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Draxler im Interview: "Mein Papa wurde gefragt: 'Was hast Du eigentlich für einen Sohn?'"

Von Daniel Herzog

Im Januar 2017 wechselten Sie schließlich nach Paris. Wie groß war die Befreiung?

Draxler: Ich war froh, dass das Kapitel Wolfsburg abgeschlossen war. Als ich nach Paris kam, habe ich nur so vor Energie gesprüht. Ich habe in den ersten Spielen gute Leistungen gezeigt, einige Tore erzielt und mich schnell in die Mannschaft gespielt. Nachdem ich in dem halben Jahr zuvor mental unter der Situation gelitten hatte, gab es plötzlich nichts Schöneres, als morgens zur Arbeit zu gehen. Das hat man auch auf dem Platz gesehen. Bei PSG zählte nur noch das Hier und Jetzt. Das war auf jeden Fall angenehm.

In den ersten anderthalb Jahren unter Trainer Unai Emery waren Sie kein klarer Stammspieler, obwohl Sie durchaus ansprechende Leistungen gezeigt haben.

Draxler: Da würde ich widersprechen. Im ersten halben Jahr habe ich fast jedes Spiel gemacht und einige Tore geschossen. Im Sommer 2017 wurden Neymar und Kylian Mbappe verpflichtet, sodass ich erstmal meine neue Position finden musste. Ich habe 2017/18 trotzdem über 40 Pflichtspiele gemacht. Was Sie wahrscheinlich sehen, ist, dass ich in der Champions League, sprich in den ganz wichtigen Spielen, oft auf der Bank saß. Das hat mich natürlich geärgert.

Wie würden Sie Ihre damalige Rolle beschreiben?

Draxler: Ich war natürlich kein unangefochtener Stammspieler, habe aber das Gefühl, dass in Deutschland nur die Wenigsten mitbekommen, dass ich in den vergangenen Jahren die meisten Pflichtspiele aller Spieler gemacht habe. Ohne mich auf ein Podest stellen zu wollen, geht das etwas unter.

Im Sommer 2018 verpflichtete PSG schließlich Thomas Tuchel als neuen Trainer. Was haben Sie gedacht, als Sie davon erstmals gehört haben?

Draxler: Ich hatte kein echtes Bild von ihm, weil ich ihn zuvor nie getroffen hatte. Ich war aber neugierig und habe mich erkundigt. Bei den zwischenmenschlichen Beziehungen gingen die Meinungen wie so oft im Leben auseinander. Ich habe ihn schließlich als sehr offenen, sehr direkten und sehr korrekten Menschen kennengelernt. Fachlich ist er ohnehin unumstritten und ich bin sehr zufrieden mit unserer Zusammenarbeit. Es stimmt aber, dass er manchmal ein schwieriger Typ sein kann. Das ist aber überhaupt nicht schlimm.

Wie äußert sich das?

Draxler: Er hat sehr hohe Ansprüche. In Phasen, in denen wir mehrere Spiele am Stück gewinnen, gibt es Tage, an denen er etwas lockerer wirkt. Dann gibt es zum Beispiel einen Mittwoch, an dem noch alles gut ist, und am Donnerstag schreit er plötzlich irgendwen zusammen und sagt, so gehe es nicht weiter.

Ist es für Sie von Vorteil, einen deutschen Trainer zu haben?

Draxler: Auf jeden Fall. Unter Unai Emery habe ich gemerkt, dass es etwas anderes ist, im Ausland zu spielen. Ich halte ihn fachlich für einen sehr guter Trainer, aber mit ihm war die Kommunikation teilweise nicht so einfach. Wenn du mit Thomas sprichst und er dir auf Deutsch klipp und klar in zwei Sätzen sagt, was gut und was nicht gut ist, ist das sicher ein Vorteil.

Wie bewerten Sie Ihre Situation aktuell?

Draxler: Dass ich bei PSG nicht die Rolle innehabe, die ich auf Schalke oder in Wolfsburg hatte, ist mir bewusst. Gleichzeitig weiß ich, dass ich die Qualität habe, um viele Spiele zu machen und der Mannschaft weiterzuhelfen. Natürlich würde ich gerne noch mehr Verantwortung übernehmen und nicht vor jedem wichtigen Spiel der Saison bangen, ob ich spiele oder nicht. Gleichzeitig muss ich realistisch sein. Um bei PSG unangefochtener Stammspieler zu sein, musst du einer der weltbesten fünf, sechs, sieben Spieler sein. Zur realistischen Einschätzung gehört übrigens auch die Erkenntnis, dass ich seit zwei Jahren nicht mehr als Außenstürmer spiele. An deren Statistiken werde ich aber oft gemessen. Das sind Vergleiche zwischen Äpfeln und Birnen. Ich bin inzwischen ein Achter und habe in der vergangenen Saison teilweise Champions-League-Spiele auf der Sechs neben Marco Verratti gemacht. Ich bin bei PSG ein ganz anderer Spieler geworden.

