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Fussball

Lukas Nmecha und die Qual der Wahl: Doppelter Finalheld mit ungewisser Zukunft

Von Dennis Melzer

Lukas Nmecha avancierte zum zweiten Mal in seiner jungen Karriere zum EM-Helden. Die nahe Zukunft könnte für ihn einige Veränderungen bereithalten.

"Solche Geschichten schreibt nur der Fußball", lautet eine der vielen Plattitüden, die immer dann gerne bemüht wird, wenn ebenjener Fußball mal wieder ein besonderes Kuriosum bereithält. Ein Kuriosum wie im Falle Lukas Nmechas.

Vor knapp vier Jahren erzielte der Angreifer im Finale der U19-EM in Georgien auf Vorlage von Mason Mount das titelbringende Tor zum 2:1 für die englische Nationalmannschaft. Der Gegner hieß seinerzeit Portugal, der überwundene Torhüter Diogo Costa.

Am vergangenen Sonntag ähnelten sich die Geschehnisse: Wieder musste sich Portugal im Endspiel einer U-Europameisterschaft (diesmal allerdings U21) geschlagen geben, wieder hatte Costa einmal zu oft das Nachsehen, wieder hieß der entscheidende Mann Lukas Nmecha.

© getty
Nmecha erzielte den Siegtreffer gegen Portugal.

Lukas Nmecha wird erneut zum Endspiel-Entscheider

Der Unterschied: Diesmal trug der mittlerweile 22-Jährige nicht mehr das Trikot der Three Lions, sondern ein weißes Jersey mit schwarzen Querstreifen und schwarz-rot-goldenen Ärmelbündchen, diesmal jubelte Nmecha im Dress des DFB. "Kann sein, dass das Tor das schönste und wichtigste meiner Karriere war", sagte er, der bereits zum zweiten Mal in seiner noch jungen Karriere bei einer EM wesentlich dazu beigetragen hatte, dass sein Team am Ende den Pokal in die Höhe stemmen durfte.

Der bisherige Höhepunkt einer außergewöhnlichen Laufbahn. Nmecha wurde als Sohn eines Nigerianers und einer Deutschen in Hamburg geboren und wuchs in der Hansestadt auf, ehe er im Alter von zehn Jahren mit seinen Eltern nach England zog. Bis dahin hatte er keinerlei Erfahrung im Verein gesammelt, lediglich mit seinen Kumpels im Park gekickt. Erst auf der Insel schloss sich Nmecha einer Schülermannschaft an - und spielte sich prompt in den Fokus der ganz großen Klubs.

"Schon nach einem Monat wurde ich entdeckt und habe danach direkt bei Manchester City angefangen", erklärte er einst. Bei den Citizens überzeugte Nmecha auf Anhieb und durchlief fortan sämtliche Jugendmannschaften, 2013 feierte er sein Debüt für die englische U16.

Kuntz überzeugte Nmecha vom DFB: Rührei in Manchester

In den darauffolgenden Jahren kam er für alle weiteren Nachwuchs-Nationalmannschaften Englands zum Einsatz, steuerte regelmäßig Tore bei, wurde zum X-Faktor bei besagtem EM-Gewinn 2017. Im April 2018 feierte unter Pep Guardiola sein Debüt für die erste Mannschaft ManCitys, wenige Monate später wurde er an Preston North End verliehen. Ein Werdegang bei der FA schien vorgezeichnet.

Bis Stefan Kuntz im Jahr 2019 mit der Mission, Nmecha für die deutsche Nationalmannschaft zu begeistern, nach Manchester flog. Zwei Tage verbrachte der U21-Coach bei Familie Nmecha, aß "eines der besten Rühreier, die es gibt", wie Kuntz später schwärmte und überredete Nmecha erfolgreich zu einem Verbandswechsel.

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Nmechas Deutschland-Debüt gegen England

Kurz darauf, im März 2019, stand er erstmals für die Auswahl seines Geburtslandes auf dem Platz. Ausgerechnet gegen England - wieder eine dieser Geschichten, die nur der Fußball schreibt.

Bis "zehn Minuten vor der Partie" hätten er und Kuntz damals auf die Spielberechtigung gewartet. "Das war einfach Freude pur, auch der Trainer hat sich mit mir gefreut", gab Nmecha nach der Begegnung zu Protokoll, die Deutschland mit 2:1 für sich entschied.

