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Handball - Leipzig-Boss Günther im Interview: "Es wird Geld verbrannt, weil man nicht mit RB kooperieren darf"

Von Thomas Weber

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Als Idee in einer Wohngemeinschaft entstanden und inspiriert vom FC Barcelona schaffte der SC DHfK Leipzig innerhalb von acht Jahren den Durchmarsch von der 4. Liga bis in die HBL. Einer der WG-Kumpels und damit Mitbegründer der Erfolgsgeschichte ist der heutige Geschäftsführer Karsten Günther.

Im Interview mit SPOX erzählt der 37-Jährige vom verrückten Weg nach oben und seiner Rolle als Mädchen für alles - inklusive Trikots beflocken, Kartoffelsalat machen und einem Nebenjob als Kellner.

Günther berichtet außerdem von der essentiellen Bedeutung von Stefan Kretzschmar für den Verein, dem leidenschaftlichen Kampf um Bundestrainer Christian Prokop, der Zusammenarbeit mit RB Leipzig und taktischer Hilfe für Ralf Rangnick.

Herr Günther, wie war die Ausgangslage in der Stadt, als sie 2007 damit begannen, an Bundesliga-Handball in Leipzig zu denken?

Karsten Günther: Leipzig war in der DDR eine Handballhochburg, aber nach der Wende konnte man wirtschaftlich nicht mehr wirklich mithalten. So sind die besten Spieler unter anderem zum SC Magdeburg gegangen, einige hat es außerdem in eine Kreisstadt in der Nähe gezogen - nach Delitzsch. Dort gab es eine gute Jugendarbeit in enger Kooperation mit der Leipziger Sportschule. Auch ich war in Delitzsch Spieler im Juniorenteam und habe zu dieser Zeit mit einigen Mitspielern in einer WG gewohnt. Innerhalb dieser WG diskutierten wir, dass es eigentlich nicht sein kann, dass in Delitzsch Handball auf Zweitliganiveau gespielt wird, aber in Leipzig keine Männermannschaft in der höchsten Spielklasse vertreten ist. Leipzig war und ist immerhin eine florierende Stadt mit guten wirtschaftlichen Verhältnissen, über einer halben Million Einwohnern und einer großen ARENA sowie einer Sportuni und Sportschule mit Internat, also insgesamt super guten Voraussetzungen für Spitzensport.

Die grundsätzliche Idee der Gründung eines eigenen Vereins haben sie sich aber in Spanien geholt, oder?

Günther: Richtig. Ich war von meinem Studium aus in Barcelona und habe dort beim FC Barcelona ein Praktikum gemacht, 2004/05 war das. In dieser Zeit bin ich selbst ein bisschen von meiner Idee, später Trainer werden zu wollen, abgerückt und habe begonnen, mich mehr für das Management und die Vereinsführung zu interessieren. In Barcelona konnte man spüren, welche Kraft ein Verein entwickelt, mit dem sich die ganze Stadt identifiziert. Ich hatte nicht das Gefühl, dass es in Leipzig einen solchen Verein gab. Wir haben also in der WG die Köpfe zusammengesteckt und fanden die Idee, etwas Eigenes zu machen, genial.

Diese WG war also die Keimzelle des SC DHfK Leipzig in seiner heutigen Form?

Günther: Vielleicht schon. Wir hatten zuerst versucht, mit dem damaligen Drittligisten SG LVB Leipzig eine Kooperation zu starten, sind aber nicht zum Zuge gekommen. Zu unserem Glück war bei diesen Gesprächen ein früherer DHfK-Spieler dabei, der uns auf seinen ehemaligen Verein hingewiesen hat. So kam die Idee auf, zum SC DHfK zu gehen.

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In der Arena Leipzig trägt der DHfK aktuell vor rund 8.000 Zuschauern seine Heimspiele aus.

Karsten Günther über seine Anfänge als Mädchen für alles

Dort ging es am Anfang noch recht turbulent zu. Erzählen Sie uns davon.

Günther: Wir haben mit ein paar engen Freunden und Vertrauten am Anfang alles selbst gemacht: Die Trikots beflockt, das Hallenheft als Word Datei gebastelt, den Kartoffelsalat für den VIP-Raum gemacht und nachts die Videos für das Team vorbereitet, mit vor- und rückspulen auf zwei Videorekordern. Ich war plötzlich Trainer, Abteilungsleiter und Mädchen für alles, doch es hat unheimlich viel Spaß gemacht. Und was mich besonders freut, ist, dass einige der Jungs von damals noch dabei sind und mittlerweile hauptamtlich bei uns beschäftigt sind.

