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Rodgers-Revolution: Wie Leicester City wieder zu einer Spitzenmannschaft wurde

Von Nino Duit

Leicester City ist aktuell Dritter der Premier League und das liegt an einer Revolution von Trainer Brendan Rodgers. Innerhalb kürzester Zeit hat er aus einer Konter- eine Ballbesitzmannschaft geformt.

Die Stadt Leicester in den englischen East Midlands ist ein Ort der Märchen, das ahnte man seit dem sensationellen Klassenerhalt der lokalen Fußballmannschaft im Jahr 2015 und das weiß man ganz sicher seit ihrem noch sensationelleren Meistertitel von 2016. Dass Leicester aber auch ein Ort der Revolution ist, ist eine neue Erkenntnis. Eine aus dem Jahr 2019.

Es begann am 27. Februar, als Brendan Rodgers den FC Celtic nach zwei nationalen Triples hintereinander verließ und das Traineramt bei Leicester City übernahm. Abgesehen vom Vereinsnamen änderte er in der Folge fast alles.

Leicester war bis dahin ein Klub des Konterfußballs, der die märchenhaften Leistungen der Jahre 2015 und 2016 unter den Trainern Nigel Pearson und Claudio Ranieri ermöglicht hatte. Und blieb es abgesehen von kleineren Anpassungen auch unter ihren Nachfolgern, die Leicester ins Tabellenmittelfeld führten. Rodgers aber ist ein Trainer des Ballbesitzfußballs und er hegte keine Ambitionen, diesen Umstand in Leicester zu ändern.

Brendan Rodgers bisherige Trainerstationen

VereinAmtsantrittAmtsaustrittPflichtspielePunkteschnitt
FC Watford11/200806/2009311,45
FC Reading07/200912/2009231,04
Swansea City07/201005/2012961,55
FC Liverpool06/201210/20151661,77
FC Celtic05/201602/20191692,24
Leicester City02/2019-242,04

Leicester City: Beste Defensive, zweitbeste Offensive

"Innerhalb eines halben Jahres formte Brendan aus einer Kontermannschaft mit sehr geringem Ballbesitzanteil eine dominante Mannschaft, die vom Ballbesitz lebt", sagt Christian Fuchs im Gespräch mit SPOX und Goal. "Er hat Leicester komplett umgekrempelt. Wir spielen jetzt einen richtig erfrischenden, attraktiven Fußball." Fuchs, mittlerweile nur mehr Ergänzungsspieler, erlebte beides mit: die Märchen und die Revolution.

Anders als so viele Revolutionen zuvor resultierte die Revolution von Leicester aber nicht im Chaos. Ganz im Gegenteil: Rodgers führte die Mannschaft aus dem Tabellenmittelfeld auf Platz drei. Leicester hat aktuell die beste Defensive (acht Gegentore) und die zweitbeste Offensive (27 Tore) der Premier League - und sogar einen Punkt mehr als zum gleichen Zeitpunkt der märchenhaften Meistersaison. Exemplarisch für die geglückte Revolution steht der sagenhafte 9:0-Sieg beim FC Southampton.

Leicester City weckt Erinnerungen an 2016: Das Meisterteam von damals

Leicester City: Die Zahlen belegen die Revolution

Schon in der Rückrunde der vergangenen Saison begann Rodgers laut Fuchs "Stück für Stück, seine Ideen zu implementieren". Im Sommer kamen mit Dennis Praet (für 21 Millionen Euro von Sampdoria Genua) und Ayoze Perez (für 33,4 Millionen Euro von Newcastle United) zwei neue Spieler, die zu seiner Philosophie passen. "Spieler, die sehr gerne den Ball haben und ein tolles Kombinationsspiel aufziehen", sagt Fuchs. Außerdem wurde der zuvor ausgeliehene Youri Tielemans für 45 Millionen Euro von der AS Monaco fest verpflichtet. "In der Vorbereitung haben wir dann sehr detailliert an der neuen Spielweise gearbeitet", erklärt Fuchs. "Und sie ist uns Spielern innerhalb kürzester Zeit ins Blut übergegangen."

Das belegen auch die Zahlen: In der Meistersaison war Leicester die Mannschaft mit dem drittgeringsten Ballbesitzanteil (42,43 Prozent) der Premier League und blieb bis Rodgers Amtsübernahme in ähnlichen Bereichen; in dieser Saison ist es die Mannschaft mit dem dritthöchsten Ballbesitzanteil (58,39 Prozent) nach Manchester City und dem FC Liverpool. Damals war Leicester die Mannschaft mit der zweitgeringsten Passquote; jetzt mit der siebthöchsten. Der Anteil der langen Pässe fiel unterdessen von etwa 20 Prozent auf etwa zehn Prozent.

