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Fussball

FC Bayern: "Mann des Jahres!" Wie Sven Ulreich einst zum Helden wurde

Von Fatih Demireli

Sven Ulreich kehrte im Sommer zurück zum FC Bayern und steht wegen Manuel Neuers Quarantäne wieder im Tor des Rekordmeisters. Das Vertrauen in den inzwischen 32-Jährigen ist groß. Das liegt auch an einer Zeit, die fast im WM-Tor Deutschlands endete.

Wenn man Oliver Kahn fragt, was er aus seinen Fehlern als Torwart gelernt habe, muss man dem inzwischen zum Vorstandsvorsitzenden des FC Bayern aufgestiegenen Titan Zeit geben. Weil es ihm nicht sofort einfällt. Und dann kommt er zur Erkenntnis, dass er nichts gelernt hat. "Überspitzt formuliert lerne ich aus Fehlern höchstens, wie ich etwas nicht machen soll", sagte Kahn mal im Interview mit dem Socrates Magazin.

Einen besonders großen Fehler machte er im WM-Finale 2002, als er Schuss von Rivaldo nicht festhalten konnte und Ronaldo den Rebound verwandeln konnte. "Was hätte ich für mich da lernen sollen? Dass ich beim nächsten Mal den Ball von Rivaldo festhalte? Das ist ja eine bahnbrechende Erkenntnis", so Kahn. Es gab durchaus noch andere Torwart-Fehler dieses Kalibers. Wie Toni Schumacher 1986 im Finale gegen Argentinien.

Genau diese beiden Fehler wurden im Mai 2018 einige Male in Erinnerung gerufen. Schuld daran war Sven Ulreich, der im Champions-League-Halbfinale gegen Real Madrid einen Rückpass von Corentin Tolisso falsch einschätzte und so Karim Benzema ein Tor zum 1:2 bescherte. Der FC Bayern verpasste auch deswegen den Einzug ins Finale der Champions League und Ulreich bekam die Wucht der Kritik über viele Tage zu spüren.

Bayerns Ulreich: Über acht Monate fehlerfrei - und dann das...

Dass Ulreich überhaupt diesen Fehler machen durfte, lag auch an einem Spiel im Bernabeu. Beim Viertelfinal-Rückspiel gegen Real am 18. April 2017 zog sich Neuer einen Haarriss am linken Mittelfuß zu und fiel damit für den Rest der Saison aus. Neuer wurde von Ulreich vertreten. Neuers Rückkehr dauerte nur kurz, denn am 18. September 2017 erlitt er erneut einen Mittelfußbruch und fiel wieder bis Saisonende aus. Bis auf den miserablen Abend von Madrid, als Ulreich ansonsten eigentlich recht bravourös hielt, wurde Ulreich zum absoluten Leistungsträger beim FC Bayern.

Ulreich war auch schon damals reif genug, um die Situation richtig einzuschätzen: "Ich habe einen Fehler gemacht, das steht außer Frage. Aber ich war acht Monate zuvor beinahe fehlerfrei gewesen, habe eine gute Saison gespielt. Bei einer solchen Situation muss man in Millisekunden entscheiden. Ich habe in dieser Situation falsch reagiert."

Die anschließende Negativberichterstattung ließ Ulreich kalt. "So ist das eben oft im Sport. Man kann tausend gute Taten machen, aber die eine schlechte, die bleibt am Ende bei vielen Menschen eher hängen. Das ist schade, aber auch das gehört zum Fußball dazu." Während außerhalb des Klubs die Kritik groß war, schützte man intern Ulreich mit allem, was ging. Man wusste es zu schätzen, dass Ulreich in höchster Not über einen längeren Zeitraum den weltbesten Torhüter nahezu vergessen ließ. Fast 20-mal blieb er ohne Gegentor.

Sven Ulreich: Nur unter Carlo Ancelotti unglücklich

Für Uli Hoeneß war Sven Ulreich gar "der Mann des Jahres". "Er hat dem FC Bayern unheimlich geholfen, damit diese Wende klappte. Er muss seinen Vertrag unbedingt verlängern", sagte Hoeneß Anfang August 2018. Und natürlich gab es kurze Zeit später die Unterschrift - der Lohn für die großartige Arbeit. "Er ist da und macht Dinge, die nicht zum einfachen Torwart-ABC gehören", sagte Thomas Müller über seinen Kollegen, der seit seiner Ankunft in München im Jahr 2015 stets großen Respekt genoss.

