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TSV 1860 München versinkt im Chaos: Die Löwen zerfleischen sich selbst

Von Stefan Zieglmayer

Der einstige Bundesligist TSV 1860 München versinkt mal wieder im Chaos. Die andauernden internen Machtkämpfe zwischen e.V. und Investor Hasan Ismaik fanden im Rücktritt von Trainer und Galionsfigur Daniel Bierofka ihren vorzeitigen Tiefpunkt. Die Löwen zerfleischen sich selbst.

Er konnte nicht mehr. Mit Tränen in den Augen verließ Daniel Bierofka in der vergangenen Woche das Sechziger Vereinsgelände an der Grünwalder Straße. Aus persönlichen Gründen habe er um eine Auflösung seines bis 2022 datierten Vertrags gebeten. So heißt es in der offiziellen Mitteilung des Vereins.

Der unermüdliche Kämpfer Bierofka hat resigniert. "Das schlimmste Szenario, was passieren kann, ist passiert - Biero ist weg", sagte Stürmer Sascha Mölders.

Der Rücktritt des Mannes, der seit dem Doppelabstieg in die Regionalliga 2017 im Grunde 24 Stunden pro Tag für die sportliche Wiederauferstehung seiner großen Liebe 1860 München geschuftet hatte, spricht Bände. Er ist das Resultat einer nicht enden wollenden Zerrissenheit innerhalb des Klubs.

kicker-Bericht bringt Daniel Bierofka auf die Palme

Der Verein und Investor Hasan Ismaik bekriegen sich seit Jahren. Bierofka wurde in diesem Machtkampf regelrecht zermürbt. Ein Bericht von kicker-Reporter Georg Holzner mit Berufung auf eine Quelle "aus dem Team" stieß dem 40-Jährigen besonders auf. Darin hieß es, die Spieler würden häufig einen Plan B vermissen. Auch die Belastungssteuerung im Training sei hinterfragt worden.

"Das kommt nicht aus der Mannschaft, sondern intern. Es kommt aus dem inneren Kreis", stellte Bierofka klar. Holzner sei "nie" bei den Löwen vor Ort und kenne "keinen Spieler". Bierofka verwies auf wiederkehrende Indiskretionen im Klub und schob hinterher: "Lange schaue ich mir das nicht mehr an."

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Hat sein Amt als Trainer von 1860 München niedergelegt: Daniel Bierofka.

Sportchef Günther Gorenzel, der mehrfach im Bericht von Holzner zitiert wurde, sagte darauf nur, Kritik gehöre eben zum Geschäft. Schon wenige Wochen zuvor ließ sich Präsident Robert Reisinger bei einer FAQ-Runde zu despektierlich anmutenden Aussagen hinreißen. "Der TSV 1860 hat vor Bierofka existiert und er wird es auch nach ihm tun", sagte er und sprach unter anderem öffentlich Bierofkas für Drittliga-Verhältnisse "hoch dotierten" Vertrag an.

Reisinger hatte kein besonderes Verhältnis zu Bierofka, die beiden sprachen kaum miteinander. Das sei schließlich die Aufgabe von Gorenzel und Co-Geschäftsführer Michael Scharold.

1860-Investor Hasan Ismaik wirft Präsidium Mobbing vor

Das Fass war übergelaufen. Bierofka zog die Reißleine. Trotz der Lobeshymnen von allen Seiten, auch von Gorenzel und Reisinger, trennten sich die Wege des Aufstiegstrainers und 1860 München.

Auf den lauten Knall folgte nur eine kurze Schockstarre. Wenige Stunden später ging die Schlammschlacht weiter. Ismaik warf dem Präsidium Mobbing und eine methodische Schädigung von Bierofka vor. "Für mich ist das eine Schande, die ich nicht in Worte fassen kann", schrieb er auf Facebook, wie er es schon so häufig getan hat. Der Investor feiert Bierofka als "Held" und instrumentalisiert seinen Rücktritt, um weiter gegen Reisinger vorzugehen.

