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Fussball

Galatasaray: Wie die Fangruppierung ultrAslan den Klub aus Istanbul vor der Pleite rettete

Von Philipp Schmidt

Die Coronakrise bedroht die Existenz zahlreicher Profiklubs im In- und Ausland. In der Türkei stand Galatasaray Anfang der 2000er Jahre schon einmal kurz vor dem Bankrott, doch der türkische Traditionsklub konnte auf seine Ultras zählen. Dass sich Ähnliches in der aktuellen Krise wiederholt, ist jedoch kaum erwartbar.

17. Mai 2000: Unglaublich laut ist es im Kopenhagener Telia Parken, als sich Gheorghe Popescu vor seinem entscheidenden Elfmeter noch einmal kurz vom Ball auf dem Punkt abwendet, um Anlauf zu nehmen. Dann wird es für den Bruchteil einer Sekunde still, ehe das Stadion explodiert.

Popescu verwandelt stramm ins linke untere Eck. Galatasaray schlägt den großen FC Arsenal im UEFA-Cup-Finale. Eine Sensation, ein historisches Ereignis für den traditionsreichen türkischen Klub. Schließlich ist das sein erster Europapokaltriumph überhaupt, der Startschuss in eine goldene Zukunft sein soll.

Doch auf den historischen Abend in Kopenhagen folgte in den kommenden Jahren beinahe der Totalabsturz. Der Klub geriet aufgrund einer fehlgeschlagenen Transferpolitik und überhöhter Spielergehälter an den Abgrund. Die Lage war so prekär, dass dringend Unterstützung notwendig war.

Diese erhielt der Klub von einer Gruppierung, die es an jenem historischen Abend in Kopenhagen in der Form noch gar nicht gegeben hatte. Erst am 20. Januar 2001 erblickte eine Gruppe mit dem Namen "ultrAslan" das Licht der Istanbuler Fan-Welt. Der Name war Kofferwort und Programm zugleich. Frei übersetzt waren die ultrAslan die Ultras der Löwen.

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2000 gewann Galatasaray den UEFA-Cup gegen den FC Arsenal.

Galatasaray: Wie aus ultrAslan "eine riesige Marke" wurde

Die Gruppierung organisierte von Tag eins an die unterschiedlichen Fangruppen Galatasarays, einte und strukturierte sie - und leistete dem Klub in den dunkelsten finanziellen Stunden wertvollen Beistand. Das konnte sie deshalb, weil sie in den Jahren nach ihrer Gründung schlicht und ergreifend wirtschaftlicher gehandelt hatte als der eigene Klub, aber auch, als es eigentlich geplant war.

Aus ultrAslan war binnen kurzer Zeit eine Merchandise-Weltmarke im Ultra-Sektor geworden. Begünstigt durch die Tatsache, dass Galatasaray auch in zahlreichen anderen Sportarten wie Basketball international auftrat, Spiele in allen Teilen Europas absolvierte und die dortigen Unterstützer in die Hallen lockte, wuchs das Netzwerk der Gruppierung rasant. Irgendwann hatte ultrAslan in über 60 Ländern auf fünf Kontinenten der Welt Mitglieder, die nach den modischen Hoodies, Kappen und T-Shirts der Gruppierung lechzten. Diese repräsentierten Gala nicht nur im Fußball, sondern auf der ganzen Welt.

"Es war eigentlich nie das Ziel, aus ultrAslan eine Marke zu machen. Aber dank der weit verbreiteten Fans wurde es sogar eine riesige Marke", sagte Alpaslan Dikmen, bis zu seinem tragischen Unfalltod 2008 Gesicht der Gruppierung, über die ungeplante Kommerzialisierung.

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Galatasaray im Minus: "Dann gäbe es ultrAslan nicht mehr"

Die Beliebtheit der Gruppierung ging sogar so weit, dass sich ihre Fanutensilien besser verkauften als die des Vereins. Ironischerweise wurde das zum Glücksfall für den Klub. Nur drei Jahre nach dem Triumph von Kopenhagen standen die einst so stolzen Löwen mit 200 Millionen Euro in der Kreide. Das Überleben des Klubs stand auf der Kippe. Daher entschied sich die Gruppierung um Dikmen für einen radikalen Schritt.

"Gala­ta­saray ging es zu der Zeit finan­ziell sehr schlecht und so ent­schieden die Istan­buler Köpfe von ultrAslan, die Lizenz für unser Mer­chan­dise für einige Jahre abzu­geben. Der Verein hat dadurch sehr viel Geld ein­ge­nommen", sagte Ilker Sezgin, ein später führender Kopf der Gruppierung in Deutschland, der Zeit. Die Devise habe damals geheißen: "Wenn es Gala­ta­saray nicht geben würde, gäbe es ultrAslan nicht."

Also überschrieben die Fans die Marke an den Klub. Galatasaray konnte Merchandise mit dem ultrAslan-Schriftzug verkaufen, Einnahmen in Höhe von drei bis vier Millionen Euro generieren und dadurch erheblich zum Fortbestand des Klubs beitragen.

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UltrAslan hat ein Fannetzwerk über fünf Kontinente aufgebaut.

Fenerbahce und Besiktas orientierten sich am ultrAslan-Modell

Für eine Weile konnte ultrAslan die finanziellen Sorgen der Galatasaray-Verantwortlichen lindern. Mittlerweile gehöre das ultrAslan-Logo wieder der Gruppe, betonte Sezgin. Die Aktion der Gala-Fans wurde Vorbild für Anhänger anderer Klubs. Sogar Fans des Erzfeindes Fenerbahce orientierten sich am ultrAslan-Modell der Klubfinanzierung in Krisenzeiten und riefen 2019 eine Spendenkampagne ins Leben.

23 Millionen Euro kamen dadurch zusammen und konnten dem schwer angeschlagenen Gala-Rivalen zur Verfügung gestellt werden. Anders machten es die Fans von Besiktas, die Fan-Utensilien selbst herstellten und kauften.

Trotz zahlreicher Fan-Hilfen kämpfen jedoch viele türkische Klubs auch heute noch mit finanziellen Problemen. Von den Top-Vereinen ist Galatasaray auch aufgrund internationaler Einnahmen noch am besten aufgestellt - und das mit einem Schuldenberg von 496,94 Millionen Euro (Stand: 30. Juni 2019).

Süper Lig: "Die Fans in der Türkei sind es leid"

Seit dieser Saison gibt es aus diesem Grund vom türkischen Verband erstmals Ausgabelimits, die momentan noch zu einem gewissen Prozentsatz überschritten werden dürfen.

Unterstützung für die Klubs kommt außerdem von der Bankenvereinigung. Die der sonst so fußballverrückten türkischen Bevölkerung, die noch in Teilen vor wenigen Jahren das Überleben der Klubs sicherten, ist jedoch mittlerweile rapide gesunken.

"Die Fußballfans in der Türkei sind es leid, dass das schlechte Wirtschaften der Klubs vom Staat ständig begradigt wird", sagt auch Türkei-Experte und Socrates-Chefredakteur Fatih Demireli gegenüber SPOX und Goal: "Der unartige Sohn Fußball darf nicht dauerhaft gerettet werden."

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