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FC Bayern - Ex-Guardiola-Assistent Domenec Torrent im Interview: "Pep und ich haben viele Tränen vergossen"

Von Kerry Hau

Elf Jahre lang arbeitete Domenec Torrent mit Pep Guardiola beim FC Barcelona, FC Bayern und Manchester City. Im Interview mit SPOX und Goal spricht der 58-Jährige über gemeinsamen Erlebnisse mit dem Star-Trainer und dessen oft missverstandene Idee von Fußball.

Torrent äußert sich auch zu Guardiolas regelmäßigem Scheitern in der K.o.-Phase der Königsklasse. Außerdem verrät er, wieso er Julian Nagelsmann für den geeigneten Bayern-Trainer hält, weshalb er und seine Frau eines Tages nach München zurückkehren möchten und warum er nach nur drei Monaten beim brasilianischen Top-Klub Flamengo entlassen wurde.

Herr Torrent, Sie haben elf Jahre lang als Co-Trainer von Pep Guardiola gearbeitet und mit ihm 24 Trophäen gewonnen - sieben davon beim FC Bayern. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre gemeinsame Zeit in München?

Domenec Torrent: Wenn ich an unsere Zeit in München zurückdenke, empfinde ich nichts als Freude und Dankbarkeit. Es waren drei fantastische Jahre bei einem grandiosen Klub in einer wunderschönen Stadt. Pep und ich reden häufiger über unsere gemeinsamen Erlebnisse beim FC Bayern. Die vielen Titel, die wir gewonnen haben. Die Bierduschen danach. Die Partys in der Kabine. Die freien Tage an der Isar oder den vielen Seen im Umkreis der Stadt mit unseren Familien. Und natürlich das Oktoberfest. Meine Frau und ich haben uns schon gesagt, dass wir eines Tages wieder in München leben wollen. Vielleicht, wenn wir in Rente sind. Wir haben uns in diese Stadt verliebt.

Was vermissen Sie besonders an München?

Torrent: Es sind ja oft die kleinen Dinge im Leben, die einen glücklich machen. Der Weg zur Arbeit zum Beispiel. Bei gutem Wetter bin ich von Grünwald, wo ich wie die meisten Spieler und Mitarbeiter gelebt habe, immer mit dem Fahrrad zur Säbener Straße gefahren. Das hat so um die 25 Minuten gedauert. Eine herrliche Strecke, direkt an der Isar entlang. Arjen Robben, der bei mir um die Ecke gewohnt hat, ist sie oft mit mir zusammen gefahren. Da hat der Tag schon gut angefangen. Das sind so Momente, die man schon vermisst.

Bei allen Erfolgen, die Sie und Guardiola mit dem FC Bayern gefeiert haben: In der Champions League sind Sie nie über das Halbfinale hinausgekommen. Warum?

Torrent: An der Champions League zeigt sich, wie ungerecht der Fußball manchmal sein kann. In diesem Wettbewerb triumphiert nicht immer die Mannschaft, die am meisten Arbeit investiert oder den besten Fußball spielt, sondern die, die in den richtigen Momenten zur Stelle ist. Eine Verletzung, ein blödes Gegentor, ein verschossener Elfmeter oder sogar eine unglückliche Schiedsrichterentscheidung kann dich killen. Das ist das Lästige an K.o.-Spielen. Oft genügt schon eine schlechte Viertelstunde, um auszuscheiden.

© imago
Domenec Torrent (l.) stand Pep Guardiola elf Jahre lang mit Rat und Tat zur Seite.

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So wie 2015 in Barcelona, als über 70 Minuten die Null stand, ehe Lionel Messi und Co. drei Tore erzielten.

Torrent: Das war so ein Abend, an dem alles Schlechte für uns zusammenkam. Unser erstes Problem: Wir mussten ohne Ribery, Robben und Alaba antreten. Das wäre für Barca so gewesen, als hätten ihnen Messi, Neymar und Pique gefehlt. Aber wir haben es gut gemacht - bis zur 77. Minute, als der beste Spieler aller Zeiten ein Wahnsinnstor erzielt hat. Danach hätten wir uns sagen können: "Okay, wir stellen uns hinten rein, den 0:1-Rückstand können wir zu Hause aufholen." Doch das liegt nicht in der Natur des FC Bayern. Der FC Bayern hasst es, zu verlieren. Also hat die Mannschaft alles nach vorne geworfen und versucht, den Ausgleich zu erzielen.

