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Ilkay Gündogan wird zum Matchwinner für das DFB-Team: Hand aufs Herz

Von Jonas Rütten

Ilkay Gündogan machte gegen Estland sein wohl bestes Länderspiel. Den Worten, mit denen er zuletzt seine Enttäuschung über seine Rolle im DFB-Team zum Ausdruck brachte, ließ er Taten und die buchstäbliche Hand aufs Herz folgen. An einem Abend, an dem eigentlich vieles gegen ihn sprach.

"Wurden mir beide Tore zugesprochen?", fragte Ilkay Gündogan die anwesenden Reporter in der Mixed Zone der Tallinner "A. Le Coq"-Arena. Als die Medienvertreter bejahten, huschte ein Lächeln über sein Gesicht. "Das ist schön, beide waren abgefälscht, da fragt man sich schon..." Halb eins in der Nacht war es zu diesem Zeitpunkt schon, als Gündogan im Anschluss an sein Lächeln in den Teambus der deutschen Nationalmannschaft stieg.

Es war das Ende eines langen Abends mit unwahrscheinlichem Happy End. Ein Happy End war es deshalb, weil Gündogan sein wohl bestes von nun 35 Spielen im Trikot des DFB abgeliefert hatte. Schließlich waren es seine zwei Tore, die - auch wenn in der Entstehung etwas glücklich - Deutschland vor einer drohenden Blamage gegen wacker kämpfende, aber biedere Esten bewahrten.

Unwahrscheinlich war es aber deshalb, weil Gündogan nur wenige Stunden zuvor die Geister heimsuchten, die er vor etwas mehr als einem Jahr gerufen hatte. Als der 28-Jährigen - und das beteuerter er nachdrücklich - seinem "sehr guten Freund" Cenk Tosun via Instagram mit einem obligatorischen Like zu dessen Tor für die türkische Nationalmannschaft gratulieren wollte, unterschätzte er abermals die Wirkung, die ein kleiner Knopfdruck in den Sozialen Medien heutzutage haben kann.

Das Bild zeigte Tosun und seine Teamkollegen in salutierender Pose. Ein Gruß an die türkischen Truppen, die gerade Krieg gegen Kurden in Nordsyrien führen. Der digitale Daumen von Gündogan in dieser Sache, auch wenn er natürlich keine politische Unterstützung der türkischen Militäraktionen in Syrien darstellen sollte? Mindestens naiv, wenn nicht sogar dämlich. Schließlich war danach das fast schon ikonische "Erdogate" wieder in allen Köpfen und der Interpretationslust keine Grenze mehr gesetzt.

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Gündogan im DFB-Team: Gefühl der Normalität wieder weg

Vor der Weltmeisterschaft 2018 war das schon einmal so, als sich Gündogan mit Mesut Özil, dem türkischen Profi Cenk Tosun und Präsident Recep Tayyip Erdogan ablichten ließ. Es folgte ein bundesweiter Aufschrei, eine lange Debatte über Zugehörigkeitsgefühle, Migration und Integration und Wochen später eine WM, bei der Gündogan einen sportlichen Kollaps erlitt. Das wurde bei seinem einzigen Einsatz gegen Schweden deutlich.

Gündogan spielte spürbar mutlos, nur darauf bedacht, Fehler zu vermeiden. Das, was sein Spiel normalerweise ausmacht - eine zauberhafte Ballbehandlung, Spielintelligenz und -Witz, das Gefühl für den richtigen Pass zur richtigen Zeit - es war weg. Der Hass und die Pfiffe des deutschen Publikums beim Testspiel gegen Saudi-Arabien, die ihm und Özil nach jenem Foto galten, hatten Spuren hinterlassen.