Der verwies die Vorwürfe ins Reich der Verschwörungstheorien, Ismaiks Behauptung sei "so absurd wie ehrenrührig - und entbehrt jeder Grundlage".

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Reisinger und Ismaik kommunizieren über Anwälte

Kontakt zwischen beiden Parteien gibt es nur über Anwälte und Statthalter oder per Mail, so verhärtet sind die Fronten. "Ich habe seine Handynummer, aber er geht nicht immer ran", erklärte Reisinger vielsagend bei seinem legendären Auftritt bei Blickpunkt Sport.

Ismaik versteht sich seit seinem Einstieg bei Sechzig 2011 als Melkkuh ohne Mitspracherecht. Bei 50:50-Entscheidungen behielt aufgrund der Vereinsstruktur stets der e.V. Recht. Ismaik wirft dem Präsidium vor, 50+1 auszunutzen statt sich auf Kompromisse einzulassen.

Nur Präsident Peter Cassalette (2015 bis 2017) ließ dem Jordanier freie Hand. Ismaik installierte Anthony Power als Geschäftsführer, holte den renommierten Trainer Vitor Pereira und kündigte Neuzugänge im Wert von 50 Millionen Euro an.

Das Projekt scheiterte krachend, Sechzig stieg aus der 2. Liga ab. Es kam zum "Schwarzen Freitag" (2. Juni 2017), an dem die Löwen die für die Drittliga-Lizenz erforderlichen elf Millionen Euro nicht aufbringen konnten. Zwangsabstieg in die Regionalliga, Umzug ins Grünwalder Stadion. Der nächste Streitpunkt.

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Das Grünwalder Stadion im Herzen Giesings.

1860 München und die ewige Stadionfrage

Das "Städtische Stadion an der Grünwalder Straße 4" befindet sich im Besitz der Stadt München. Bis heute ist unklar, ob es die Heimat der Löwen bleibt. Damit das Stadion auch für die 2. Liga zulässig wäre, ist ein teurer Umbau vonnöten, der rund 30 Millionen Euro kostet.

VIP-Logen sollen her. Es soll komplett überdacht und auf 18.060 Plätze (kein Scherz) ausgebaut werden. Der Münchner Stadtrat befürwortete diesen Ausbau. Mehr oder gar ein Neubau sind aufgrund der Lage des Stadions im Herzen von Giesing aus baurechtlicher Sicht nicht machbar.

Investor Ismaik hingegen ist gegen diesen Umbau. Der Jordanier plädiert für ein eigenes Stadion mit höherer Kapazität. Nur so sei das langfristige Überleben in der 2. oder sogar in der 1. Bundesliga möglich. Selbst ein SC Freiburg geht diesen Weg. Ein Neubau irgendwo am Rande Münchens wäre vermutlich sogar billiger als ein Umbau.

Sechzig-Präsidium fährt kontroversen Konsolidierungskurs

Der Klub ist bei der Stadionfrage wie bei so vielen Themen nicht nur auf Führungsebene gespalten. Auch die Fans sind sich uneins. Gruppierungen wie Pro1860, die sich für eine Emanzipation des e.V. einsetzt oder die Ultras wollen ihr Schmuckstück nach vielen Jahren in der lieblosen Allianz Arena nicht mehr loslassen. Notfalls geht es eben wieder in die Regionalliga, solange die Spiele nur in Giesing ausgetragen werden.

"Die Fans können vor dem Spiel in den umliegenden Kneipen etwas trinken, müssen dann nur über die Straße gehen und stehen vor dem Stadion", beschrieb Bierofka das besondere "englische Flair" des Grünwalder Stadions 2018 im Interview mit SPOX und Goal. Er selbst wünschte sich aber auch irgendwann ein eigenes Stadion für den TSV.

So wie viele Fans, die eine Rückkehr in den höherklassigen Profifußball herbeisehnen. Sie sind auch Gegner des Konsolidierungskurses, den das Präsidium um Reisinger seit 2017 fährt. Die Devise: Ohne weitere Darlehen von Investor Ismaik den über 40 Millionen Euro schweren Schuldenberg abbauen. In der "Pleiteliga" (3. Liga) eine nahezu unmögliche Aufgabe.

