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Fussball

SPOX-Kolumne Auswärtsspiel - Mesut allmächtig: Wie Özil zum Fenerbahce-Boss mutiert

Von Fatih Demireli

Mesut Özil (33) war einst die Erfüllung aller Träume bei Fenerbahce. Zwar hat der Weltmeister von 2014 einen großen Anlauf benötigt, aber inzwischen sitzt er beim türkischen Spitzenklub in der Machtzentrale. Und dieser könnte bald ein Özil-Förderer angehören: Joachim Löw. Wenn er denn überzeugt wird.

Vor 13 Jahren saß Matthias Sammer mit seinem Kompetenzteam beim Deutschen Fußball-Bund zusammen und arbeitete als Sportdirektor einen Leitfaden für die Nachwuchsförderung aus. Forciert werden sollte die Ausprägung der Persönlichkeit von Junioren-Nationalspielern. Das, was auf vielen Seiten in diesem wissenschaftlichen Pamphlet ausgearbeitet wurde, fasste Sammer später so zusammen: "Wir unterscheiden in Führungsspieler, Teamspieler und Individualisten." Wer das eine ist, ist nicht das andere. Einfache Rechnung.

Als Beispiel für die Individualisten hatte Sammer ein gutes Beispiel - Mesut Özil: "Wir müssen Freigeister wie Özil ihre Kreativität ausleben lassen, und sie müssen wissen, dass ihre Art zu spielen von der Mannschaft ausdrücklich gewollt ist." Und Sammer sagte auch: "Den Individualisten machen wir kaputt, wenn wir ihn mit einer Verantwortung für die Mannschaft belasten."

Nun, auch wenn Matthias Sammer in der Türkei ein ausgesprochen hohes Ansehen genießt und immer wieder von diversen Klubs umgarnt wurde, hat man sich zumindest bei Fenerbahce den Sammer'schen Leitfaden aus dem Jahre 2008 nicht durchgelesen oder findet keine Verwendung dafür.

Denn Özil, inzwischen stolze 33 Jahre alt, ist beim türkischen Spitzenklub in die Rolle des allmächtigen Anführers geschlüpft. Schon zu Saisonbeginn wurde ihm die Kapitänsbinde überreicht. Und das nicht ohne Grund. "Mesut wird von allen geliebt und geschätzt", so Präsident Ali Koc.

Eine Beobachtung, die sich belegen lässt. Özil ist umgeben von den Führungsspielern der Mannschaft, die dem Weltmeister von 2014 zuhören und seinen Rat annehmen. Hört man in die Mannschaft rein, kommt es gut an, dass Özil niemals auf Distanz gegangen ist und seit seiner Ankunft vor knapp einem Jahr die Nähe zu seinen Kollegen gesucht hat.

Mesut Özil gewinnt Machtkampf gegen Vitor Pereira

Beliebtheit bedeutet allerdings auch Macht und da sitzt Özil längst in der Zentrale bei Fenerbahce. So hat er nun auch den Machtkampf gegen Vitor Pereira gewonnen. Der Portugiese kam im Sommer als Notlösung nach einigen Absagen favorisierter Trainer-Kandidaten.

Doch Pereira, der schon bei seinem ersten Anlauf als Fener-Trainer große Probleme mit Stars wie Robin van Persie oder Nani hatte, wurde seinem Ruf gerecht und hatte auch Probleme im Umgang mit Özil. Das größte Problem war allerdings das destruktive System, indem für Özil eigentlich kein Platz war. "Fenerbahce hätte Mesut nicht geholt, wenn Pereira schon in der letzten Saison Trainer gewesen wäre", sagte Fener-Legende und TV-Experte Ridvan Dilmen.