"Insgesamt habe ich das Gefühl, dass sich alles wieder normalisiert hat", sagte Gündogan noch Anfang Oktober im Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Nach dem Spiel gegen Estland und der Aufregung um ihn und Emre Can, dem Tosuns Bild ebenfalls gefallen hatte, war dieses Gefühl fast schon wieder weg. "Es ist krass, was heutzutage für Geschichten geschrieben werden", sagte er hinterher und verwies richtigerweise darauf, dass das Foto zwar vom vergangenen Freitag stammte, es aber erst kurz vor dem Spiel hochkochte. Das fühle sich "nicht unbedingt wie ein Zufall an", sagte Gündogan.

Ilkay Gündogan arbeitet am DFB-Stellungswert: "Gold wert"

Ob Zufall oder nicht, das, was Gündogan aus dieser für alle Beteiligten unangenehmen Situation machte, war beeindruckend. Seine Reaktion war eine ganz andere als sie es noch auf ähnliche, wenn auch im Ausmaß nicht ansatzweise vergleichbare Ereignisse im Sommer 2018 war.

Fast schon trotzig stellte er die Ordnung im deutschen Spiel im zweiten Durchgang wieder her. Eine Ordnung, die ausgerechnet Can - in der aktuellen Debatte ebenso Protagonist wie Gündogan - mit dem frühesten Platzverweis eines deutschen Nationalspielers zunichte gemacht hatte.

Gündogan verlor keinen einzigen Zweikampf, stellte einen neuen DFB-Rekord mit den meisten Ballaktionen auf (181), schoss zwei Tore, jubelte demonstrativ mit der Hand auf dem Herzen, wo der deutsche Bundesadler das Trikot ziert und bereitete das dritte von Timo Werner mit einem herrlichen Pass über 35 Meter mustergültig vor.

"Das beste Statement" auf den Wirbel habe Gündogan mit seiner Leistung abgegeben, Kapitän Manuel Neuer schwärmte: "Als Sechser ist er Gold wert gewesen für unser Spiel. Er war der Taktgeber und für mich der wichtigste Spieler der Mannschaft."

Ilkay Gündogan: Spielerstatistiken gegen Estland

StatistikWert
Ballaktionen181
Passquote89,2 Prozent
Zweikampfquote100 Prozent
Tore2
Torvorlagen1
Bälle erobert9
Bälle verloren21

Ilkay Gündogan im DFB-Team: Auf der Suche nach einer Rolle

Neuers Loblied war deckungsgleich mit dem Anspruch, den Gündogan jedes Mal hat, wenn er zur Nationalmannschaft fährt. Gold wert sein, der wichtigste Spieler der Mannschaft zu sein. Einfach das sein, was er für Manchester City und Pep Guardiola schon ist. "Sie können nicht glauben, wie gut er ist", sagte Guardiola zuletzt und bezeichnete Gündogan als "eine der besten Verpflichtungen in der Klub-Geschichte".

Dass Joachim Löw offenbar eine ähnlich hohe Meinung vom Spielmacher der Citizens hat, wurde zuletzt durch Gündogans Aussagen deutlich. "Wir schätzen uns sehr, und ich weiß ja, dass er mit sich ringt, wenn ich auf der Bank sitze. Er versucht mir das auch immer zu erklären", sagte er, angesprochen auf sein Standing beim Bundestrainer.

Dennoch fühle er sich ein wenig unterschätzt im DFB-Team. Tatsächlich ist Gündogan auch durch seine vielen und teils schweren Verletzungen noch auf der Suche nach einer gewichtigen Rolle in der Nationalmannschaft. Das Mittelfeldzentrum ist im Normalfall - sprich einer Fünfe-Abwehrkette mit offensiven Außen - für Joshua Kimmich und Toni Kroos reserviert.

Ein Umstand, der die Spielzeit des 28-Jährigen beim DFB stark begrenzt und merklich an ihm nagt: "Man kann sich vorstellen, dass ich nicht hundertprozentig zufrieden war mit meiner Rolle zuletzt." Auch deshalb huschte ihm in der Nacht zu Montag lieber ein Lächeln über das Gesicht, anstatt angesichts der "krassen Geschichten" rund um seine Instagram-Aktivitäten allzu betrübt dreinzuschauen.

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