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Fussball

Europa League: Eurofighter-Legende Yves Eigenrauch: "Huub Stevens meinte, ich sei ein Querulant"

Von Johannes Ohr

Vor fast genau 25 Jahren gewann Yves Eigenrauch mit Schalke 04 sensationell den UEFA-Cup. Bis heute konnte keine deutsche Mannschaft diesen Erfolg im UEFA-Cup und dem Nachfolgewettbewerb Europa League wiederholen. Nun hat Eintracht Frankfurt im Spiel gegen Glasgow Rangers (21 Uhr, LIVETICKER) die Chance.

Im Interview mit SPOX und GOAL spricht Eigenrauch über den Triumph von Mailand und warum ihn Huub Stevens mal als "Querulant" bezeichnete.

Außerdem erklärt Eigenrauch, der während seiner Karriere als Fußball-Intellektueller galt, weil er schwarze Hornbrillen trug, mit dem Fahrrad zum Training fuhr, bunte Kleidung trug und im Mannschaftsbus gerne las, warum er sich selbst nie als Publikumsliebling wahrnahm und wieso er, den die Fans "Yyyyyves" riefen, nach seiner Karriere unter anderem als Handwerker arbeitete.

Zudem erklärt Eigenrauch, unter welchen Umständen er Fans raten würde, nicht mehr ins Stadion zu gehen und Fußballspiele zu boykottieren und wieso er das 20-jährige Jubiläum des Eurofighter-Triumphs boykottiert hat. Und er verrät, was passieren müsste, damit er einen Job im Fußball annehmen würde.

SPOX: Herr Eigenrauch, 1997 gewannen Sie mit Schalke den UEFA-Cup. Der Triumph jährt sich am 21. Mai zum 25. Mal. Wie oft werden Sie noch darauf angesprochen?

Yves Eigenrauch: Eigentlich so gut wie nie. Aber das ist schon seit Ewigkeiten so. Wenn die Leute mich ansprechen und eine Erinnerung haben, dann ist es weniger der UEFA-Cup-Sieg 1997, sondern eher das ominöse Ronaldo-Spiel 1998.

Der Weltfußballer, der im UEFA-Cup-Viertelfinalrückspiel 1998 nicht an Yves Eigenrauch vorbeikam. Stimmt es, dass sie gar nicht genau wussten, wer er war?

Eigenrauch: Das war keine Floskel. Der Name wird mir bestimmt ein Begriff gewesen sein. Aber die Dimension und das Ausmaß seines Wertes war mir nicht bekannt. Er hätte von mir aus vier Tore schießen können, wenn wir eines mehr geschossen und gewonnen hätten (Schalke schied nach einem 1:1 nach Verlängerung aufgrund der Auswärtstorregel aus, die Red.). Das nutzt mir nix, wenn ich mit meiner Leistung zufrieden sein kann, aber die Mannschaft ausgeschieden ist. Das ist für den Arsch.

25 Jahre nach dem Schalker Erfolg kann mit Eintracht Frankfurt eine deutsche Mannschaft im Finale der Europa League den Titelgewinn wiederholen. Trauen sie das den Hessen zu - und was kommt auf die Spieler zu?

Eigenrauch: Selbstverständlich kann Frankfurt das Finale gewinnen. Es wäre natürlich schön, wenn eine deutsche Mannschaft international mal wieder etwas holen würde. Und zu Ihrer zweiten Frage: Du bist schon vor dem Spiel in der Kabine so fokussiert, dass du die Umgebung gar nicht mehr mitbekommst. Ich denke im Finale zu stehen, wird auch für die Frankfurter abstrakt sein und ihnen etwas surreal vorkommen.

Fühlen Sie sich noch als Eurofighter?

Eigenrauch: Ich bin kurz überrascht ob der Frage. Ich hoffe nicht, dass ich irgendwann mal den Eindruck erweckt habe, dass ich das in irgendeiner Form von mir weisen würde. Die Eurofighter-Geschichte ist natürlich eine ganz Besondere. Ich denke jetzt nicht jeden Tag daran, aber ich freue mich natürlich, dass ich das damals miterleben durfte. Ich freue mich auch immer, die Leute von damals zu sehen. Ich freue mich aber auch genauso, wenn ich mal durch Zufall jemanden aus der Jugend wiedertreffe.

© imago
An Yves Eigenrauch kam Weltstar Ronaldo im UEFA-Cup kaum vorbei.