Kuntz selbst hatte das Hickhack um die Erlaubnis als "Story, reif für einen kleinen Krimi" bezeichnet. An seiner Entscheidung, für Deutschland zu spielen, wolle er nicht mehr rütteln: "Ich habe lange darüber nachgedacht, was ich wirklich will. Das war die richtige Entscheidung und die ist auch endgültig", beteuerte Nmecha.

Nigeria buhlt angeblich um Nmechas Gunst

20 Spiele, zwölf Tore und einen EM-Pokal später könnte für den Mittelstürmer aber eine erneute Entscheidung anstehen. Wie die Bild-Zeitung berichtet, buhlt der nigerianische Fußballverband um die Gunst Nmechas. Grundsätzlich wäre er berechtigt, für das Heimatland seines Vaters aufzulaufen, da er bislang ausschließlich in Jugendnationalmannschaften eingesetzt wurde. Erst nach dem ersten Einsatz im A-Team ist ein Verbandswechsel nicht mehr möglich.

Bei welcher Nationalelf Nmecha letztlich die größte Chance auf Spielzeit sieht, wird sich zeigen. Spielstarke, flexible Mittelstürmer sind in Deutschland bekanntermaßen rar gesät - vielleicht verhilft Neu-Bundestrainer Hansi Flick, der im Anschluss an die EM 2021 das Zepter von Joachim Löw übernimmt, Nmecha schon bald zu seinem Debüt und damit zu einer wirklich endgültigen Entscheidung.

Doch nicht nur mit Blick auf die Nationalmannschaft steht Nmecha vor einer vermeintlich ungewissen Zukunft, auch ein Wechsel des Arbeitgebers liegt im Bereich des Möglichen.

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Große Konkurrenz bei ManCity: Nmecha strebt Veränderung an

Nach erfolgreicher Leihe beim RSC Anderlecht (21 Tore in 41 Pflichtspielen) kehrt der Offensivmann im Sommer - Stand jetzt - zu seinem Ausbilderklub ManCity zurück, an den er noch bis 2022 vertraglich gebunden ist. Da die Aussicht auf regelmäßige Einsätze bei einer derart hochdekorierten Konkurrenz jedoch gering ist, strebt Nmecha nach Informationen von SPOX und Goal eine Veränderung an.

Interessenten sind jedenfalls ausreichend vorhanden. "Das Interesse aus der Bundesliga und aus der Premier League ist groß", verriet Vater Nmecha unlängst, auch Champions-League-Teilnehmer Sporting wird mit dem Goalgetter in Verbindung gebracht.

Zudem ist ein Verbleib bei Anderlecht derweil noch nicht gänzlich vom Tisch. "Innerhalb unseres finanziellen Rahmens werden wir alles unternehmen, um Nmecha fest zu verpflichten", sagte RSC-Sportdirektor Peter Verbeke vor einigen Wochen Het Nieuwsblad. Er gab jedoch zu bedenken: "Es liegt aber nicht in unseren Händen. Wenn ein Klub mit einem 15-Millionen-Angebot um die Ecke kommt, sind wir chancenlos."

Laut Hamburger Abendblatt beschäftigte sich der Hamburger SV schon 2019 und 2020 mit Nmecha, die Hamburger MOPO brachte ihn zuletzt im April als möglichen Nachfolger von Simon Terodde ins Spiel, der künftig für Schalke 04 spielen wird. Obwohl zum damaligen Zeitpunkt eine Rückkehr in die Bundesliga noch durchaus realistisch war, kam das Blatt zu dem Schluss, dass ein Nmecha-Engagement in seiner Geburtsstadt durchaus unwahrscheinlich sei.

Nach abermaligem Nicht-Aufstieg und Nmechas Leistungen bei der EM darf man das Ganze mittlerweile guten Gewissens als unmöglich abstempeln. Der Fußball schreibt zwar immer wieder kuriose Geschichten, manches ist letztlich aber dann doch zu abstrus, um einzutreten.

Nmecha im Steckbrief

Geboren am14.12.1998 (22)
PositionSturm
Aktuelles TeamRSC Anderlecht
Im Verein seit2020
Größe185 cm
Gewicht80 kg
NationDeutschland, England

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