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Levin Öztunali im U21-EM-Finale: Abschiedsspiel für das Urgestein

Von Stefan Zieglmayer

Das Finale der U21-EM gegen Spanien (So., 20.45 Uhr im LIVETICKER) ist Levin Öztunalis letztes Spiel für die U21. Es könnte auch sein letztes Spiel im DFB-Trikot sein. Das U21-Urgestein spielt bei der Endrunde eine untergeordnete Rolle - wie zuletzt beim 1. FSV Mainz 05. Er sucht weiterhin seinen Platz im Profifußball.

Den Kopf leicht gesenkt trägt er seine Tasche in Richtung Bus. Er wirkt eher reserviert, als wäre er nicht zufrieden.

Das ist das Bild, das Öztunali bisher bei dieser U21-EM hinterlässt. Fragen zu seiner persönlichen Entwicklung umschiffte der Mainzer. "Wir können darauf sehr stolz sein. Jeder in der Mannschaft hat zu diesem Erfolg seinen Teil beigetragen", sagt er stattdessen. Ihm ist weder Erfolg noch Stolz anzumerken.

Es mag an seinen persönlichen Leistungen liegen, weshalb Öztunali nicht mit einem breiten Grinsen durch den Kabinentrakt läuft. Das U21-Urgestein (28 Spiele) - nur Fabian Ernst sammelte mehr Einsätze (31) - stand zwar in jedem Spiel dieser Endrunde in der Startelf, machte jedoch nur selten auf sich aufmerksam.

Öztunali zeigt gute Ansätze, beweist sein Durchsetzungsvermögen und sein Gespür für den tödlichen Pass. Häufig fehlt seinen Aktionen jedoch ein kleiner Prozentsatz. Mal stimmen die Laufwege oder das Timing nicht, mal wirkt er einen Tick zu zögerlich im Eins-gegen-Eins und verschleppt das Tempo. Es sind Kleinigkeiten, die kumuliert dazu führen, dass Öztunali mehr Mitläufer als Unterschiedsspieler ist. "Ich denke, an der Effektivität kann ich definitiv noch arbeiten", sagte Öztunali bei einer Medienrunde im deutschen Teamhotel in Fagagna.

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Levin Öztunali kam bei der U21-EM bisher in jeder Partie zum Einsatz.

Levin Öztunali: Erst die Klasse übersprungen, dann sitzengeblieben

Der 23-Jährige bereitete das 1:0 von Marco Richter gegen Serbien vor. Dazu traf er selbst die Latte. Es waren seine Highlights bei dieser EM. Für die Glanzmomente sorgten seine Mitspieler. Öztunali hatte einst eine Klasse übersprungen, nun ist es als wäre er sitzengeblieben. Seine ehemaligen Klassenkameraden sind an ihm vorbeigezogen.

Im Alter von zehn Jahren wechselte er von Norderstedt zum HSV, spielte in der U15 erstmals für Deutschland, übersprang die U18 und stand beim FC Bayern auf dem Zettel. Öztunali war ein Frühentwickler.

Mit 20 Jahren hatte er schon 71 Bundesligaeinsätze gesammelt. Mittlerweile sind es 126. Im Schnitt spielte er jedoch nur 55 Minuten pro Partie. Phasenweise spielte sich Öztunali in der Startelf fest, früher oder später verlor er seinen Stammplatz jedoch an andere.

So war es bei Werder Bremen, so ist es in Mainz. In Leverkusen kam er nach seinem Wechsel vom HSV erst gar nicht in Tritt. Seine Trainer, ob Viktor Skripnik, Martin Schmidt oder Sandro Schwarz, alle waren davon überzeugt, dass Öztunali irgendwann explodieren wird. Zu groß sei sein Potenzial, als dass seine Entwicklung stagnieren würde.