Schalke 04, Eigenrauch: "Söldner gab es vor 20 Jahren auch schon"

Gibt es noch Kontakt zur Mannschaft von damals?

Eigenrauch: Nein, das hat sich nie so ergeben. Auch wenn man sehr gut miteinander ausgekommen ist, waren und sind die Interessenlagen zu unterschiedlich, als dass auch heute noch Kontakt bestünde.

Mit welchem Ihrer Mitspieler haben Sie sich am Besten verstanden?

Eigenrauch: Man hatte damals in der Regel ja Doppelzimmer. Mit David Wagner und Marco Kurz bin ich sehr gut zurechtgekommen.

Wie war die Stimmung innerhalb der Truppe zu der Zeit?

Eigenrauch: Normal. Es fällt mir jetzt nichts besonders Positives oder Negatives ein. Klar, wir sind in der Bundesliga sehr hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Dass der Verein sich entschieden hat, sich von Jörg Berger zu trennen und Huub Stevens zu verpflichten, war eine Sache, die nicht spurlos an der Mannschaft vorbeiging. Zumal ich dabei bleibe, dass das unglücklich dargestellt worden ist. Wir waren die Bösewichte. Das waren wir keineswegs. Da könnte ich heute noch kotzen. Da hat man gesehen, wie schnell es in diesem Geschäft gehen kann. Nach der Entlassung von Jörg Berger hätte uns ein Großteil der Fans gerne verprügelt. Ein halbes Jahr später waren wir Spieler dann Könige. Das fand ich grenzwertig.

Auch heute kann es noch schnell gehen. Spieler von Hertha BSC sollte nach einer Niederlage ihre Trikots vor der Kurve ablegen. Im nächsten Spiel wollten die Fans dann wieder mit ihnen feiern ...

Eigenrauch: Die Gesamtsituation ist in der Reaktion sicherlich extremer geworden. Da bin ich auch kein Freund von. Es kann immer mal eine besondere Situation geben und zum Sport gehört auch die Emotion dazu. Aber trotzdem sollte jeder für sich selbst mal überlegen, wann eine Grenze erreicht ist. Es handelt sich auch bei den Spielern um Menschen. Dass es wie vor 20 Jahren auch sogenannte Söldner gibt, die sich nicht wirklich mit den Vereinen identifizieren, ist nun mal so. Das gibt es in anderen Bereichen, ob im Bankenwesen oder im Handwerk, auch.

War das bei den Eurofightern anders?

Eigenrauch: Ich glaube schon, dass damals noch eine andere Bindung da war - zumal die Mannschaft im Grundgerüst ja auch über Jahre gewachsen war. Es gab auch einige Spieler, die selbst noch den Aufstieg aus der 2. Liga in die Bundesliga mitgemacht haben. Auch, wenn wir natürlich nicht immer einer Meinung waren: Das passte in der charakterlichen Zusammensetzung einfach!

Wie wichtig waren Trainer Huub Stevens und Manager Rudi Assauer für die Atmosphäre?

Eigenrauch: Nicht nur sie waren wichtig, sondern eigentlich das ganze Team um die Mannschaft herum. Heute ist es bei vielen Vereinen ein Kommen und Gehen und relativ anonym. Früher hattest du noch Zeit, dass du mit den Leuten aus dem Sekretariat des Vorstandes quatschen, oder auch mit Mitarbeitern, beispielsweise aus dem Marketingbereich, ein persönliches Wort wechseln konntest. Heutzutage wird alles nur noch an der Zeit und Effektivität bemessen.

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Yves Eigenrauch: "Huub Stevens meinte, ich sei ein Querulant"

Wie war Ihr Verhältnis zu Assauer und Stevens?

Eigenrauch: Das war sehr, sehr gut. Aber auch wir hatten unsere Meinungsverschiedenheiten - gerade mit Herrn Stevens. Er hat für den Sport gelebt. Bei ihm gab es nicht nur 100 Prozent, sondern idealerweise 150, 200, wenn nicht sogar 700 Prozent. Auch wenn ich natürlich engagiert bei der Sache war, habe ich Fußball aber nicht als meinen elementaren Lebensinhalt gesehen.

Haben Sie ein Beispiel für eine Meinungsverschiedenheit mit ihm?

