis isst", berichtete Denk schmunzelnd über seinen Schützling. Dass er bei einer Körpergröße von 1,82 Meter nur 62 Kilogramm auf die Waage bringt, kommt schließlich nicht von ungefähr - und ist ein Erfolgsrezept für die französischen Berge, auf denen er als zweimaliger Viertplatzierter am Wochenende so brillierte.

"Ich bin begeistert!", schwärmte Jan Ullrich gegenüber der Bild in den höchsten Tönen: "Dass er sich so im Kreis der Favoriten hält und auch beim Zeitfahren seine Klasse beweist, zeigt, dass er das Zeug zu einem echten Champion hat." Auch die belgische Legende Eddy Merckx zeigte sich angetan und sieht im Bora-Kapitän einen potenziellen Podiumskandidaten.

Dabei geht Buchmann auf dem Velo anders zu Werke als beispielsweise ein Merckx, der sich seinerzeit den Ruf des "Kannibalen" zu Eigen machte. Er ist vielmehr so etwas wie ein Anti-Kannibale, der auf der Strecke nur dann aggressiv zu Werke geht, wenn es notwendig ist. Taktische Disziplin, das ist sein Motto.

Tour de France: Top 10 bleiben Buchmanns Ziel

So vermied es Buchmann auf den ersten Etappen, "Kraft zu verschwenden", wie er in der ARD erklärte. Eine wichtige Grundlage für die in der letzten Tour-Woche anstehenden Alpen-Etappen, denn hier wird sich naturgemäß entscheiden, wie weit vorne er im Endklassement landen wird.

Die Vuelta hat Buchmann im vergangenen Jahr schließlich vor Augen geführt, dass ein starker Beginn kein Garant für eine starke Schlusswoche ist. Damals rutschte er von einem Podiumsplatz noch aus den besten Zehn heraus.

Entsprechend möchte man bei der Bora-Teamführung jetzt nichts an der ursprünglichen Zielsetzung ändern. "Es kommen drei schwere Bergetappen, da kann sich das alles ruckzuck wieder ändern", verdeutlicht Lorang: "Wenn man jetzt umschwenkt und drei Schritte zu viel macht, würden wir eine Situation kreieren, die nicht gewollt ist."

Buchmann selbst, der von Teamkollege Gregor Mühlberger schon zum künftigen Tour-Champion und "nächsten ganz großen deutschen Star" auserkoren wurde, möchte von etwaigen Lobeshymnen ohnehin nichts wissen. Auch Vergleiche mit Ullrich, dem einzigen deutschen Tour-Sieger, widerstreben dem jungen Mann, der bis heute auf einen Manager verzichtet. "Ich will nicht in irgendwelche Fußstapfen treten", betonte er. Buchmann will seine eigenen Wege gehen - zwar erfolgreich, aber weiterhin ganz in Ruhe.

Tour de France 2019: Gesamtwertung nach der 15. Etappe

Rang

FahrerNationTeamErgebnis
1ALAPHILIPPE Julian

FRA

DECEUNINCK - QUICK - STEP61:00:22
2THOMAS Geraint

GBR

TEAM INEOS+1:35
3KRUIJSWIJK Steven

NED

TEAM JUMBO - VISMA+1:47
4.PINOT Thibaut

FRA

GROUPAMA - FDJ+1:50
5.BERNAL GOMEZ Egan Arley

COL

TEAM INEOS+2:02
6.BUCHMANN Emanuel

GER

BORA - HANSGROHE+2:14
7.LANDA MEANA Mikel

ESP

MOVISTAR TEAM+4:54
8.VALVERDE Alejandro

ESP

MOVISTAR TEAM+5:00
9.FUGLSANG Jakob

DEN

ASTANA PRO TEAM+5:27
10URAN Rigoberto

COL

EF EDUCATION FIRST+5:33

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