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Fussball

Clemens Fritz vom SV Werder Bremen im Interview: "Über das Angebot von Atletico habe ich lange nachgedacht"

Von Jochen Tittmar

Clemens Fritz kann man getrost als Legende des SV Werder Bremen bezeichnen: Der heutige Leiter des Lizenzbereichs und der Scouting-Abteilung spielte elf Jahre beim SVW und wurde nach seinem Karriereende 2017 zum achten Ehrenspielführer des Vereins ernannt.

Im Interview mit SPOX und GOAL spricht Fritz ausführlich über den Verlauf seiner Karriere und erinnert sich dabei an ein Essen mit Bruno Labbadia, seinen Fast-Wechsel zu 1860 München und vier Operationen in Folge.

Der 41-Jährige erzählt zudem von Tricks von Ronaldinho, der "Schulzeit" mit Didier Drogba und seinem Schokoladen-Konsum.

Herr Fritz, Ihre Mutter hat früher Kunstradfahren betrieben, Ihr Vater war Volleyballspieler in der 3. Liga. Er hätte es gern gesehen, wenn ihm sein Sohn nachfolgt. Ab wann musste er einsehen, dass dieser Wunsch unerfüllt bleibt?

Clemens Fritz: Wenn wir im Urlaub auf Rügen waren, habe ich beim Beachvolleyball mit meinem Vater und seinen Kumpels schon mitgemacht. Doch die Liebe zum Fußball war von Beginn an größer. Es war nie so, dass mich mein Vater Richtung Volleyball gedrängt hat. Wir hatten einen Bolzplatz quasi neben unserem Haus, da habe ich mit den Nachbarjungs meine Kindheit verbracht. Letztlich hat sich ein Klassenkamerad von mir bei Rot-Weiß Erfurt angemeldet. Das wollte ich dann auch.

Damals waren Sie sieben Jahre alt. Sie verbrachten Ihre gesamte Schulzeit auf einem Sportgymnasium in Erfurt. Wie sah dort Ihr Alltag aus?

Fritz: Er war komplett strukturiert. An zwei Wochentagen hatten wir vormittags in Kooperation mit dem Verein Fußballtraining. Ich weiß es noch ganz genau: Morgens erst zwei Unterrichtsstunden, die gingen immer bis 9.05 Uhr, dann sind wir nebenan zum Stadion gegangen und hatten meistens Techniktraining. Anschließend ging's wieder zur Schule, kurz Mittagessen und um 15.20 Uhr war Schluss. Danach stand normales Mannschaftstraining an, bei dem auch alle mitgemacht haben, die nicht aufs Sportgymnasium gingen. Dazu kam noch zweimal die Woche Schulsport mit der Klasse.

1997 sind Sie mit 16 zum VfB Leipzig gewechselt und zwei Jahre später wieder zurück nach Erfurt - weil beide Vereine zu den jeweiligen Zeitpunkten in finanziellen Schwierigkeiten steckten. Was war da genau los?

Fritz: Erfurt stand sogar vor der Insolvenz. Es war nicht einmal klar, ob es den Verein weiter geben wird. Deshalb musste ich eine Entscheidung treffen. Leipzig hat damals in der 2. Liga gespielt und sich sehr um mich bemüht. Dort ist man später ebenfalls in finanzielle Schieflage geraten. Dann hatte ich wieder dasselbe Problem. Damals stand ich übrigens auch das erste Mal mit Werder in Kontakt. Doch Erfurt ging es mittlerweile wieder deutlich besser und es war ohnehin stets mein Traum, dort bei der ersten Mannschaft zu spielen.

© spox
SPOX-Redakteur Jochen Tittmar traf Clemens Fritz im Werder-Trainingslager in Österreich.

Damals kamen Sie noch im Angriff zum Einsatz. Nachdem Sie in der Regionalligasaison 2000/2001 zehn Tore für Erfurt erzielten, gingen Sie zu Zweitligaaufsteiger Karlsruher SC. Ihr Freund Marco Engelhardt, der mit Ihnen auf dem Sportgymnasium war, ging mit. Wie war es für Sie, die Heimat zu verlassen?

Fritz: Nicht einfach. Mein Berater hat aber gesagt, wenn ich im Fußball weiterkommen will, muss ich jetzt langsam mal den nächsten Schritt machen. Von daher wurde ich so ein bisschen aus Erfurt herausgeschoben, sonst wäre ich wahrscheinlich heute noch dort. (lacht) Es war ein sehr glücklicher Umstand und hat uns beiden enorm geholfen, dass der KSC nicht nur mich, sondern auch Marco haben wollte.

In Karlsruhe wurden Sie auf Anhieb Stammspieler und spielten im Sturm neben Bruno Labbadia.

Fritz: Ich erinnere mich noch gut, dass Marco und ich relativ spät zum Trainingslager in Bad Wörishofen gestoßen sind. Auf einmal saß ich neben Bruno Labbadia beim Essen. Ich habe die ersten Tage kaum ein Wort rausbekommen. Bruno hat dann das Eis gebrochen, weil er merkte, wie zögerlich und zurückhaltend ich war. Auch Torsten Kracht, der aus Leipzig kam und zuvor schon in der Bundesliga spielte, wurde eine wichtige Bezugsperson. Bei ihm haben wir viele Champions-League-Abende verbracht, er hat dann immer für uns gekocht.

Nach zwei Jahren beim KSC wechselten Sie 2003 zu Bayer Leverkusen in die Bundesliga. Wie kam das zustande?

