Motorsport

Motorrad-Rekordweltmeister Giacomo Agostini: Gott auf zwei Rädern

Von Dominik Geißler

© imago

An diesem Wochenende startet mit dem Großen Preis von Katar die MotoGP-Saison 2019 (Freitagstrainings, Qualifying und Rennen live auf DAZN). Zu diesem Anlass blickt SPOX auf die wohl größte Ikone des Sports zurück: Giacomo Agostini. Der Italiener ist nicht nur als Rekordweltmeister, sondern auch als Frauenschwarm und Schauspieler in die Geschichte eingegangen. Angefangen hat dabei alles mit einem glücklichen Missverständnis und einem demütigenden Test.

Seit dem Morgen wartete er nun schon vor den Hallen von MV Agusta. Stunde um Stunde verging und noch immer gab sich Inhaber Graf Domenico Agusta nicht die Ehre, Giacomo Agostini hineinzubitten. Eine seltsame Schmach, immerhin wurde der Rennfahrer ausdrücklich zum Gelände nahe Mailand gerufen und war mit der Hoffnung angereist, künftig für den legendären Motorradhersteller an den Start gehen zu dürfen.

Erst als sich dieser Tag im Jahre 1964, den Agostini wie ein Tiger im Käfig auf und ab gehend vor verschlossenen Toren verbrachte, langsam dem Ende neigte, erbarmte sich der Graf und holte das 22-jährige Motorsporttalent zu sich. Anstatt nun aber Blumen zu streuen, fragte Agusta den zweimaligen italienischen Meister, ob er sich überhaupt zutraue, eine so schnelle Maschine wie die seinige zu pilotieren.

Agostinis selbstbewusste Antwort, dass er das ohne Zweifel schaffen würde, überzeugte den überheblichen Adelsmann nicht. Der Jungspund möge doch bitte erst einmal auf einem nahe gelegenen Hütchen-Parcours Probe fahren, um sein Können zu beweisen. Ein einfacher Slalomkurs, für einen nationalen Champion? Eine größere Verunglimpfung konnte sich Agostini in diesem Moment wohl kaum vorstellen.

Doch "Ago" ließ sich nicht abschrecken, erfüllte alle Aufgaben mit vollem Tatendrang und: bestand damit des Grafen Prüfung, der mit seinen Spielchen lediglich testen wollte, ob der junge Mann ihm und der Marke genügend Respekt entgegenbringen würde. Für Agostini hatte damit ein neues Kapitel begonnen. Eines, das ob des sagenhaften Erfolgs noch heute seines Gleichen sucht. Und eines, von dem er als kleiner Knirps wohl nie zu träumen gewagt hätte - obwohl das Benzin schon früh durch seine Adern floss. "Ich wurde dafür geboren. Bereits bei meiner Geburt habe ich an Motorräder gedacht", sagte Agostini mal: "Ich wollte immer nur das machen."

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Ein Missverständnis ebnet Agostini den Weg

Das Problem: Der 1942 in der Lombardei geborene Junge hatte keine Familie, die mit Rennsport etwas anfangen konnte. Sein Vater wollte "nicht den Tod des Sohnes unterschreiben" und verbot ihm die gefährlichen Aktivitäten, die er bereits als Teenager mit kleinen Geschicklichkeitsrennen gestartet hatte.

Um seinem Hobby weiter nachgehen zu können, brauchte der noch minderjährige Agostini allerdings die gesetzliche Erlaubnis seiner Eltern. Wochen verbrachte er damit, seinen Vater vom Motorradfahren zu überzeugen.

Solange, bis dieser einen befreundeten Notar aufsuchte und dessen Rat, die Befugnis zu unterschreiben, doch noch befolgte. Sport täte schließlich gut und sei für einen Heranwachsenden eine sinnvolle Beschäftigung, lautete das gewinnbringende Argument. Dass der Jurist bei seiner Erklärung von Rad- und nicht von Motorradrennen ausging, nennt man wohl eine glückliche Fügung des Schicksals.

Rekorde, Rekorde, Rekorde: Agostinis einzigartige Karriere

Agostini wird das Missverständnis gerne in Kauf genommen haben. Nachdem er sich bei Hersteller Moto Morini seine erste eigene Maschine auf Kredit zulegte, war der Weg zum professionellen Rennsport geebnet. Im Alter von 20 Jahren fuhr er seine ersten Rennen. Dass er dabei besser als die anderen war, stand für ihn zunächst nicht im Fokus. Er fuhr aus Liebe und Leidenschaft - eine Hingabe, die "Mino", wie er von seinen Fans genannt wird, in seiner gesamten Karriere auszeichnete.

Schnell stellten sich erste Erfolge ein. Er krönte sich 1963 und 1964 zum italienischen (Berg-)Meister und debütierte im September 1963 in der Motorrad-Weltmeisterschaft. Das Rennen musste er mit einem technischen Defekt zwar vorzeitig beenden, doch lag er bis dahin in Führung und sorgte so für die ersten großen Schlagzeilen.

Zwei Jahre später, mittlerweile bei MV Agusta unter Vertrag, war es dann soweit: Auf dem Nürburgring gewann er seinen ersten WM-Lauf. In 185 weiteren Rennen sollten 121 weitere Siege folgen. Zwischenzeitlich war er drei Jahre lang in keinem einzigen Rennen zu schlagen. Agostini fuhr nicht nur wie ein Gott auf zwei Rädern, er war einer.