Nur eine kurze Phase gab es, als sich Ulreich in München unwohl fühlte: unter Carlo Ancelotti. Retter Ulreichs wurde Nachfolger Jupp Heynckes. "Es war brutal wichtig, dass Heynckes mir Selbstvertrauen gab und sein Vertrauen aussprach. Davor war es wirklich so, dass Carlo Ancelotti nicht auf mich stand, wenig Vertrauen in mich hatte, wenig kommunizierte", sagte Ulreich mal dem kicker. Ulreich patzte, wirkte unsicher - mit Heynckes war er wieder #SvenTheWall, wie ihn die Social-Media-Abteilung des FC Bayern inszenierte. Noch mehr: Er wurde als Kandidat für die WM 2018 gehandelt. Neuer war immer noch nicht fit, Ulreich dagegen spielte beständig stark und auch der Bundestrainer lobte den früheren Stuttgarter öffentlich.

"Sven Ulreich zeigt in den letzten Monaten ansprechende Leistungen für die Bayern. Er ist im Eins-gegen-Eins sehr stark und hat sich bei den Bayern auch fußballerisch verbessert", sagte Löw und fügte: "Er ist im Blickfeld für die WM 2018 in Russland." Auch Müller und andere Kollegen setzten sich für einen WM-Torwart Ulreich ein, aber Löw entschied sich am Ende für Kevin Trapp als dritten Torhüter. Anerkennung gab es dagegen von den Fans des FC Bayern, die ihm zum Spieler der Saison wählten. Vor Robert Lewandowski, Thomas Müller und Co. Er ist der Prototyp eines Fan-Lieblings. Ein leiser Held, von 0 auf 100 zur Stelle, wenn es sein muss.

© getty
Mit Sven Ulreich im Tor erreichte der FC Bayern das Champions-League-Halbfinale 2018

Toni Tapalovic sorgt für Ulreich-Rückkehr

Entsprechend groß war die Freude bei den Anhängern des Rekordmeisters als Ulreich zu Beginn dieser Spielzeit an die Säbener Straße zurückkehrte. Alexander Nübel, dessen Ankunft einst dafür sorgte, dass Ulreich sich umorientierte, wurde für zwei Jahre nach Monaco verliehen und "Ulle" kam zurück als Neuer-Vertreter. Beim Hamburger SV spielte er zwar regelmäßig, aber als der Aufstieg nicht klappte, wollte er sich ein weiteres Jahr in der 2. Liga "nicht antun". Als die Bayern sich nach einer Lösung als Nübel-Ersatz Gedanken machten, preschte Torwart-Trainer Toni Tapalovic vor und riet den Bossen zur Rückholaktion von Ulreich.

Tapalovic ist nicht nur ein enger Vertrauter Neuers, sondern entwickelte auch zu Ulreich ein Vertrauensverhältnis. "Er hat viel Zeit in mich investiert", sagte Ulreich einst. Die Bayern-Bosse vertrauten Tapalovic und es kam ihnen gelegen, dass Ulreich gerade einen neuen Verein suchte und nun wieder eine verlässliche Größe im Kader haben.

Da sich Manuel Neuer im Malediven-Urlaub mit dem Coronavirus angesteckt hat, stand Ulreich beim Rückrundenauftakt gegen Borussia Mönchengladbach wieder im Tor des FC Bayern stehen. Die glücklichste Figur machte er bei den Gegentoren nicht, aber dennoch: Für Julian Nagelsmann ist es bei unzähligen Ausfällen, die kleinste Personalie, die ihm Sorgen bereitet. Schon in der schwierigen Sommervorbereitung mit vielen Ausfällen war Ulreich ein wichtiger Ansprechpartner. Im Testspiel gegen den 1. FC Köln gab er ihm sogar die Kapitänsbinde.

Dass er bei seinem Comeback hier und da Orientierungsschwierigkeiten hatte, wird er verarbeiten. Wenn man Sven Ulreich fragen würde, was er aus seinen Fehlern als Torwart gelernt habe, muss er nicht lange überlegen. Er kann sich ganz gut einschätzen.

Sven Ulreich: Leistungsdaten beim FC Bayern

WettbewerbSpieleGegentoreSpiele ohne Gegentor
Bundesliga464316
Champions League13154
DFB-Pokal12193
DFL-Supercup12-
Gesamt727923

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