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Fussball

Kolumne - Schneebälle ins Gesicht und Chicken Wings in der Kabine: Bei diesem unfassbaren Chaosklub landete Jon Dahl Tomasson

Von Fatih Demireli

Der frühere Bundesliga-Profi Jon Dahl Tomasson ist neuer Trainer der Blackburn Rovers. Bei dem Klub rannten einst Hühner als Flitzer auf dem Platz, Investoren wurden mit Schneebällen beworfen und die Trainer wurden fast mit Cricketbällen getötet. Was Tomasson nun dort will und warum es eine gute Idee sein könnte ...

Es ist das übliche Blabla gewesen. Jon Dahl Tomasson sagte, dass er "sehr stolz und aufgeregt" ist, als er das Amt des Cheftrainers bei den Blackburn Rovers am 14. Juni übernahm. Natürlich sagte der Däne auch, dass das "ein Verein mit viel Tradition, aber auch großen Ambitionen" ist. Was soll er sonst sagen?

Dann sagte Tomasson auch folgenden Satz: "Die Eigentümer haben eine klare Vision, die darin besteht, Spieler zu entwickeln und mit der Zeit ein nachhaltiger Premier-League-Klub zu werden, daher freue ich mich sehr, an diesem aufregenden neuen Kapitel des Klubs beteiligt zu sein."

Das wirkt im ersten Moment erst einmal normal, wenn man nicht wüsste, wie die Vision der Eigentümer früher einmal aussah und dass diese "Vision" die vielleicht toxischste Phase der 147-jährigen Vereinsgeschichte hervorgerufen hatte.

Die Blackburn Rovers waren mal ein anständig geführter Premier-League-Klub, finanziert von Jack Walker, der mit Bruder Fred ein Vermögen in der Stahlindustrie machte und sehr viel von seinem Geld in den Klub steckte, den er als Sohn der Stadt schon seit der Kindheit so liebte.

Der Investor wusste nicht, dass man absteigen kann

Er ließ den Ewood Park umbauen, finanzierte neue Spieler, holte einst unter anderem einen 21 Jahre alten Alan Shearer, der den Klub 1995 zur sensationellen Meisterschaft schoss. Vor seinem Tod im August 2000 gründete Walker eine Treuhandgesellschaft, die den Klub weiter finanzieren sollte, sollte ihm etwas geschehen.

Bis 2010 hielt der Walker Trust durch, bis man 2010 eine Agentur beauftragte, einen Investor zu finden. Die Wahl fiel auf die indische V H Group, bis dahin völlig unbekannt im Sport. Doch das Unternehmen "überlebte" sowohl die Gespräche mit dem Walker Trust als auch mit der Premier League, die den Verkauf letztlich absegnen musste.

Dass dabei nicht bemerkt wurde, wie wenig Ahnung die Unternehmer von der Materie hatten, war fatal. So waren die Chefs weit nach dem Kauf der Rechte völlig überrascht, dass man aus der Premier League auch absteigen kann. Auch merkten sie es viel zu spät, dass es keine gute Idee ist, einen Trainer jeden Monat einmal nach Indien einfliegen zu lassen, um nachzufragen, wie es denn so läuft.

Sie entließen als erste Amtshandlung Sam Allardyce als Trainer und sprachen von der Champions League. Sie engagierten eine PR-Agentur, die dann in Umlauf brachte, dass man Interesse an Ronaldinho hat. In einer oft depressiven Stadt sorgte das für Aufsehen, aber das Gerücht flog ihnen um die Ohren. Genauso wie die Spekulationen um Raul Gonzalez.

Blackburn Rovers: Die Polizei sperrte die Hühner-Flitzer ein

Denn die Realität war nicht Champions League, sondern Abstiegskampf und Abstieg. Das indische Konglomerat, das hauptsächlich Unternehmen aus der Geflügel-Industrie umfasste, hatte mit Venky's ein in Indien sehr bekanntes Geflügel-Label. Die Blackburn-Spieler wurden engagiert, um Werbefilme zu drehen, in denen sie in der Umkleidekabine Chicken Wings essen mussten. Was für ein Bild.

Aus dem Zorn auf den Dilettantismus der Investoren wurde ein Zorn auf Geflügel. Im Mai 2012 schmuggelten Fans zwei Hühner ins Stadion, eines der Tiere wurde mit einer kleinen Blackburn-Fahne bedeckt und aufs Feld geschickt. Torhüter Ali Al-Habsi und der legendäre Mittelstürmer Yakubu fingen das Huhn schließlich ein. Böse Zungen behaupteten, dass Al-Habsi in jener Saison zum ersten Mal etwas festhielt.

