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Radsport - Lisa Brennauer vor Karriereende im Interview: "Hey, lasst uns einfach Weltrekord fahren!"

Von Alexander Hagl

Kristina Vogel wurde 2016 Olympiasiegerin im Sprint, Sie zogen 2021 in der Mannschaftsverfolgung nach und holten Gold, nachdem sie schon in der Qualifikation den Weltrekord aufgestellt hatten. Was geht einem durch den Kopf, wenn man im Halbfinale an den Start geht mit dem Wissen, die Bestleistung eigentlich schon abgerufen zu haben?

Brennauer: Ehrlich gesagt war dieser Weltrekord in der Qualifikation der entscheidende Baustein für den Triumph. Wir sind im Training ein paar Tage zuvor schon so schnell gefahren, dass wir da schon wussten, dass wir den Weltrekord knacken können. Wir wussten aber nicht, was er bedeutet, da wir wegen Corona 1,5 Jahre keine Wettkämpfe und wir keine Vergleichswerte zur Konkurrenz hatten. Davor haben wir uns dann zusammengesetzt und ich habe zu den Mädels gesagt: "Hey, lasst uns doch einfach Weltrekord fahren!" Denn dann haben wir schon so etwas Geiles erreicht. Alles andere kann dann von selbst kommen. Dann haben wir schon einen riesigen Schritt und gehen positiv in den Wettkampf rein. Das hat natürlich super geklappt. Wir hatten dadurch in der ersten Runde die bessere Ausgangsposition, da wir gegen die Viertplatzierten der Qualifikation gefahren sind. Die waren deutlich langsamer. Da wussten wir, dass wir die deutlich besseren Karten als die Gegner haben. Das war der Schlüssel.

Im Gold-Lauf sind Sie noch ein drittes Mal Weltrekord gefahren.

Brennauer: Das war natürlich überragend. Das war purer Wille. Wir wollten Gold gewinnen, aber wir hatten die Silbermedaille ja sicher. Alleine das wäre für jede von uns ein riesiger Erfolg gewesen. Wenn man das im Hinterkopf hat und mit dieser Leichtigkeit in das Finale geht, kann man auch Gold gewinnen. Wir hatten nicht den Druck, aber wir wollten es schon unbedingt.

Sie haben erst vor kurzem wieder auf Instagram ein Bild geteilt, das Sie mit Ihren Kolleginnen nach dem Olympiasieg zeigt und beschreiben diesen Moment als sehr besonders. Was war da genau?

Brennauer: Das war der erste Moment, bei dem wir nur zu viert waren und überhaupt realisieren konnten, was ist hier eigentlich gerade passiert. Davor war der ganze Trubel. Hier konnten wir uns wirklich in die Augen schauen und sagen: 'Wow, was haben wir gerade erreicht'.

© getty
Lisa Brennauer ging mit ihrem Team Ceratizit bei der Tour de France der Frauen an den Start.

Lisa Brennauer: Bei Olympia in London am unbeschwertesten

Wie ging der Tag dann noch weiter?

Brennauer: Die Bahnradwettkämpfe in Tokio waren weit außerhalb vom Olympischen Dorf, wir durften aber eine Nacht dann dort verbringen. Zusammen mit Team Deutschland wurde natürlich gefeiert, eine richtige Party war leider nicht so richtig möglich. Aber wir haben einen wunderschönen Empfang im Deutschen Haus bekommen. Danach sind wir durch das Olympische Dorf gestreift und haben zur Musik in einem Park getanzt. Es war schön, einfach den Moment zu genießen.

Magdalena Neuner hat nach ihrem Olympiasieg geklagt, dass sie es aufgrund der vielen Medientermine gar nicht wirklich genießen konnte. Ging Ihnen das ähnlich?

Brennauer: Ich hatte nach den Olympischen Spielen schon sehr viele Termine. Die vermehrten Interview-Anfragen oder Einladungen ins Fernsehen kommen zwangsläufig mit so einem Olympiasieg, aber ich habe das alles als sehr positiv wahrgenommen.

Sie haben insgesamt an drei Olympischen Spielen teilgenommen. Welche waren die schönsten?

Brennauer: Sportlich waren natürlich die Spiele in Tokio herausragend, aber rückblickend ist ein weinendes Auge dabei ob der Umstände, unter denen sie stattgefunden haben. Meine ganze Familie und Freunde wollten dabei sein, durften aber wegen der Corona-Pandemie nicht. Wir hatten das Glück, dass bei den Bahnradwettbewerben im Gegensatz zu den meisten anderen Sportarten zumindest ein paar einheimische Zuschauer zugelassen waren. Das haben wir sehr genossen. Es war einfach anders als beispielsweise in London.