Und natürlich: Wer so oft gewinnt, setzt sich am Ende auch regelmäßig die Weltmeisterkrone auf. Insgesamt zu 15 Titeln fuhr "Ago" (sieben in der Klasse 350cm³, acht in der Klasse 500cm³). Statistiken, die in ihrer Einzigartigkeit bis heute unübertroffen sind. Selbst Italiens aktueller Held Valentino Rossi hat mit 115 GP-Siegen und neun WM-Titeln das Nachsehen.

Motorrad-WM: Fahrer mit den meisten Siegen und Titeln

FahrerWeltmeistertitelGP-Siege
Giacomo Agostini (Italien)15122
Angel Nieto (Spanien)1390
Valentino Rossi (Italien)9115
Mike Hailwood (Großbritannien)976
Carlo Ubbiali (Italien)939
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Die Freundin des Rivalen als Trost

Agostini musste dabei in seiner Laufbahn nicht nur seine Gegner schlagen, sondern auch den Tod. Ohne moderne Schutzanzüge und zahlreiche Kiesbetten fuhr die Gefahr immer mit. "Es war nicht einfach, nach außen schien ich eher kalt, aber innen ... ", berichtete er gegenüber Speedweek.com von seiner Angst: "Wir hatten immer den Tod vor Augen, ein Rutscher hätte gereicht. Auf der Tourist Trophy verlor ich jedes Jahr zwischen drei oder vier Kollegen nach tödlichen Stürzen. Jedes Mal, wenn ich zurückkehrte, kam ich mir vor wie einer, der den Krieg überlebt hat."

Die Tourist Trophy auf der Isle of Man galt seit jeher auch als das "Todesrennen". Der rund 60 Kilometer lange Kurs ist nicht nur einer der ältesten weltweit, sondern wohl auch der gefährlichste. Ausgerechnet hier lieferte sich Agostini 1967 mit seinem langjährigen Rivalen Mike Hailwood eine seiner spektakulärsten Schlachten überhaupt. Es reihte sich Rundenrekord an Rundenrekord, mal brannte "Ago" die Bestzeit in den Asphalt, mal war es Hailwood. Immer am Limit, immer am Rande des Todes.

Dann, in der letzten von sechs Runden - Agostini war mittlerweile auf Siegkurs - riss die Kette seiner MV Agusta. Er schied aus, Hailwood gewann. Statt im Jubel der Massen zu feiern, vergoss Italiens tragischer Held bittere Tränen. Und es war ausgerechnet Hailwood, der sich als einer der ersten zu Agostini gesellte und ihm zum Trost einen anrüchigen Vorschlag machte: "Er hat gesehen, wie ich geweint habe und mir versprochen, mich aufzumuntern. Am Abend durfte ich mich dann mit seiner Freundin vergnügen. Das war wirklich nett von ihm."

Agostini: Schauspieler und Frauenschwarm

Das weibliche Geschlecht hatte es dem Superstar, der dank seines Ruhmes bald zum Filmschauspieler aufstieg und in drei größeren Produktionen auf der Kino-Leinwand zu sehen war - alle handelten übrigens von "Motorrädern, Frauen und Liebe" -, ohnehin angetan. Und er es ihm mit seinen lockig-schwarzen Haaren ebenso.

Besonders beeindruckte er dabei offenbar eine junge Dame auf der Isle of Man. Jeden Morgen begrüßte sie ihn mit einem kurzen Hochziehen ihres Kleides, unter dem sie nichts außer einem Evaskostüm trug. "Sie muss wohl immer die Unterwäsche vergessen haben, weil es noch so früh war", kommentierte Agostini ihre Auftritte spitzbübisch.

Heute lässt es der mittlerweile 76-Jährige freilich ruhiger angehen. Längst ist er sesshaft geworden, Vater von zwei Kindern und mit seiner Frau Maria im norditalienischen Bergamo zuhause. Dem Motorradsport hält er als gern gesehener Gast und Ratgeber nach wie vor die Treue, selbst aufs Zweirad steigt er jedoch nur noch selten.

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Karriereende ließ Agostini "drei Tage weinen"

Dass er mal ein solch beschauliches Leben führen würde, hätte er selbst wohl nicht gedacht, als er 1977 seine Motorrad-Karriere beendete. Das war, als er nach seinem Wechsel zu Yamaha, der für die heißblütigen Tifosi einem Staatsverrat gleichkam, noch zwei WM-Titel eingefahren hatte und langsam den Zahn der Zeit zu fühlen bekam.

"Als ich nur noch Dritter oder Vierter wurde, empfand ich es wie eine Erniedrigung. Das hat mich ins Grübeln gebracht. Ich habe mich dann zum Aufhören entschlossen, aber schweren Herzens", erklärte er später seinen Entschluss, der ihn "drei Tage in Folge weinen" ließ.

Zwar machte Agostini anschließend noch einen Ausflug in den Automobilrennsport und nahm 1979 unter anderem an einem Formel-1-Rennen ohne Weltmeisterschaftstatus teil, konnte hier aber nicht mehr an alte Erfolge anknüpfen.

Erst seine Rückkehr ins Motorrad-Geschäft, diesmal als Teammanager, ließ ihn wieder jubeln und seine WM-Pokalsammlung um drei weitere Exemplare vergrößern. An den Spaß vergangener Tage kamen aber auch diese Errungenschaften nicht mehr heran: "Ich würde alles geben, um 40 Jahre jünger zu sein und wieder Rennen fahren zu können."

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