Statistik-Vergleich zwischen 2015/16 und 2019/20

2015/162016 bis Rodgers Amtsübernahme2019/20
Ballbesitzanteil42,43 Prozent (ligaweit Platz 18)45,83 Prozent58,39 Prozent (ligaweit Platz 3)
Passquote70,5 Prozent (ligaweit Platz 19)74,03 Prozent81,85 Prozent (ligaweit Platz 7)
getty
Trainer Brendan Rodgers mit Jamie Vardy, dem Führenden der Premier-League-Torschützenliste.

Die Schlüsselspieler von Leicester City

Rodgers setzt meist auf ein 4-1-4-1-System. Das Innenverteidiger-Duo bilden nach dem Wechsel von Harry Maguire zu Manchester United Jonny Evans und Caglar Söyüncü. Die Geschichte dieses Trios erzählt, was Leicester auf dem Transfermarkt besser macht als die aktuell strauchelnden Premier-League-Top-Klubs wie United.

2015 verkaufte United Evans für 8,3 Millionen Euro an West Bromwich Albion, 2018 holte ihn Leicester für vier Millionen (zeitgleich mit Söyüncü vom SC Freiburg). Im Sommer darauf wechselte Maguire für 87 Millionen Euro zu United. Die stabilere Defensive hat trotzdem Leicester. Aufgrund von frühzeitiger Planung und Vertrauen in die eigenen Spieler.

Dank Söyüncü ist die Defensive auch ein Teil des Angriffs. "Mit seiner guten Spieleröffnung passt er perfekt zu unserer neuen Spielweise", sagt Fuchs. Oder wie die Fans singen: "Fuck off Maguire, Fuck off Maguire, We don't need you, We've got Söyüncü."

Den einzigen Sechser gibt Wilfred Ndidi, davor spielen meist Tielemans und James Maddison. Zwei geniale Spielmacher, zwei gefinkelte Passspieler. Tielemans habe laut Rodgers "eine wunderbare Übersicht und ein Fußball-Gehirn". Maddison strahle bei seinen Aktionen eine "liebenswürdige Arroganz aus" und agiere "ein bisschen wie Philippe Coutinho", den Rodgers einst bei Liverpool trainiert hatte.

Auf den Flügeln stürmen Neuzugang Perez und der erst 21-jährige Shootingstar Harvey Barnes, mit vier Assists bester Vorlagengeber der Mannschaft. "Er hat ein gutes Dribbling, ist sehr torgefährlich und schnell", lobt Fuchs. Die Solospitze gibt wie immer Jamie Vardy, der mit zehn Treffern die Premier-League-Torschützenliste anführt.

Brendan Rodgers setzt auf Vertrauen statt Kontrolle

Vardy ist einer von nur zwei verbliebenen Stammspielern aus der Märchen-Mannschaft, der andere ist Keeper Kasper Schmeichel. Mit Wes Morgan, Marc Albrighton und eben Fuchs stehen noch drei weitere Märchenprinzen im Kader. Sie spielen zwar weniger, sind dafür aber umso wichtiger fürs Klima in der Mannschaft. "Die jungen Spieler schauen zu uns alten auf, weil sie wissen, was wir geleistet haben", sagt der 33-jährige Fuchs. "Wir versuchen, ihnen im Gegenzug Tipps zu geben, auch wenn sie an Stelle von uns spielen."

Großen Anteil an der guten Stimmung hat auch Rodgers, der auf Vertrauen statt Kontrolle setzt. "Er sieht immer die Privatperson hinter dem Spieler und geht auf die persönlichen Bedürfnisse eines jeden sehr gut ein", sagt Fuchs. Während den beiden Länderspielpausen habe ihm Rodgers jeweils acht Tage freigegeben, damit er zu seiner Familie in die USA fliegen kann. "Bei meinen Trainern in Deutschland wäre so etwas undenkbar gewesen. Da herrschte immer ein absoluter Kontrollzwang."

"Indem er einem solche Freiheiten gibt, schafft Brendan ein besonderes Vertrauensverhältnis. Dadurch gibt man als Spieler ganz automatisch alles für ihn", sagt Fuchs. Und das ist durchaus wichtig: Denn eine Revolution funktioniert nur, wenn das Volk dem Revolutionsführer folgt.

Premier League: Die obere Tabellenhälfte

PlatzTeamSp.ToreDiffPkt.
1.FC Liverpool1125:91631
2.Manchester City1134:102425
3.Leicester City1127:81923
4.FC Chelsea1125:17823
5.FC Arsenal1116:15117
6.Sheffield United1112:8416
7.AFC Bournemouth1114:13116
8.Brighton & Hove Albion1114:14015
9.Crystal Palace1110:14-415
10.Manchester United1113:11213

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