Der Plan ging nach hinten los. Noch einmal Messi und Neymar sorgten für klare Verhältnisse.

Torrent: Es war sehr bitter. Wir hatten auch in anderen K.o.-Spielen nicht das letzte Spielglück auf unserer Seite. Das Halbfinale ein Jahr später gegen Atletico zum Beispiel war eines der besten Bayernspiele unter Pep. Aber Thomas Müller, unser bester Elfmeterschütze, hat einen Elfmeter verschossen. Kein Vorwurf an Thomas, er ist auch nur ein Mensch. Aber es sind nun einmal diese Kleinigkeiten, die in der Champions League entscheiden.

Hadern Sie und Guardiola noch immer damit?

Torrent: Nein, das ist Vergangenheit, wir können es nicht mehr ändern. Aber damals war es sehr schmerzhaft, ja. Wir haben viele Tränen vergossen. Es hat uns sehr leid getan für die Mannschaft, für die Fans und vor allem für Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge. Wir hätten gerade ihnen nur zu gerne diesen Titel beschert.

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Warum gerade Hoeneß und Rummenigge?

Torrent: Uli und Kalle haben Pep, mich und unser gesamtes Trainerteam vom ersten bis zum letzten Tag unterstützt. Sie waren oft an der Säbener Straße, um mit uns über Gott und die Welt zu quatschen. Das hat gut getan - und über die Jahre hat sich eine enge Freundschaft entwickelt. Bei ihnen hatten wir stets das Gefühl: Was auch passiert, sie sind für uns da. Sogar nach unserem Abschied. Meine Tochter zum Beispiel ist in München geblieben, um zu studieren. Kalle war der Erste, der zu mir gekommen ist und gesagt hat: "Dome, wenn etwas ist, wenn sie etwas braucht: Ihr habt meine Nummer. Wir können immer helfen." Eine noble Geste, die zeigt, wie herzlich diese Menschen sind und was für eine große Familie der FC Bayern ist. So etwas gibt es bei keinem anderen Klub von diesem Format. Und deshalb habe ich mich umso mehr über den Champions-League-Sieg des FC Bayern in der vergangenen Saison gefreut.

Trotz der 2:8-Demontage Ihres anderen Herzensklubs Barca?

Torrent: Ich bin Mitglied bei Barca und würde lügen, wenn ich sagen würde, dass mich das nicht getroffen hat. Nicht die Niederlage an sich, denn gegen den FC Bayern kann man verlieren, sondern ihre Deutlichkeit. Ich war nach dem Spiel schockiert. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Aber natürlich habe ich dem FC Bayern danach weiter die Daumen gedrückt. Der Triumph in Lissabon war so verdient und überfällig. Jetzt wünsche ich Pep von ganzem Herzen, dass er es wieder schafft.

In der vergangenen Saison schied Manchester City im Viertelfinale gegen Olympique Lyon aus. Guardiola wurde danach stark für seine Taktik kritisiert. Es hieß, er sei zu verkopft.

Torrent: Es war Pech. Raheem Sterling hat aus wenigen Metern das leere Tor nicht getroffen. Soll daran jetzt etwa der Trainer schuld sein? Nein. Auch Pep macht Fehler. Dennoch ist er ein Genie. Und es liegt in der Natur der Menschen, dass sie Genies gerne scheitern sehen. So war es auch bei Musikern wie Mozart. Die Leute haben sich daran ergötzt, ihn zu kritisieren, wenn er einen Fehler gemacht hat, weil er so selten Fehler gemacht hat. Ähnlich ist es mit Pep. Aber ich kenne ihn gut und weiß, dass er mit der Kritik umgehen kann. Und selbst wenn ihm dieser dritte Champions-League-Titel verwehrt bleiben sollte: Er wird in 20 Jahren, wenn er mit seiner Familie zu Hause sitzt und bei einem Wein auf seine Karriere zurückblickt, glücklich und zufrieden sein. Trotzdem hoffe ich, dass er diesen Titel gewinnt. Er hat ihn verdient. Kein Genie sollte unbelohnt bleiben.

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