Die fatalistischen Fans hatten ihren Spaß und sangen: "We're only here for the chicken." Wir sind nur für die Hühner hier. Dieses Spiel gegen Wigan Athletic gipfelte nicht nur im Abstieg der Rovers, sondern auch darin, dass beide Hühner in eine Zelle gesteckt wurden. Dies bestätigte damals die örtliche Polizei.

Sie bestätigte damals auch einen Angriff auf Trainer Steve Dean mit einem Cricketball, der den unglücklichen Rovers-Coach nur knapp verfehlte. Als wenige Monate später die Klub-Besitzer einen Besuch im Ewood Park abstatteten, wurden sie mit Schneebällen beworfen. Jitendra Desai, Ehemann der Venky's-Vorsitzenden Anuradha Desai, wurde dabei im Gesicht getroffen. Es war ihr letzter Besuch, sie kamen nicht mehr und schickten nur noch Geld.

Stattdessen engagierten sie in Shebby Singh einen Vermittlungsmann, der zwischen Pune, wo die Venky's-Zentrale war und Blackburn als Fußballchef eine Brücke bilden sollte. Aber Singh wurde kurze Zeit nach seiner Ankunft dabei erwischt, wie er Trainer Steve Kean verhöhnte und Rovers-Legende Morten Gamst Pedersen als "Rentner" bezeichnete.

Rovers-Legende: "Eine verdammte Made, ein Stück Scheiße"

Singh musste sich öffentlich entschuldigen, was weder bei Fans noch bei der Mannschaft ausreichte. Vor allem nicht bei der Mannschaft, in der es Haudegen wie Bradley Orr auf Singh abgesehen hatten.

In einem Podcast erzählte der damalige Verteidiger, dass er sich den Venky's-Mann vorgeknöpft habe: "Ich habe ihm einfach gesagt: 'Du bist eine verdammte Made, ein Stück Scheiße. Du sagst letzte Woche noch: 'Vereint stehen wir, geteilt fallen wir' und jetzt stehst du vor der Kamera und machst zwei unserer Leute fertig."

Auf die Handgreiflichkeiten verzichtete Orr, stattdessen flog er aus dem Team: "Ich sagte: 'Du darfst nicht in den Mannschaftsbus, du darfst nicht in die Nähe der Umkleidekabine, du darfst nicht in die Nähe des Trainingsplatzes, weil du nicht erwünscht bist'. Dabei war er der Fußballdirektor. Er fragte mich: 'Wie komme ich zum Spiel?' Und ich sagte: 'Nimm dir ein Taxi, denn du kommst nicht in diesen Bus'".

Singh, der im Januar dieses Jahres an einem Herzinfarkt verstarb, hatte dennoch noch eine Weile das Sagen, entließ Henning Berg nach 57 und Michael Appleton nach 67 Tagen. Letzteren traf er persönlich dabei nie. 2014 ging er für drei Monate in den Urlaub und kam dann nicht mehr zurück.

© getty

Blackburn Rovers: Mit Tony Mowbray wurde alles besser

Es ist eigentlich verblüffend, dass Blackburn trotz dieser wilden Jahre immer noch in der Championship überlebt hatte. Letztes Jahr war man sogar mal wieder drauf und dran, im Aufstiegskampf mitzumischen, aber es fehlte dann am Ende der lange Atem für den schwierigen Weg in die Premier League.

Dennoch flippt bei den Rovers keiner aus oder schickt Tiere aufs Spielfeld, weil man seit Jahren zumindest den Eindruck hat, dass die Leute, die am Werk sind, wissen, was sie tun. Vor allem Tony Mowbray war eine der wichtigen Figuren der letzten Jahre. Als er kam, stieg Blackburn gar in die 3. Liga ab, aber der erfahrene Coach führte den Klub sofort wieder zurück in die zweithöchste Klasse und baute seither eine junge Mannschaft auf.

Der Weg von der Jugendakademie in die Profimannschaft ist so offen wie nie. Gemeinsam mit Stuart Jones, der schon 2010 als Leiter der Nachwuchsabteilung kam, arbeitete Mowbray eng zusammen und ließ sich ständig die Jungs nach oben schicken.