Dennoch sind dem Verein die Hände gebunden. Bei der Aufnahme weiterer Darlehen drohen Sechzig Geldstrafen. "Verschlechtert sich das negative Eigenkapital, wird eine Geldstrafe in Höhe von fünf Prozent der Eigenkapitalverschlechterung ausgesprochen", heißt es im DFB-Statut der 3. Liga. Bei weiteren Verstößen droht sogar Punktabzug.

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1860 München mit Mini-Etat - Mölders geht im Sommer

Doch Reisinger knüpft den sportlichen Erfolg ohnehin nicht an Geld, sondern an Einsatzbereitschaft und den Zusammenhalt in der Mannschaft. Ein romantischer Ansatz.

Mit einem Mini-Etat von 2,4 Millionen Euro, den der TSV für die kommende Saison zur Verfügung stellen will, lässt sich kaum eine konkurrenzfähige Mannschaft zusammenstellen.

25 (!) Spielerverträge laufen im Sommer aus. Viele Spieler zögern aufgrund der prekären Zustände im Verein mit ihrer Vertragsverlängerung. Aufstiegsheld Mölders kündigte bereits seinen Abschied an. "Das ganze Drumherum" beim TSV gehe ihm "auf den Sack".

Bei der Verpflichtung von Timo Gebhart trat Ismaik erstmals als Sponsor auf, er bezahlte den Transfer aus eigener Tasche. Mit weiteren Geschenken des Jordaniers zu rechnen, wäre angesichts der neuen Entwicklungen allerdings vermessen.

Hasan Ismaik erhebt schwere Vorwürfe gegen "Pro1860"

Der Graben zwischen e.V. und Investor scheint tiefer denn je. Immer mehr hat es Ismaik auch auf "Pro1860" abgesehen. "Die verfolgen eine Ideologie, die nicht den sportlichen Erfolg beinhaltet, sondern eine ganz eigene Agenda, die nur ganz bestimmten Interessen dient. Die anderen Fans werden durch diese Organisation, man kann schon sagen, fast bedroht. Pro1860 ist für den Verein eine Schande", wetterte Ismaik im BR-Interview vor wenigen Tagen.

Er habe sogar Mitleid mit Reisinger, der von Pro1860 und den Ultras gelenkt werde und über keine Entscheidungsgewalt verfüge. "Es wurde an mich herangetragen, dass Fans und Mitglieder, die gegen Pro1860 sind, eingeschüchtert und bedroht wurden", lauteten die schweren Anschuldigungen gegen die Fan-Bewegung.

Und so geht es hin und her.

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Der TSV 1860 München versinkt im Chaos - die Protagonisten: Präsident Robert Reisinger und Investor Hasan Ismaik.

Hasan Ismaik und der e.V. müssen sich zusammenraufen

Für Spieler, Trainer und Ehemalige sind die Vorgänge im Turn- und Spaltverein 1860 München mittlerweile nur mehr frustrierend.

Der Ex-Löwe Benjamin Lauth sagte dem Münchner Merkur: "Wenn es in Gesprächen um Sechzig geht, ist die erste Frage immer: Bist du auf der Seite von Ismaik oder vom e.V.? Das ist keine Basis um in Zukunft erfolgreich zu arbeiten. Weiterwurschteln wie bisher wird sicher keinen Erfolg bringen."

Um diese Basis nach all den Vorfällen wiederherzustellen, bräuchte es mehr gegenseitiges Verständnis, mehr Diplomatie, mehr Respekt. Denn eines stellte Ismaik in dieser Woche erneut klar: "Ich bekomme täglich Angebote. Aber meine Anteile sind unverkäuflich." Aussitzen kann der e.V. die Situation also nicht. Ismaik will sein Projekt nicht aufgeben. Schon gar nicht mit diesem Verlust.

So schrieb er unlängst auf seinem Lieblingsmedium Facebook: "Dem neuen Trainer Michael Köllner wünsche ich viel Glück für seine schwere Aufgabe beim TSV 1860." Dem ist nichts hinzuzufügen.

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