Steine und Beine für das bröckelnde Fundament

Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge bei der Grundsteinlegung des neuen Nachwuchsleistungszentrums
© imago

Uli Hoeneß hat die Nachwuchsarbeit des FC Bayern München kurz nach seiner Wiederwahl zum Präsidenten als "Schwachstelle des Vereins" ausgemacht. Sowohl die Ergebnisse als auch die Durchbruchrate der jüngeren Vergangenheit unterfüttern diese These. Künftig will der Branchenprimus auch im Jugendbereich wieder zu Deutschlands und Europas Spitze aufschließen. Das neue Nachwuchsleistungszentrum soll den Grundstein legen. Und auch Spezialisten von der Konkurrenz?

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"Wir haben beschlossen, die Nachwuchsarbeit total zu verändern, wir werden viel mehr Wert darauf legen. Vielleicht kommen wir auch mal wieder an die Spitze Europas, wo wir gerade absolut nicht sind."

Uli Hoeneß war Ende November noch nicht einmal 48 Stunden als Präsident des FC Bayern wiedergewählt, da prangerte er auf einer Fanveranstaltung die Ausrichtung seines Herzensvereins im Jugendbereich an. Und er kündigte an, anpacken zu wollen.

Bereits als Freigänger engagierte sich Hoeneß als "Assistent der Abteilungsleitung Junior Team" beim Bau des neuen Nachwuchsleistungszentrums des FC Bayern. Auch in seiner wiedererlangten Funktion als wichtigster Mann im Klub hat er sich auf die Fahnen geschrieben, nicht nur eine entsprechende Saat auszusäen, sondern künftig auch wieder häufiger die entsprechenden Früchte zu ernten.

Schwachstelle des Vereins

Mit ungeschönten Worten bezeichnete Hoeneß den Unterbau als "Schwachstelle des Vereins".

Die Diskussion um die Jugendarbeit der Münchner wird seit Jahren geführt. Meist kontrovers, teilweise polemisch, teilweise unsachlich, teilweise mit zu kurz greifenden Argumenten.

Nicht zuletzt deshalb sagte Bayerns NLZ-Leiter Wolfgang Dremmler Mitte des vergangenen Jahres im SPOX-Interview, er könne "diesen Käse nicht mehr hören", dass die Jugendarbeit der Münchner nicht gut sei.

Genau diese Worte nahm nun jedoch Mr. FC Bayern persönlich in den Mund: "Wir sind in diesem Bereich im Moment nicht besonders gut und erfolgreich", sagte Hoeneß kürzlich im Interview mit BFV.tv.

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Alaba letzter Durchstarter

Doch womit lässt sich diese These stützen? Naturgemäß fällt der erste Blick auf die Durchlässigkeit zwischen Jugend- und Profibereich. David Alaba war in der Saison 2011/2012 der letzte Münchner, der es aus dem eigenen Stall - über den Umweg einer Leihe nach Hoffenheim - nachhaltig zum Stammspieler und Leistungsträger gebracht hat.

Wenige Jahre zuvor hatte Louis van Gaal im Sommer 2009 völlig überraschend Holger Badstuber und Thomas Müller aus dem Hut gezaubert und diese als unantastbare Stammspieler installiert. Eigener Stall, waschechte Bayern, Identifikation pur - und schließlich Leistung. Ein Traum für jeden Fußball-Romantiker.

Hojbjerg, Gaudino, Green, Weihrauch

In den vergangenen fünf Jahren gelang dieser Durchbruch beim FC Bayern niemandem mehr. Vielversprechende Talente wie Pierre-Emile Hojbjerg, Gianluca Gaudino, Emre Can oder Julian Green waren Kandidaten, die immer mal wieder gefühlt nah dran waren, den Sprung jedoch nicht schafften.

Das hat verschiedene Gründe. Pointiert formuliert konnte van Gaal sich noch herausnehmen, jemanden wie Müller reinzuschmeißen und dafür Luca Toni auf die Bank zu setzen. Oder einen Badstuber einem Martin Demichelis vorzuziehen. Der Anspruch und damit der Druck war ein völlig anderer.

Jungen Spielern wurden Fehler auch in der öffentlichen Betrachtung noch mehr verziehen. Schließlich war der Champions-League-Finaleinzug 2010 noch eine Sensation und eben nicht logischer Anspruch.

Patrick Weihrauch, eines der Talente, das es in München nicht schaffte und mittlerweile bei den Würzburger Kickers in der 2. Liga spielt, sagte im SPOX-Interview: "In den letzten Jahren ist die Qualität des Kaders enorm in die Höhe gegangen, auch oder vor allem in der Breite. Da merkt man als junger Spieler natürlich auch, dass es schwer wird, sich mit so vielen Topstars im Kader durchzusetzen."

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Jenseits der 20- und 30-Millionen-Grenze

Tatsächlich häuften sich in den letzten Jahren die fetten Transfers jenseits der 20- und sogar 30-Millionen-Grenze. Die Qualität des Kaders wurde parallel zu den Ansprüchen sukzessive erhöht, sodass die Möglichkeiten auf Einsatzzeiten für junge Talente per se geringer wurden.

Zumal auch Perspektivspieler inzwischen von außerhalb kommen. Dass ein 35 Millionen Euro schwerer Renato Sanches eher Spielpraxis bekommt, liegt nahe.