Wie waren die finanziellen Voraussetzungen?

Günther: Eigentlich sind wir bei null oder eher im Minus gestartet. Was wir vom neuen Verein bekommen haben, war eine kostenlose Mitgliedschaft im Fitnessstudio, einen 12-Quadratmeter-Raum im Dachgeschoss und einen Vorschuss, um grüne Trikots zu kaufen. Manche von uns waren noch als Spieler in Delitzsch beschäftigt und haben so ihr Geld verdient, ich habe neben dem Studium noch gekellnert. Ich erinnere mich außerdem noch, wie wir die ersten drei Jahre Mietnomaden in verschiedenen Leipziger Sporthallen waren, weil wir als neuer Verein ja keine Hallenzeiten hatten. Wir waren über jede Nische froh, die wir mitnutzen konnten.

Geholfen hat das Traumlos in der ersten Runde des DHB-Pokals 2007/08. Die damalige Topmannschaft TBV Lemgo war mit den frischgebackenen Weltmeistern Florian Kehrmann, Mimi Kraus und Markus Baur in der ausverkauften Ernst-Grube-Halle zu Gast. Wie wichtig war dieses Spiel damals?

Günther: Elementar. Ich glaube, ohne Lemgo wäre der Anfang viel schwieriger geworden. Wir hatten sofort die Titelseite in der lokalen Sportzeitung sicher und es kamen 1500 Zuschauer. So konnten wir in der Folge Sponsoren ansprechen und sagen: "Seht mal, wie toll es wäre, wenn wir regelmäßig vor so vielen Zuschauern spielen würden." Das hat uns extrem geholfen, vor allem weil der TBV neben den ganz großen Namen in Lars Kaufmann auch noch einen Spieler aus der Gegend im Kader hatte, mit dem ich damals noch im Juniorenteam von Concordia Delitzsch zusammengespielt habe und der viele Interviews und Autogramme gegeben hat.

Karsten Günther über den Abschied von Franz Semper

In der Folge hat der Klub den Fokus vor allem auf die Jugend gelegt. Der erste hauptamtliche Trainer des SC DHfK war nicht etwa ein Coach für die erste Mannschaft, sondern ein Kindersportkoordinator.

Günther: Wir haben von Anfang an gesagt, dass die Nummer hier nur Sinn macht, wenn wir die Infrastruktur in Leipzig maximal ausnutzen. Ich denke da an das komplette Areal um die Arena, die Uni, die Sportschule, das Institut für Angewandte Trainingswissenschaft und den Olympiastützpunkt, die in dieser Form einzigartig sind und eine exzellente Ausbildung von Trainern und Sportlern ermöglichen. Wir wollten von Beginn an Talenten die Chance geben, hier in Leipzig ihren großen Handballtraum auszuleben. Im aktuellen Kader haben wir sieben von 21 Spielern, die in Leipzig ausgebildet wurden und mit Franz Semper sogar den ersten Nationalspieler aus unserer Jugend. Daran sieht man, dass es der richtige Weg war.

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Franz Semper wechselt zur Saison 2020/21 zur SG Flensburg-Handewitt.

Semper wechselt im kommenden Sommer nach Flensburg. Erfüllt Sie das mit Stolz oder dominiert das weinende Auge?

Günther: Eher das weinende Auge, da bin ich ehrlich. Klar ist das für Franz und Leipzig eine super Sache, wenn er sich auf so großer Bühne präsentieren kann. Trotzdem verlieren wir hier einen absoluten Leistungsträger, der noch nicht am Ende seiner Entwicklung ist. Er hat diese Entscheidung im für uns schwierigen letzten Jahr getroffen. In diesem Jahr hätte er die Entscheidung vielleicht sogar anders getroffen, weil wir wieder in einer sehr guten Spur unterwegs sind.

Sempers Wechsel hatte also rein sportliche und keine wirtschaftlichen Gründe?

Günther: Auf alle Fälle. Das war ein rein sportlicher Wechsel. Franz würde uns nicht für ein paar Euro hin oder her verlassen. Er hat hier ein gutes Leben, aber in Flensburg eben die Chance, quasi sicher Champions League zu spielen - und das können wir aktuell noch nicht bieten. Es ist also nachvollziehbar, wenn Franz sagt, dass er dort der beste Rückraum-Rechte Deutschlands werden will.

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