Darts

Raymond van Barneveld im Interview: "Ich bin wie Rocky Balboa und stehe immer wieder auf"

Von Elmar Paulke

Mit Raymond van Barneveld geht eine der prägenden Figuren des Darts in den Ruhestand. Doch mit einem feierlichen Abschiedsjahr wird es nichts, es wird eher ein ständiger Kampf um die Order of Merit und die Qualifikation für die großen Turniere.

Bei DAZN und SPOX spricht der fünfmalige Weltmeister über seine Karriere und seine Beweggründe, die ihn zum Aufhören getrieben haben. Am vierten Abend der Premier League trifft Barney in Exeter auf Michael Smith (20 Uhr LIVE auf DAZN).

Raymond, können wir Deutsch sprechen?

Raymond van Barneveld: (lacht) Nein.

Was machen Ihre Deutsch-Kenntnisse. Sie haben vor ein paar Jahren einen Kurs gemacht, oder?

Van Barneveld: Das waren nur vier Tage an einer Schule. Ich spreche nicht gut genug, um ein Interview auf Deutsch machen zu können.

Dann switchen wir auf Englisch. Die Premier League findet in diesem Jahr ohne Gary Anderson statt. Was halten Sie von der Lösung, neun Spielern eine Chance zu geben, einen Abend Premier-League-Luft schnuppern zu können?

Van Barneveld: Die PDC hatte nach dem Ausfall von Gary ein großes Problem. Ich finde die Lösung gut, gleichzeitig muss man aber sagen, dass natürlich nicht alle neun Ersatzleute gleich gut sind. Einer ist gut, einer ist sehr gut, einer ist okay. Es macht einen großen Unterschied, ob du in Berlin gegen Max Hopp und 14.000 Zuschauer spielst, oder in Rotterdam gegen Jeffrey de Zwaan und 10.000 Zuschauer, oder vielleicht in Exeter vor 2.500 Fans gegen Luke Humphries. Aber auf der anderen Seite hätte ich eigentlich in Berlin gegen Gary Anderson gespielt, jetzt spiele ich gegen Max Hopp. Gary Anderson ist der klar bessere Spieler. Ich bin einfach sehr glücklich, dass mir die PDC die Chance gegeben hat, noch einmal in der Premier League dabei zu sein. Es werden sicherlich emotionale Momente für mich, wenn ich mich von der Barney Army, egal ob das in Berlin, Rotterdam oder Belfast ist, verabschieden muss. Die Fans haben mich immer so großartig unterstützt. Ich habe es geliebt und ich hasse es jetzt, Goodbye sagen zu müssen, aber es ist das Beste für mich. Als ich nach der WM in der Weltrangliste auf Rang 28 zurückgefallen war, wusste ich nicht, ob ich diese Gelegenheit haben werde.

Waren Sie überrascht, wie weit Sie zurückgefallen sind?

Van Barneveld: Natürlich war ich überrascht. Ich kann nur Danke sagen, dass ich in meinem Abschiedsjahr die Wildcard bekommen habe. Vielleicht als Dank dafür, was ich für den Sport und die PDC getan habe in meiner Karriere. Wenn wir es mit dem Abschied von Phil Taylor vergleichen: Phil hat auch ein Jahr vorher gesagt, dass er aufhört, aber er stand immer noch in den Top 6 der Welt. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Er hatte die Einladungen fürs World Match Play, für den World Grand Prix oder den Grand Slam alle sicher, ich leider nicht. Ich muss wieder ganz von vorne anfangen und mich nach oben kämpfen. Ich habe sechs oder sieben Exhibitions abgesagt, damit ich Qualifier für European-Tour-Events spielen und versuchen kann, mich zu qualifizieren. Aber es zu versuchen, bringt dir keine Punkte für die Rangliste. Du musst gut spielen. Mein erstes Ziel ist die Quali fürs Match Play, mein zweites Ziel ist dann die Quali für die WM und dort hoffentlich nochmal weit zu kommen.

Barney über die European Tour und private Probleme

Um mit einem großen Knall aufhören zu können?

Van Barneveld: Ja. Die letzte WM war eine riesige Enttäuschung für mich. Die Niederlage gegen Darius Labanauskas war sehr bitter und hat mich richtig hart getroffen. Ich hatte sechs Wochen Zeit, um mich davon zu erholen. Ich habe seitdem viel gelernt. Ich habe mich gefragt, was ich jetzt machen soll. Soll ich sofort aufhören? Aber damit wären die Fans, die PDC und die Sponsoren nicht glücklich gewesen.

Und Sie selbst?

Van Barneveld: Ich auch nicht. Ich wollte mich nicht mit einer solchen Niederlage in der zweiten Runde der WM verabschieden. Das war keine Option. Ich habe überlegt, ob ich die Wildcard für die Premier League nicht annehmen soll, aber jeder will in der Premier League dabei sein, also war das auch keine Option. Die dritte Option war, noch ein Jahr dranzuhängen, wieder besser und so viel wie möglich zu spielen - genau das werde ich versuchen.

Die deutschen Fans werden sich freuen, Sie wieder auf der European Tour zu sehen.

Van Barneveld: Es ist nicht so, dass ich in der Vergangenheit die European Tour nicht spielen wollte. Im letzten Jahr habe ich es drei- oder viermal versucht, mich aber nicht qualifizieren können. Dann hatte ich schon länger einen Amerika-Urlaub geplant. Ich liebe Amerika und manchmal brauchst du einfach auch eine Pause. Aber dadurch habe ich wieder drei, vier Events verpasst. Und einmal bin ich aus Australien zurückgekommen, müde, mit Jetlag in den Knochen. So sind wir schon bei acht Turnieren. Mein Körper spielt einfach nicht mehr mit.