Der 59-Jährige gilt als heimlicher Strippenzieher im türkischen Fußball, hat beste Kontakte in die Politik und in die Fußballszene. Und gerade zu Fenerbahce. Es war zumindest auffällig, wie rigoros die Kritik Dilmens an Pereira gerade im Umgang mit Özil war. Mehrmals forderte er auch die Ablösung des Trainers. Dass am Siedepunkt der Kritik Dilmen ein Foto in seinen sozialen Kanälen postete, wie er freudig mit Özil einen türkischen Tee trinkt und beide sich abklatschen, war für viele ein eindeutiger Hinweis.

Mesut Özil ist Fenerbahces gefährlichster Spieler

Und siehe da: Kurz danach musste Pereira gehen, weil man auch in der Chefetage von Fenerbahce zuhört, was die Klub-Legende hier und da von sich gibt. Schon vor der Entlassung wurde offenbar nachhaltiger Einfluss auf Pereira genommen, das System so anzupassen, damit sich die Mannschaft und vor allem Özil wohler fühlen.

Der Kapitän zahlte zuletzt auch zurück: Mit sieben Toren und zwei Assists in 15 Ligaspielen ist er der gefährlichste Fener-Spieler der bisherigen Saison. Er traf zuletzt in drei Ligaspielen in Folge, was ihm in seiner Karriere noch nie gelang.

Nach der Entlassung von Pereira installierte der Klub mit Zeki Murat Göle zwar einen Interimstrainer aus den eigenen Reihen, doch hört man aus Istanbul, dass Özils Rat bei der Gestaltung der Vorbereitung auf das Spiel gegen Karagümrük (1:1) gefragt war.

Die Aufstellung sah auch sehr nach Özils Gusto aus. Mit Irfan Can Kahveci, Mert Hakan Yandas, Dimitris Pelkas und Jose Sosa war er von spielstarken Spielern umgeben. Natürlich im 4-2-3-1 und nicht im 3-6-1 von Pereira. Özil soll auch, wie es in türkischen Medien heißt, bei der Suche nach einem neuen Trainer eine Rolle spielen.

© getty
Mesut Özils Wort hat bei Fenerbahce Gewicht.

Fenerbahce: Joachim Löw steht im Fokus

Besonders im Fokus steht dabei Joachim Löw. Er gilt schon seit jeher als großer Traum bei Fenerbahce. Seit seiner Zeit als Fener-Coach 1998/99 ist man dem Deutschen wohlgesonnen. Auch Löw hält die Sympathien und die Kontakte in die Türkei frisch.

Der gut unterrichtete Journalist Yagiz Sabuncuoglu meldete in den letzten Tagen, dass Fenerbahce bei Löw nachgefragt habe, wie dessen Rahmenbedingungen aussehen würden. Denkbar ist demnach auch, dass Löws Vertrauter Ismail Kartal erst einmal die Stellung hält, bis Löw dann im Sommer kommt, zumal bei 16 Punkten Rückstand auf Platz eins in dieser Saison realistisch mit dem großen Ziel Meisterschaft kaum noch zu rechnen ist.

Interessant ist dabei die Beziehung von Özil und Löw. Der ehemalige Bundestrainer war ein Förderer des Spielmachers, schützte ihn auch in schwierigen Zeiten, doch nach der WM 2018 kam es auch zwischen den einstigen Weggefährten zum Bruch.

Doch die Wogen haben sich zwischenzeitlich geglättet. Im DFB-Journal im Juli 2021 schrieb Özil Richtung Löw: "Ich weiß ja von Jogi, dass er Sympathien für Fenerbahce hat. Daher hoffe ich, dass er uns in der kommenden Saison auch mal bei einem Heimspiel in Istanbul besuchen wird. Er wäre auf jeden Fall eingeladen!"

Vielleicht könnte es ja nun mehr als ein Besuch werden. Und Özil hätte einen Trainer, der weiß, wie er tickt und wie er funktioniert. Noch heißt es, dass Fenerbahce für Löw aktuell kein Thema sei und er sich andere Optionen offen halten wolle. Doch sollte Özil ihn dennoch umstimmen können, wäre er nach Sammer'schen Gesetzen dann definitiv kein Individualist mehr.

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