Inzwischen hat sich das System so bewährt, dass es dem Klub gelingt, immer mehr talentierte Spieler in die Jugendabteilung zu lotsen, obwohl man eigentlich einen Standortnachteil hat. Manchester und Liverpool liegen nicht weit weg, sodass die Topklubs nach Lust und Laune zugreifen können. Aber Blackburn liefert die Perspektive, dass man schneller Profi werden kann, wenn man denn gut genug ist.

Jon Dahl Tomasson: Er führte Malmö in die Champions League

Die Phase der Konsolidierung und der Stabilität ist geschafft, nun will der Klub offenbar den nächsten Schritt gehen. Ein Schritt, bei dem Mowbrays Fähigkeiten als Entwicklungshelfer offenbar nicht mehr gefragt sind. Es musste jemand her, der den Drang hat, weiter oben anzugreifen und auch weiß, wie das geht.

Dass man da auf Jon Dahl Tomasson kommt, ist eine spannende Wahl. Der Däne, der einst unter anderem für Feyenoord, Milan und Stuttgart spielte, hat sich auch als Trainer schon einen Namen gemacht. Zwei Meistertitel mit Schwedens Topklub Malmö, dazu die Champions-League-Teilnahme in der abgelaufenen Saison.

Gerade Letzteres war keine Selbstverständlichkeit. Malmö musste die favorisierten Rangers, die später im Europa-League-Finale gegen Eintracht Frankfurt standen, und Ludogorets aus dem Weg räumen, um in die Gruppenphase einzuziehen.

Tomasson konnte sein Glück nicht fassen: "Ich war so stolz auf die Jungs. Ich habe die Champions League und den UEFA-Cup gewonnen, ich habe für Dänemark an Turnieren teilgenommen, aber es war einer der größten Momente meiner Karriere, die Freude der Spieler, der Kollegen und der Fans zu sehen."

Die Episode Malmö beendete er selbst, weil er sich Zeit bei der Suche nach einer neuen Aufgabe geben wollte. Es gab Spekulationen über das Interesse diverser Klubs aus England, Niederlande, aber Tomasson hörte sich alles an. Er sagt: "Jeder Trainer hat seinen eigenen Weg zu gehen. Es ist schwierig zu planen. Man kann es nicht planen, also springt man auf den Zug auf, wenn es nötig ist."

Jon Dahl Tomasson: Mit 18 saß er neben Foppe de Haan

Er war Assistent bei Vitesse und der dänischen Nationalmannschaft sowie Cheftrainer bei Excelsior, Roda JC und eben in Malmö. In Blackburn sind die Erwartungen am größten, denn es soll mittelfristig der Aufstieg her, aber Tomasson will an der Struktur des Klubs nicht rütteln und weiter mit den jungen Spielern arbeiten. "Wir haben hier ein junges Team und eine großartige Akademie, Ich habe ein wirklich gutes Gefühl bei diesem Verein."

Schon in Malmö waren über 15 Spieler seines Champions-League-Kaders unter 25, die Leistungsträger allesamt unter dieser Grenze. Warum also nicht nun auch hier? Wie man mit jungen Spielern umgeht, lernte er einst von Foppe de Haan, seinem ersten Trainer bei Heerenveen, als Tomasson gerade mal mit 18 aus Dänemark wegzog, um in den Niederlanden Fuß zu fassen.

De Haan nahm den Teenager, der kein Wort Niederländisch sprach, mit zu den Spielen und ließ sich beim Scouting helfen: "Er machte das, damit ich die Sprache lerne, aber auch, um mit mir in Kontakt zu treten und mir den niederländischen Fußball zu zeigen. Ich war überrascht, aber es hat geklappt und wir haben eine Beziehung aufgebaut."

Tomasson konnte de Haans Einfluss nie vergessen und ließ in Malmö junge Spieler Referate vorbereiten und die Youngster erzählen, wie sich die Mannschaft im nächsten Spiel taktisch verhalten solle und Lösungsvorschläge servieren. Tomasson sagt: "Die besten Spieler der Welt sind diejenigen, die im richtigen Moment die besten Entscheidungen treffen."

Er selbst hat auch von den Größten gelernt. "Ich hatte während meiner Fußballkarriere viele großartige Trainer wie Carlo Ancelotti, Manuel Pellegrini, Bert van Marwijk, Leo Beenhakker. All diese Trainer geben dir Inspiration." Nun ist er an der Reihe und soll inspirieren.

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