Ihre Diabetes-Erkrankung ist zum Beispiel bekannt.

Van Barneveld: Es ist nicht nur die Diabetes-Erkrankung, über die wir schon gesprochen haben. Ich habe Probleme mit den Augen und sehe teilweise verschwommen. Es kommen auch private Geschichten dazu. Bei mir zuhause wurde eingebrochen, da konnte ich nicht für meine Frau und Familie da sein. Ich habe im letzten Jahr vier gute Freunde verloren und konnte bei keiner Beerdigung sein, weil ich irgendwo im Flugzeug saß. Mein bester Freund hatte seinen 50. Geburtstag, auch den habe ich verpasst, weil ich in Australien war. Irgendwann kommt dann der Moment und du denkst dir: Ist es nach 35 Jahren vielleicht nicht einfach genug mit Darts? Mein ganzes Leben war immer Darts, Darts und nochmal Darts. Und wenn ich nicht mehr spiele, kann ich Darts immer noch genießen und fürs Fernsehen arbeiten, vielleicht auch mein Deutsch ein bisschen verbessern. (lacht)

Barney über Rocky Balboa, der nicht mehr aufstehen kann

Wie schwer war es für den Kopf in den letzten Jahren?

Van Barneveld: Ich will wieder den echten Raymond van Barneveld sehen. Der Ray, der ich einmal war. Der ins Publikum gelächelt und es genossen hat, auf der Bühne zu stehen. In den letzten zwei, drei, vielleicht vier Jahren war ich der depressive Ray. Damit habe ich zu kämpfen gehabt, weil ich so eigentlich gar nicht sein will. Aber wenn du nicht gewinnst und jede Woche dreimal, viermal, fünfmal geschlagen wirst, ist es so schwer, damit umzugehen. Du wärst so gerne wie Phil Taylor, Gary Anderson oder Michael van Gerwen, die jede Woche oder jede zweite Woche gewinnen.

Vor allem waren Sie ja jemand, der ans Gewinnen gewöhnt war.

Van Barneveld: Ich weiß. Es lief immer gut für mich. Ich weiß nicht, was passiert ist. Ich habe erst kürzlich mit Yordi Meeuwisse und Vincent van der Meer in meinem Büro trainiert, die jetzt auch eine Tourkarte haben, selbst diese Jungs kann ich nicht mehr schlagen. Ich verliere 4:11, 6:11, 7:11. Der Standard ist so hoch mittlerweile, jeder gewinnt ein Leg in 12 bis 15 Darts. Das setzt dich so unter Stress. Es ist wie bei einem Golfspieler. Ein verschobener Putt und schon bist du nicht mehr ganz oben auf dem Leaderboard, sondern nur noch auf Rang zwölf. Im Darts ist es das Gleiche. Du kannst es dir nicht mehr leisten, ein paar Doppel zu verfehlen. Dafür ist das Niveau zu hoch und alles zu eng zusammen. Und auch andere Nationen kommen nach oben. Seigo Asada gewinnt bei der WM gegen Krzystof Ratajski und hätte fast James Wade geschlagen. Der Standard wird immer höher und höher - und ich bin zu alt geworden.

Sind Sie jetzt aber noch einmal besonders motiviert, weil es das letzte Jahr ist?

Van Barneveld: Ja. Wenn du in den Top 16 stehst und zu einem Pro Tour- oder European-Tour-Turnier fährst, hast du im Hinterkopf, dass es "nur" die Pro Tour oder European Tour ist. Aber jetzt bin ich total motiviert und will alles geben, was in mir steckt, um ein tolles letztes Jahr zu haben. Ich will auch unbedingt beim World Cup dabei sein und mich nicht von einem anderen Niederländer überholen lassen, der dann mit Michael spielt. Hoffentlich gelingt es mir. Mein Kopf ist noch nicht ganz da, weil ich noch ein paar private Dinge lösen muss, aber dann kann ich mich hoffentlich ganz auf Darts fokussieren. Auf das, was ich liebe.

Wie hart wäre es, wenn Sie sich nicht mehr für die WM qualifizieren sollten?

Van Barneveld: Dann würde ich hoffen, dass das Jahr ganz schnell vorbei geht. (lacht) Darts war 35, 40 Jahre lang meine Leidenschaft, mein Leben, aber wenn ich im Wettbewerb nicht mehr erfolgreich bin, wenn niemand mehr über Raymond van Barneveld spricht, was ergibt es dann noch für einen Sinn, immer weiterzumachen? Was ich liebe, sind Exhibitions. Da spielt es keine Rolle, ob du mal ein paar Legs verlierst. Da verdienst du gutes Geld, die Fans sind happy, wenn du Fotos machst oder Autogramme gibst, das macht Spaß. Aber wenn ich auf dem höchsten Level Matches verliere, bin ich nicht glücklich. Die Leute sehen nicht, wie es ist. Ich habe in dieser Woche am Dienstagabend das Haus verlassen, am Mittwoch sind Medientermine, wenn ich von Donnerstag bis Sonntag jeden Tag spiele, kann es sein, dass ich innerhalb von vier Tagen vier Pleiten kassiere. Wenn dir das jede Woche so geht, sind das im Monat 12-15 Niederlagen. Das kannst du nicht wegstecken. Es fühlt sich an wie für einen Boxer im Ring, der die Schläge abbekommt und irgendwann kommt der Tag, an dem du nicht mehr aufstehen kannst. Ich bin wie Rocky Balboa und stehe immer wieder auf, aber manchmal hatte ich das Gefühl, nicht mehr aufstehen zu können. Aber hoffentlich schaffe ich es jetzt noch ein letztes Mal.

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