Dort haben Sie 2012 Ihr Olympiadebüt gefeiert.

Brennauer: Genau. Da war ich am unbeschwertesten, zu dem Zeitpunkt war es einfach nur schön, ein Teil der Olympischen Spiele zu sein und das erleben zu dürfen. Ich erinnere mich dabei noch an den Moment, als mein Bruder dort zu mir sagte, dass er stolz auf mich ist und dass es Wahnsinn ist, dass wir hier sind und ich zu einem ganz anderen Menschen werde, wenn ich den Zeitfahrhelm aufsetze. (lacht) Es war schön, dass wir den Moment dort teilen konnten.

Bei den European Championships in München setzen Sie zum letzten Mal als Profisportlerin den Helm auf. Wie wehmütig schauen Sie auf Ihre letzten Rennen?

Brennauer: Ehrlich gesagt freue ich viel mehr darauf. Es wird mit Sicherheit eine ganze emotionale Zeit.

Gerade wenn man in der eigenen Heimat die Karriere beenden kann.

Brennauer: Ja, das ist sehr besonders. Viele Leute aus meinem Umfeld können bei meinem Abschied dabei sein, das finde ich toll. Generell wird es hier in Bayern aber einfach ein wunderschönes Event. Es ist aber nicht so, dass es von Anfang an der fixe Plan war. Es wird sicher ein toller Moment, um die Karriere hier ausklingen zu lassen. Zumal mein ganzes Team Ceratizit in der Nähe von München beheimatet ist.

Lisa Brennauer: Mammutprogramm bei European Championships

Für den Abschluss haben Sie sich ein großes Programm vorgenommen. Sie starten auf der Bahn in der Mannschafts- und Einerverfolgung (12. und 13. August). Zudem stehen in der zweiten Woche das Einzelzeitfahren (17. August) sowie das Straßenrennen (21. August) auf dem Programm. Wie schafft man den Wechsel von der Bahn auf die Straße?

Brennauer: Ein Umstieg in so kurzer Zeit innerhalb eines Events fällt mir andersherum eigentlich einfacher. Es wird eine Herausforderung, aber die Umstände haben mehrere meiner Teamkollegen, die ebenfalls auf der Bahn und der Straße fahren. Man muss sich vom Kopf darauf einlassen, dass es ganz unterschiedliche Events sind. Wenn ich im Kopf umschalten kann, dann klappt es auch mit den unterschiedlichen Anforderungen in den Beinen.

European Championships in München: Sportarten

SportartStadionZeitraum
LeichtathletikOlympiastadion15. bis 21. August
TischtennisRud-Sedlmayer-Halle13. bis 21. August
TurnenOlympiahalle11., 13., 14., 18., 20. und 21. August
TriathlonOlympiapark12. bis 14. August
Radsport StraßeMünchner Umland14., 17. und 21. August
Radsport BahnradMesse München11. bis 16. August
Radsport BMXOlympiaberg11. bis 13. August
Radsport MountainbikeOlympiapark19. und 20. August
BeachvolleyballKönigsplatz15. bis 21. August
KletternKönigsplatz15. bis 21. August
RudernRegattaanlage11. bis 14. August
Kanu-RennsportRegattaanlage18. bis 21. August

Welche Ziele setzen Sie sich für Ihren Karriereabschluss?

Brennauer: Auf der Bahn haben wir mit der Mannschaft als auch ich im Einzel eine große Chance. Wir sind hochmotiviert, vor allem da wir mit dem Weltmeistertrikot an den Start gehen. Natürlich ist es der Wunsch, nochmal ganz oben zu stehen.

Und was steht dann nach dem 21. August an?

Brennauer: Ich bin im vergangenen Jahr Berufssoldatin geworden, ich werde also bei der Bundeswehr bleiben. Ich bin mit den Gremien bereits im Gespräch, diese sind aber noch nicht abgeschlossen. Ich hoffe aber, so nah wie möglich am Sport bleiben zu können.

Also kommt es zu keiner Karriere als Radsport-Expertin für die Tour de France?

Brennauer: Ich habe das bei Eurosport ein paar Mal gemacht. Das hat mir sehr viel Spaß bereitet. Ich kann mir schon vorstellen, das in der Zukunft immer mal wieder zu machen, aber mein Hauptberuf wird bei der Bundeswehr bleiben.

Seite 1: Brennauer über die Tour de France der Frauen und Kristina Vogel

Seite 2: Brennauer über den Gold-Triumph und das Karriereende

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