Levin Öztunali im Steckbrief

geboren15. März 1996 in Hamburg
Größe1,84 m
Gewicht80 kg
Positionrechter Außenstürmer, rechtes Mittelfeld, zentrales Mittelfeld
starker Fußrechts
StationenTuRa Harksheide Jugend, Eintracht Norderstedt Jugend, HSV Jugend, HSV, Bayer Leverkusen, Werder Bremen, 1. FSV Mainz 05
Bundesligaspiele/-tore126/7

In Mainz spielt Levin Öztunali keine große Rolle mehr

Die Explosion blieb bisher aus. Öztunali verbesserte Aspekte (Ballsicherheit, Erfolgsrate bei Dribblings) seines Spiels immer wieder, verschlechterte sich aber in anderen Bereichen (Zweikampf- und Passquote). Seine Leistungen schwanken zu sehr.

In Mainz schien er endlich den Durchbruch zu schaffen. "Im ersten Jahr kam ich auf fünf Tore und sechs Vorlagen. Im zweiten Jahr nahm ich mir vor, das zu verbessern", sagte er. Das Ergebnis: Öztunali wartet seit 3080 Minuten, seit 46 Bundesligaspielen auf ein Tor.

In der abgelaufenen Spielzeit stand Öztunali nur in 15 Spielen auf dem Platz. Es scheint, als würde ihn der Bankplatz nicht anspornen, sondern noch mehr hemmen. Nach einer sehr schwachen Halbzeit bei der 1:3-Pleite gegen Werder Bremen am 27. Spieltag saß Öztunali zunächst die zweiten 45 Minuten auf der Bank, dann drei Spiele auf der Tribüne. Eine Trotzreaktion im Training blieb offenbar aus.

In Mainz funktionierte ihn Schwarz vom Rechtsaußen zum Achter um. Eine Rolle, die Öztunali aus der Jugend kennt: "Es ist eben ein anderes Aufgabenfeld, man definiert sich nicht nur über Tore, man hat andere Ansprüche an sich selbst. Man kommt mehr über die Zweikämpfe und schleppt den Ball mehr." Im Abstiegskampf waren für Mainz jedoch eher defensive Qualitäten gefordert.

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Für Levin Öztunali war die Saison beim 1. FSV Mainz 05 eine zum Vergessen.

Levin Öztunali: "So ein Titel kann eine Menge bewirken"

Öztunalis Flexibilität ist Trumpf und Nachteil zugleich. Die vielen Positionswechsel sorgen nicht unbedingt für Kontinuität. Zentral offensiv, zentral defensiv, rechts, links: Öztunali hat in Mainz schon auf jeder Position im Mittelfeld gespielt. Er sucht noch seinen Platz im Profifußball. Er ist ein sehr guter Allrounder, aber kein sehr guter Spezialist.

Sein Vertrag in Mainz läuft bis 2021. Möglicherweise wäre ein vorzeitiges Vertragsende und ein Wechsel aber die lukrativere Option für alle Beteiligten. Ex-Trainer Schmidt will Öztunali angeblich gern zum FC Augsburg holen. Unter ihm spielte Öztunali konstant auf der rechten Außenbahn - es war seine bisher beste Saison.

Dort ist er bisher auch in der U21 gesetzt. Unter Stefan Kuntz zeigt Öztunali für gewöhnlich sein zweites Gesicht, sein erfolgreiches. Nur bei dieser EM mag es noch nicht so richtig klappen. Dennoch sei das Turnier wertvoll für seine Entwicklung: "Der Trainer hilft mir enorm weiter, er gibt gute Tipps. Er gibt mir ein gutes Gefühl."

Mit Kuntz gewann Öztunali bereits 2017 den EM-Titel. Der nächste soll am Sonntag folgen. Vielleicht ist er die Initialzündung für das Projekt Bundesliga-Stammspieler. "So ein Titel kann auf dem Weg eine Menge bewirken", meint Öztunali. Ansonsten könnte das EM-Finale Öztunalis letztes Spiel im DFB-Trikot sein. Für die U21 ist er dann zu alt, für Joachim Löw ist er aktuell kein Thema - und wird es möglicherweise nie sein.

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