Fussball

Der PL-Titelkampf im Frühjahr 2014: When Steve slipped on his f***ing Arse

Von Nino Duit

Rodgers Warnschilder

Theoretische Chancen auf eine sensationelle Champions-League-Qualifikation hatte zu diesem Zeitpunkt derweil Liverpools Stadtrivale Everton, doch eine Niederlage gegen Crystal Palace zerstörte die Träume der Toffees. "Ein Warnschild", nannte Rodgers das Spiel, denn auch die Reds sollten noch auf Palace treffen, am vorletzten Spieltag. Gibt es so etwas wie schlechte Omen, dann war das eines.

"Wir haben noch vier Cup-Endspiele vor uns", kündigte unterdessen Gerrard vor dem ersten Cup-Endspiel in Norwich an. Gerrard erinnerte sich im Vorfeld der Partie an sein bisheriges Karriere-Highlight: "Wir müssen Norwich so behandeln, wie wir Milan 2005 behandelt haben." Eine Drohung und eine, die ihre Wirkung nicht verfehlte. Liverpool besiegte die Canaries mit 3:2.

City gewann nach zwei Enttäuschungen hintereinander jedoch auch wieder, locker mit 3:1 gegen West Bromwich Albion. Pablo Zabaleta, Sergio Agüero, und Demichelis erzielten die Treffer. "Argentina Night", analysierte Zabaleta.

"Wir haben noch Glauben", sagte Zabaleta dann trotzig und fast noch trotziger als Pellegrini in der vorangegangenen Woche sprach, aber mit jedem absolvierten Spiel wurde der Glaube kleiner. City musste zu diesem Zeitpunkt all seine Partien gewinnen und gleichzeitig auf eine Niederlage Liverpools aus deren drei verbliebenen Spielen hoffen.

Gerrards Rutscher

Und dann kam am 27. April eben der FC Chelsea an die Anfield Road. Citys Anhänger spazierten gerade in Süd-London vor dem Auswärtsspiel gegen Crystal Palace gemütlich Richtung Selhurst Park und freuten sich über die Wundergenesung und überraschende Startelf-Rückkehr von Toure, als spontane Jubelstürme losbrachen. Demba Ba hatte knapp 300 Kilometer nördlich, in Liverpool ein Tor für Chelsea erzielt.

Mamadou Sakho kam knapp vor der Halbzeitpause auf der linken Abwehrseite an den Ball. Er leitete ihn flach in die Mitte, Gerrard hatte sich dort leicht zurückfallen lassen, wie er es so oft tat. Mit der rechten Innenseite wollte er den Ball annehmen, doch der Ball wollte sich nicht annehmen lassen. Er rutschte an Gerrards Sohle vorbei Richtung Chelsea-Stürmer Ba. Panisch drehte sich Gerrard, während Anfield in panische Stille, ja Angst fiel. Als stünde er nicht auf englischem Rasen, sondern arktischem Eis rutschte Gerrard aus. Er rappelte sich wieder auf und eilte Ba mit Verzweiflung in den Augen hinterher. Doch er eilte zu langsam, Ba erzielte das 0:1. Schicksalsbesiegelnde Sekunden.

Als Willian Ende der zweiten Halbzeit Chelseas Führung verdoppelte, jubelten Citys Fans bereits im Auswärtsblock des Selhurst Park und fieberten einem Spiel entgegen, das ihre Mannschaft letztlich 2:0 gewinnen sollte. Einige Tage später besiegte City auch noch sein Liverpool-Trauma und gewann wenige Meter von der Anfield Road entfernt im Goodison Park bei Everton und von den dunkel- und hellblauen Rängen schallte es erstmals: "Steve Gerrard, Gerrard. He slipped on his f***ing Arse. He gave it to Demba Ba. Steve Gerrard, Gerrard."

Suarez' Tränen

Hätten Liverpool und City ihre restlichen Spiele gewonnen, wären sie am Saisonende punktgleich gewesen. Es hätte also die Tordifferenz entschieden und die sprach zu diesem Zeitpunkt mit neun Treffern Vorsprung für City. So reisten nun Liverpools Fans nach Süd-London, gingen die gleichen Wege Richtung Selhurst Park, auf denen wenige Tage zuvor Citys Anhänger Chelseas Ba feierten, und hofften auf ein Schützenfest. "Wenn es ein Team gibt, das das schaffen kann, dann sind es wir", sagte Rodgers: "Wir sind kein 1:0-Team!"

Nach 55 Minuten führte Liverpool mit 3:0. Nach 78. Minuten stand es immer noch 3:0, nach 88 Minuten 3:3 und beim Abpfiff brach Suarez in Tränen aus. Gerrard nahm seinen Teamkollegen in die Arme und tröstete ihn, obwohl es wohl niemanden im Selhurst Park gab, der mehr Trost gebraucht hätte als Gerrard selbst. Liverpool hatte den Titel verspielt. Der Sieg gegen Newcastle am abschließenden Spieltag änderte nichts mehr daran, denn auch City gewann seine beiden verbliebenen Spiele gegen Aston Villa und West Ham.

"Große Teams dürfen sich nicht mit einem Titel zufrieden geben. Wir feiern heute, morgen, am Montag und am Dienstag und dann beginnen wir, uns auf die neue Saison vorzubereiten", sagte City-Trainer Pellegrini nüchtern, nachdem er die Trophäe in die Luft gereckt hatte, während Liverpool in Ungläubigkeit und Trauer versank.

Die Reds warten weiterhin seit 1990 auf einen Meistertitel und Gerrards Karriere blieb die Vollendung verwehrt. Ein Jahr später verließ er Liverpool und als Trost für den verpassten Titel von 2014 gab es nichts als hehre Anerkennung und Selbstmitleid aus dem eigenen Lager und einen bitterbösen Chant aus allen anderen Lagern.

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