Eigenrauch: Unweit des Stadions gibt es in Gelsenkirchen den Berger See. Da waren wir häufiger laufen. Es gab eine Vorgabe, mit welchem Puls man die Runden absolvieren sollte. Es war dabei üblich, dass wir nicht als Gruppe, sondern jeder für sich alleine gelaufen ist. Nur: Während die anderen alle rechts um den See gelaufen sind, bin ich links herum. Herr Stevens hat das dann irgendwann mitbekommen, hat sich fürchterlich darüber beklagt und meinte, ich sei ein Querulant. Ich dachte: in welchem Film bist du? Mir hat keiner gesagt, ich soll rechts herumlaufen. Es hieß nur: Lauft und haltet euren Puls. Ich war vollkommen irritiert. Der Trainer ist natürlich derjenige, der bestimmt. Wenn er mir sagt: 'Leg dich jetzt eine halbe Stunde auf den Boden', dann mache ich das natürlich. Wenn er gesagt hätte 'Lauft rechts herum um den See', hätte ich das natürlich gemacht. Diese Ansage gab es aber nicht. Das Problem war zu dem Zeitpunkt auch, dass ich im sportlichen Bereich meiner eigenen Erwartungshaltung - was die Leistung betrifft - nicht mehr gerecht werden konnte. So hat das sicherlich auch der Trainer gesehen und hat das dann vermutlich als Affront aufgefasst. Im Sinne von: Der kommt nicht zu Potte und läuft dann auch noch links herum ...

Gab es eine Strafe?

Eigenrauch: Eine Strafe gab es nicht. Ich musste nur beim Manager vorstellig werden und ihm die Sache erklären. Dann war es kein Thema mehr.

Auf dem Weg zum UEFA-Cup-Sieg gab es einige Rückschläge. Youri Mulders und Martin Max verletzten sich, das Hinspiel im Halbfinale gegen Teneriffa ging mit 0:1 verloren. Ab wann hat die Mannschaft daran geglaubt, dass ein Triumph wirklich möglich ist?

Eigenrauch: Da kann ich nur für mich sprechen: Eigentlich nie. Dazu war das gesamte Szenario viel zu bizarr. Ich konnte beim Abschlusstraining im Stadion einen Tag vorher nicht sagen 'Jetzt spielst du morgen hier ein Endspiel und das gewinnst du'. Das war für mich viel zu abstrakt. Ich glaube, das ging den anderen auch so. Auch wenn wir uns natürlich gesagt haben, dass wir diese Chancen jetzt ergreifen müssen.

Gut 30.000 Schalker waren damals in Mailand beim Rückspiel (das UEFA-Cup-Finale wurde in Hin- und Rückspiel ausgetragen, die Red.). Haben sie von der Atmosphäre etwas mitbekommen?

Eigenrauch: Leider gar nicht. Im Stadion dann natürlich schon. Das ganze Drumherum war ja für viele ein Event. Dieses Feeling miterleben zu können, mit dem eigenen Vereinen in eine andere Stadt reisen zu können, das wäre schön gewesen, das hätte ich gerne gemacht. Du hast als Spieler ja auch in der Bundesliga von den Städten nicht viel mitbekommen. Das finde ich schade. Aber man kann ja nicht alles haben.

Den Titel gewann Sie durch ein 4:2 im Elfmeterschießen gegen Inter Mailand. Stimmt es, dass Sie den Sieg gar nicht richtig einordnen konnten?

Eigenrauch: Ich fand es auf jeden Fall ziemlich blöd, dass wir als Mannschaft nicht mal zwei Minuten Zeit hatten, uns gewahr zu werden, was da gerade passiert war. Es kamen direkt irgendwelche Leute aufs Feld gestürmt, die die Spieler für Gespräche rausgezogen haben. Fand ich ziemlich unglücklich und doof, da bleibe ich dabei.

Das heißt, Sie konnten die Situation im ersten Moment nicht verarbeiten?

Eigenrauch: Da geht es nicht mal unbedingt um das verarbeiten. Sondern darum, dass man als Mannschaft nicht kurz zueinander finden konnte. Das war unmittelbar nach dem Spiel gar nicht möglich. Nach meinem Empfinden wurden wir sofort auseinandergerissen. Die Gemeinschaft konnte im intimen Kreis nicht zur Geltung kommen. Das sind Kinkerlitzchen. Aber ich bin da relativ empfindlich und lege auf das Persönliche viel Wert. Wenn das verloren geht, bei allem Verständnis dafür, dass viele Interessen zu berücksichtigen sind, finde ich das sehr schade.

Seite 1: Yves Eigenrauch wusste nicht genau, wer sein Gegenspieler Ronaldo war

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