Sie sind jetzt 26 Jahre alt und haben sich im Sommer für einen Verbleib entschieden. Warum?

Draxler: Weil ich in der Vorsaison mit meinen Einsatzzeiten durchaus zufrieden war. Ich habe einen Trainer, der mir das Gefühl gibt, auf mich zu bauen und meine Qualitäten zu schätzen. Ich fühle mich im Verein und in der Stadt pudelwohl, außerdem habe ich noch bis 2021 Vertrag. Irgendwann muss ich schauen, wohin die Reise geht. Es kann durchaus sein, dass ich bei PSG verlängere.

Können Sie sich vorstellen, noch einmal in der Bundesliga zu spielen?

Draxler: Klar, auf jeden Fall. Ich bin erst 26 und gehe jetzt nicht in meine letzten zwei, drei Profijahre.

Der FC Bayern soll im Sommer an Ihnen interessiert gewesen sein.

Draxler: Davon habe ich nichts mitbekommen. Ich weiß also nicht, ob das stimmt oder nicht. In der Bundesliga gibt es gute Vereine und Deutschland ist immer eine Option für mich. Momentan habe ich aber wirklich keine Absicht, den Verein zu verlassen.

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Julian Draxler und Thomas Tuchel arbeiten bei PSG zusammen.

Wenn Sie Ihren Weg vom 17-jährigen Wunderkind zum 26-jährigen PSG-Spieler betrachten: Wie sehr haben Sie sich verändert?

Draxler: Ich bin weit davon entfernt, meine Entwicklung nur aufs Fußballerische zu reduzieren. Ich habe Dinge erlebt, die man in der normalen Welt nicht erlebt. Wer hat denn schon einen Shitstorm ertragen müssen? Wenn du nicht gerade jemanden umbringst, passiert dir so etwas nicht, wenn du nicht in der Öffentlichkeit stehst. Meine Entscheidungen, nach Wolfsburg und zu Paris ins Ausland zu wechseln, waren mit Risiken verbunden. Ich habe viele sportliche Erfahrungen gesammelt und interessante Menschen getroffen. Bei Wolfsburg saß ich zum Beispiel einmal bei einem Krisengespräch mit der ehemaligen VW-Chef-Etage um Francisco Garcia Sanz an einem Tisch, bei Paris Saint-Germain habe ich den Emir aus Katar kennengelernt. Hier in Frankreich habe ich eine neue Kultur und eine neue Sprache kennengelernt und Menschen aus aller Welt getroffen. Ich habe unheimlich viele Erfahrungen gesammelt, die für mich auch außerhalb des Fußballgeschäfts extrem wertvoll sein können, etwa für meine Karriere nach der Karriere.

Wie sehen Ihre Planungen dahingehend aus?

Draxler: Grundsätzlich kann mir gut vorstellen, im Sportmanagement-Bereich zu arbeiten. Ein Sportdirektoren-Posten wäre vielleicht interessant, aber all das wird sich zeigen. Als Spieler habe ich sehr viel über das Geschäft gelernt. Ich glaube, dass es schwer wäre, in einem anderen Berufsfeld genauso kompetent zu sein, wie ich es im Fußball bin.

Sie haben die positiven und negativen Aspekte des Fußballs mehrfach angesprochen. Wie würden Sie das Leben als Profifußballer samt der Schattenseiten zusammenfassen?

Draxler: Es ist nicht so, dass du jeden Tag aufwachst und denkst: Geil, jetzt geht's zur Arbeit. Das ist bei Ihnen nicht so und das ist auch bei mir nicht so. Es gibt immer bessere und schlechtere Phasen. Dieses Bild, das viele vom Leben eines Profifußballers haben, das Bild, das ich früher auch selbst hatte, ist nicht real. Niemand wird es schaffen, über seine ganze Karriere hinweg jeden Tag glücklich zum Training zu fahren. Den Fußball an sich liebt jeder, aber es gehören heutzutage noch so viele Dinge dazu, die den Fußball mehr und mehr zum Geschäft werden lassen. Teilweise wird es sogar politisch. Nicht falsch verstehen: Ich fühle mich nach wie vor sehr wohl in meiner Haut. Wenn mich ein 13-Jähriger fragt, ob ich ihm empfehlen kann, Fußballer zu werden, würde ich ja sagen. Du sammelst tolle Erfahrungen, du reifst als Mensch, du kannst deinem Hobby nachgehen. Und trotzdem muss einem bewusst sein, dass nicht jeden Tag die Sonne scheint.

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