Fußball-Kolumne: Welchen Anteil Guardiola an Ancelottis Aus bei Bayern hatte

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Umso verwunderlicher wirkt es, dass sich Ancelotti ausgerechnet beim FC Bayern nicht dauerhaft durchsetzen konnte, galt doch gerade der deutsche Rekordmeister jahrzehntelang als "Spielerverein", in dem die Trainer im Normalfall vor allem darauf zu achten hatten, dass die Stimmung gut war und die Profis ansonsten irgendwie den Ball ins Tor brachten. So genannter Helden- oder auch Ottmar-Hitzfeld- bzw. Franz-Beckenbauer-Fußball ("Geht's raus und spuits Fußball").

Ancelottis Scheitern in München lag vor allem an zwei Gründen: An seiner eigenen eher mediterranen Einstellung zum Job und an seinem Vorgänger Pep Guardiola. Denn ähnlich wie in dem anfangs beschriebenen Cartoon trimmte der Katalane die Bayern-Profis drei Jahre lang auf höchstem Niveau und achtete in den anfordernden Trainingseinheiten auf jedes Detail.

Umso größer war der Kontrast, als Ancelotti im Sommer 2016 an der Säbener Straße übernahm und alles deutlich entspannter anging. "Er ist ein unheimlich angenehmer Zeitgenosse, aber eben auch Genussmensch und obendrein eine faule Socke", erinnert sich einer, der damals dabei war. Am Ende beschwerten sich die Führungsspieler beim Bayern-Vorstand über das unambitionierte Training und die geringe Intensität, zahlreiche Spieler legten daher sogar freiwillige Sonderschichten ein.

"Fitness-Raucher" Mauri bei Bayern im Zentrum der Kritik

In der Kritik stand vor allem Ancelottis italienisches Trainerteam, das für ihn wie eine Familie ist. Ganz besonders aber sein langjähriger Fitnesscoach Giovanni Mauri, der in der Mannschaft schnell den Beinamen "Fitness-Raucher" erhielt. Denn der damals 59-Jährige qualmte an jeder Ecke, auch im Kabinenbereich. Und als der Verein das untersagte, griff der schlaue Mauri grinsend zur e-Zigarette.

"Das geht ja auch nicht: ein Fitnesstrainer, der auf dem Balkon raucht oder gar auf dem Platz. Wir machen hier Sport, wir müssen was vorleben. Außerdem hat die Kabine gestunken", berichtete Sportchef Hasan Salihamidzic später der Süddeutschen Zeitung.

Ancelotti aber verteidigte seinen Kumpel, den er mehrfach als "besten Fitnesstrainer der Welt" bezeichnete, und schnorrte sich selbst regelmäßig Zigaretten bei ihm. Auf der Asienreise der Bayern vor der Saison 2017/18 verweigerte Ancelotti Vereinsmitarbeitern sogar die Nutzung eines Meetingraums, weil er diesen als "Raucherraum" für Mauri und sich haben wollte.

Carlo Ancelotti
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Ancelotti: Verhältnis zu Bayern-Topspielern am Ende zerrüttet

So kam es schon wenige Monate nach dem Gewinn der Meisterschaft, nach der Ancelotti auf der Titelfeier inbrünstig eine italienische Gesangseinlage zum besten gegeben hatte, zur überraschend schnellen Trennung. Weil die Mannschaft langweiligen und uninspirierten Fußball bot, die Ergebnisse ausblieben und vor allem das Verhältnis zu den wichtigsten Profis offensichtlich zerrüttet war.

Vor seinem letzten Spiel, dem 0:3 in der Champions League bei Paris St. Germain Ende September, gab Ancelotti die komplett umgekrempelte Mannschaftsaufstellung bekannt, ohne ein Wort zu sagen. Er hängte lediglich das Blatt mit der Startelf an die Wand des Besprechungsraums und ging.

So erfuhren die Führungsspieler Mats Hummels, Jerome Boateng, Arjen Robben und Franck Ribery sowie Kingsley Coman, dass sie nicht von Beginn an spielen würden. Danach was das Tischtuch endgültig zerschnitten, zumal auch der zur Halbzeit ausgewechselte Thomas Müller anhaltende Probleme mit dem Trainer gehabt haben soll.

"So ging es nicht weiter", sagte mir damals am Tag danach am Pariser Flughafen ein Spielerberater und ehemaliger Profi: "Der Verein musste handeln. Man hatte den Eindruck, als wolle Ancelotti seinen Rauswurf mit der Aufstellung provozieren." Noch in der Nacht kam es zum Krisentreffen von Vorstand und Präsidium, bei der auch Ancelottis engster Vertrauter Karl-Heinz Rummenigge schließlich dem Drängen von Uli Hoeneß nach einem Neuanfang nachgab.

"Mit den Assistenten von Ancelotti hat es hinten und vorne nicht gepasst. Mit Carlo selber ja gar nicht, da war alles okay. Aber da war ja jeden Tag irgendeine Streiterei zwischen den Physios, den Medizinern und den Trainern von Ancelotti. Und in so einem Umfeld kannst du nicht vernünftig arbeiten", erklärte der damalige Aufsichtsratsvorsitzende und Präsident Hoeneß später.

Hoeneß nach Ancelotti-Rauswurf: "Feind im Bett ist der gefährlichste"

Doch auch den Chefcoach entließ er nicht aus der Verantwortung für die aus seiner Sicht desolate Lage. "Carlo hat auf einen Schlag fünf Spieler gegen sich aufgebracht", berichtete Hoeneß: "Ich habe in meinem Leben einen Spruch kennengelernt: Der Feind in deinem Bett ist der gefährlichste. Deswegen mussten wir handeln. Carlo hätte das nicht durchgehalten."

Stattdessen holte der FCB Vereinslegende Jupp Heynckes aus dem Ruhestand zurück und gewann erneut die Meisterschaft. Ancelotti dagegen tauchte zunächst in der Heimat seiner kanadischen Frau ab, genoss dann in Neapel vor allem die Dolce Vita und coachte Everton danach im Niemandsland der Premier League.

Wenig sprach dafür, dass er ein Jahr später von allen Seiten als bester Trainer der Welt bejubelt werden würde, während die Bayern unsicher sind, ob sie international künftig noch mithalten können werden.

Ein Triumph im Champions-League-Finale in Paris würde für Ancelotti gleich in mehrere Hinsicht einen Bogen schließen und vermutlich auch für eine gewisse Genugtuung sorgen. Weil er hier als Trainer tätig war, vor allem aber, weil er an der Seine mit den Bayern eine seiner größten Niederlagen erlebte, nach der seine Karriere auf höchstem Niveau schon beendet schien.

Deshalb ist dieses Comeback fast ebenso erstaunlich wie das von Real Madrid in dieser Saison. Wobei, einen Grund gibt es vielleicht: "Fitness-Raucher" Giovanni Mauri gehört seit dem Aus bei Bayern im Gegensatz zu den anderen Landsleuten nicht mehr zu Ancelottis Trainerteam.

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