Doch warum sah sich der FC Bayern in den vergangenen Jahren für eben diese Spieler-Kategorie überhaupt auf dem Transfermarkt um? Warum wurden Kimmich, Sanches oder Kurt verpflichtet? Transfergebaren, das nahelegt, dass man dem eigenen Nachwuchs nicht zutraut, adäquate Ergänzungen auf den jeweiligen Positionen zu sein.

Dürreperiode der A-Junioren

Die Ergebnisse der Münchner A-Junioren in den vergangenen Jahren unterfüttern diese These. Der letzte deutsche Meistertitel der ältesten Nachwuchsklasse liegt bereits 13 Jahre zurück. Und auch in der Süd/Südwest-Staffel ging die Tendenz in den vergangenen Jahren nach unten.

Seit der Staffelmeisterschaft 2013 landete man auf den enttäuschenden Platzierungen sechs, fünf und acht. Dreimal in Folge hat sich zuletzt die TSG 1899 Hoffenheim den Staffelsieg gesichert.

Auch das Abschneiden in Europa unterstützt Hoeneß' These, dass man derzeit "absolut nicht" an der Spitze ist. Seit der Einführung der UEFA Youth League 2013 gelang es kein einziges Mal, die Gruppenphase zu überstehen.

Die Gründe sind vielschichtiger Natur. Dass die Zweitvertretung der Münchner seit dem Abstieg aus der 3. Liga seit 2011 nur noch in der Regionalliga spielt, ist etwa zumindest kein Argument im Werben um Talente.

Dickes Argument

Ein dickes Argument soll zukünftig das neue Nachwuchsleistungszentrum sein, für das die Bayern am 16. Oktober 2015 den Grundstein legten. Bis Sommer 2017 entsteht an der Ingolstädter Straße auf 30 Hektar das Gelände mit einer neuen Akademie.

Für Dremmler ist die infrastrukturelle Verbesserung ein wichtiger Schritt: "Damit stellt der Klub in Europa endlich auch für die Jugend das dar, was wir bisher nur durch Spieler wie Lahm, Schweinsteiger oder Müller geschafft haben."

Bei BFV.tv sprach auch Hoeneß vom "schönsten Nachwuchszentrum Deutschlands, vielleicht in Europa" und knüpfte das Projekt zugleich an Forderungen: "Wenn man so ein tolles Ding hat, dann muss man demnächst auch alle drei Jahre einen Spieler für die erste Mannschaft rauskriegen und dazu müssen wir alle miteinander besser arbeiten. Wir müssen uns daran messen lassen, wie die Situation in fünf Jahren ist."

Steine und Beine

Das bröckelnde Fundament, die "Schwachstelle des Vereins", soll mit Beton zugeschüttet werden. Neben der Investition in Steine wollen die Bayern angeblich aber auch in Beine investieren.

Am Wochenende kamen heiße Gerüchte auf, in welche Expertise die Münchner neben den infrastrukturellen Neuerungen angeblich investieren möchten. Nach Informationen von Sport 1 ist Red Bulls Akademie- und Nachwuchsleiter Ernst Tanner Favorit, den FC Bayern als Sportlicher Leiter des Nachwuchsleistungszentrums in die Zukunft zu führen.

Berührungsängste jedenfalls kann man Tanner nicht unterstellen. Angesprochen auf den Kampf der RB-Vereine mit den Münchnern um Talente, sagte er kürzlich im Interview mit SPOX: "Gegen Bayern brauche ich keine Argumente. Wenn man sich die Jugend des FCB anschaut, erklärt sich das von alleine. Und in Sachen Durchlässigkeit haben die Bayern keine Chance gegen uns."

Nicht nur wegen seiner klaren Kante scheint Tanner geeignet für den Job, auch seine Referenzen sprechen für sich. Als Nachwuchskoordinator beim Lokalrivalen 1860 München entdeckte er zahlreiche Talente, später legte er den Grundstein der starken Jugendarbeit in Hoffenheim - wie erwähnt zuletzt dreimal in Serie A-Jugend-Meister in der Süd/Südwest-Staffel.

Mittlerweile ist Tanner Nachwuchschef bei Red Bull Salzburg, hat also auch indirekt mit dem Aufschwung des Bayern-Konkurrents RB Leipzig zu tun. Die oft zitierte "Schwächung der Konkurrenz" käme also zumindest indirekt on top.

Schlüsselposition im Verein

Darüber hinaus geistert der Name Jochen Sauer durch München. RB Salzburgs General Manager Commercial soll Tanner als zweiter starker Mann an die Seite gestellt werden, wie Sport 1 weiter ausführte.

Ob die gehandelten Personalien nun tatsächlich die neue Doppelspitze der Bayern werden oder nicht: Künftig soll der Sportliche Leiter des Nachwuchszentrum eine Schlüsselposition im Verein werden. Dafür steht Uli Hoeneß höchstselbst ein.

Der alte, neue Präsident hat nämlich bereits kurz nach Amtsantritt klar gemacht: Er will anpacken, damit nicht nur die Profimannschaft an Europas Spitze stürmt, sondern auch die Junioren Maßstäbe setzen.

Das erklärte Ziel: Aus der Schwachstelle des Vereins soll ein solides Fundament werden.

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