Fritz: Auch der KSC steckte damals in finanziellen Schwierigkeiten, so dass man für einen Wechsel von mir offen war. Ich hätte eigentlich gerne noch ein weiteres Jahr in der zweiten Liga gespielt, da ich Schritt für Schritt machen wollte. Leverkusen hatte großes Interesse und wollte mich gerne holen. Die hatten damals eine sehr starke Truppe. Da habe ich mich schon gefragt, ob ich da zum Einsatz kommen werde.

Die Frage scheinen Sie letztlich für sich beantwortet zu haben.

Fritz: Der Plan war, dass ich nach Leverkusen gehe und direkt innerhalb der Bundesliga für ein Jahr zu Arminia Bielefeld ausgeliehen werde. Ich wollte allerdings weiter unbedingt in Karlsruhe bleiben. Ich weiß noch, wie Reiner Calmund damals bei der WM 2002 in Südkorea war, ich in Karlsruhe und wir im Austausch waren. Irgendwann hat man sich so geeinigt, dass Bayer mich gekauft hat, der KSC das nötige Geld erhielt und ich noch ein Jahr per Leihe dortbleiben durfte.

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Clemens Fritz im Oktober 2001 im Trikot von Rot-Weiß Erfurt.

In Leverkusen war Klaus Augenthaler Ihr Trainer. Wie erinnern Sie sich an ihn?

Fritz: Wir haben in meinem ersten Training in Zweierteams ein bisschen Technik gemacht und ein paar Flanken geschlagen. Damals war Confed Cup, wir waren vielleicht zehn Spieler. Er kam dann zu mir und sagte: 'Clemens, du machst mit mir.' Ich fand seine Schusstechnik sehr beeindruckend. Nach dem Training hat er sich oft noch einen Torhüter geschnappt und die Dinger nur so in den Giebel gezimmert. Das war schon Wahnsinn. Auch in diesem Alter war er noch ein sehr feiner, sauberer Fußballer.

Wie lief's denn dann für Sie im Zweierteam mit Augenthaler?

Fritz: Ich war total nervös und habe keine guten Bälle geschlagen. Ich weiß auch nicht, aber Leverkusen stand im Jahr zuvor noch im Champions-League-Finale. Ich fühlte mich noch so wie der Junge aus der 2. Liga. Ich hatte im ersten halben Jahr auch eine schwierige Zeit mit wenigen Einsatzminuten und wollte mich gerne verleihen lassen, damit ich mehr Spielpraxis erhalte.

Wieso hat das nicht geklappt?

Fritz: Hertha BSC und 1860 München wollten mich ausleihen, mit den Löwen war ich eigentlich schon einig. Da aber zwischen den Vereinen noch nicht alles fix war, flog ich erst einmal mit dem Team noch ins Trainingslager nach Marbella. Dort meinte Klaus Augenthaler, ich soll Gas geben und den Respekt vor meinen Mitspielern ablegen - denn den hatte ich durchaus. Ich habe daraufhin eine gute Vorbereitung gespielt, war im Kopf aber schon bei 1860. Rainer Calmund hat mich dann aber doch eher in Leverkusen gesehen, so dass die Leihe nicht zustande kam.

Ihr Debüt in der Startelf ließ anschließend auch nicht mehr lange auf sich warten.

Fritz: Das stimmt, aber zunächst war ich völlig perplex. Wir spielten in Freiburg, hatten Verletzungsprobleme und ein paar Jungs aus der zweiten Mannschaft dabei. Von denen wurden dann auf einmal zwei eingewechselt - und ich blieb auf der Bank. Da habe ich gedacht: Was machen die denn mit mir? Aber: Vor dem dritten Spiel der Rückrunde in Hannover kam Klaus Augenthaler beim Mittagessen am Buffet zu mir und fragte, ob ich bereit sei. Da ließ er mich dann erstmals rechts hinten ran. Ich habe ordentlich gespielt. Danach hat er mir mehr Vertrauen geschenkt und ich kam regelmäßiger zum Einsatz.

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Clemens Fritz spielte zwei Jahre für den Karlsruher SC.

Nur neun Monate nach Ihrem Bundesligadebüt brachen Sie sich am 24. Juli 2004 in einem Vorbereitungsspiel gegen Rot-Weiß Essen das linke Wadenbein. Die Sache verkomplizierte sich letztlich derart, dass Sie vier Mal operiert werden mussten. Was war genau passiert?

Fritz: Unser Mannschaftsarzt hat mich operiert und danach gleich gesagt, dass eine weitere OP folgen muss. Zehn Tage später lag ich schon wieder unter dem Messer. Nach zweieinhalb Monaten Reha, ich war bereits am Laufen, war mein Fuß immer dick geschwollen. Ich sollte mich daher für eine Woche bei Klaus Eder in Donaustauf behandeln lassen. Daraus wurden schließlich vier Monate.

Sie sind vor der dritten Operation zu Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt nach München gefahren. Wie sah dessen Prognose aus?

Fritz: Es hieß, da stimmt irgendetwas nicht. Müller-Wohlfahrt stellte fest, dass die Platte nicht richtig fixiert ist, ich eine Entzündung im Sprunggelenk habe und sich auch eine Arthrose entwickeln könnte. Da ist für mich eine Welt zusammengebrochen.

Clemens Fritz: Die Stationen seiner Profikarriere im Überblick

VereinZeitraumPflichtspieleToreVorlagen
VfB Leipzig1998-19996--
Rot-Weiß Erfurt1999-20015915-
Karlsruher SC2001-20036374
Bayer 04 Leverkusen2003-20064923
Werder Bremen2006-2017363834

Seite 1: Fritz über Essen mit Labbadia, den Fast-Wechsel zu 1860 & vier OPs in Folge

Seite 2: Fritz über Tricks von Ronaldinho, die EM-Nervosität und Werders Absturz

Seite 3: Fritz über Schulbank drücken mit Drogba und seinen Schokoladen-Konsum

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