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Fussball

VfB-Präsident Claus Vogt im Interview: "Vielleicht ist es bei Thomas und mir wie in einer guten Ehe"

Von Florian Regelmann

 

Alle Fußball-Fans haben vor kurzem einen Sieg gefeiert - es geht natürlich um die Super League. Wie haben Sie dieses Chaos verfolgt?

Vogt: Was ein Wahnsinn. Aber wie gut und wichtig war es, die Power der Fans zu sehen - und zwar die breite Masse aller Fans. Was mich am meisten an dieser Super League schockiert hat, waren zwei Punkte. Zum einen die Bosse und Besitzer der Top-12. Diese Typen meinen doch tatsächlich, dass sie der Verein sind. Das sind sie natürlich nicht. Und zum anderen die Tatsache, dass so große und wichtige Persönlichkeiten wie Jürgen Klopp oder Pep Guardiola genauso überrascht waren und einfach übergangen wurden. Aber das sagt viel über diese Klubbosse aus. Jetzt haben sie wenigstens die Dunkelgelbe Karte bekommen und werden es sich in Zukunft zweimal überlegen, ob sie es nochmal wagen.

Aber sie werden es garantiert nochmal wagen, die Super League wird eines Tages kommen, oder glauben Sie wirklich, dass man sie dauerhaft verhindern kann?

Vogt: Ja, ich gebe diese Hoffnung nicht auf. Viele haben mir gesagt, dass ich in Rekordzeit komplett desillusioniert sein werde, sobald ich VfB-Präsident bin. Aber das ist nicht der Fall. Ich stehe weiter für Glaubwürdigkeit, Bodenständigkeit und Verlässlichkeit ein. Und ich bin davon überzeugt, dass auch wieder einiges in eine andere Richtung umgekehrt werden kann. Nehmen wir die Champions-League-Reform.

Die UEFA hat den Fußball gerettet, wir sollten ewig dankbar sein.

Vogt: (lacht) Absolut. Plötzlich stand die UEFA dank der Super League wie ein Gralshüter da - wie schizophren! Aber vielleicht kommen dort eines Tages auch wieder vernünftige Menschen an die richtigen Positionen, die das Ganze wieder reduzieren, statt das Rad immer weiter zu drehen mit noch mehr Spielen und noch mehr Gier. Und das heißt nicht, dass man dann kein Geld verdienen kann. Man hätte auch einen Europapokal der Landesmeister so ausgestalten können, dass er wirtschaftlich interessant gewesen wäre. Vielleicht merken auch in England jetzt einige, wie schlecht es ist, von einem Besitzer abhängig zu sein.

Vogt: "Bayern und Dortmund würden sich selbst schaden"

Wenn Bayern und Dortmund die Bundesliga verlassen würden, hätten wir immerhin wieder einen spannenden Wettbewerb.

Vogt: Wenn Bayern und Dortmund die Bundesliga verlassen würden, würden sie sich selbst schaden und schwächen. Das wissen sie auch. Sie haben Recht, dass wir im Moment keinen wirklichen sportlichen Wettbewerb haben in der Bundesliga. Wir haben einen wirtschaftlichen Wettbewerb. Da müssen wir ansetzen. Wir müssen das Thema Salary Cap endlich ernsthaft angehen. Wir müssen für eine fairere Verteilung der TV-Gelder sorgen, weil es nach wie vor nicht passt.

Was überhaupt niemand thematisiert, ist der Jugend- und Amateurfußball, der aufgrund der Pandemie am Boden liegt. Haben die Profiklubs hier nicht eine Verantwortung, zu helfen?

Vogt: Ja, das ist ein Thema, das angesprochen gehört. Solidarität hört nicht nur in der eigenen Liga auf. Wir müssen uns um den Unterbau kümmern, um die fußballerische Vielfalt. Aus ihr schöpfen wir in den kommenden Jahren unseren Nachwuchs.

Für Sie und den VfB steht im Juli eine große Mitgliederversammlung mit vielen Wahlen an. Sie gehen als gefühlt sicherer Sieger in den Wahlkampf. Wie versuchen Sie, die nächsten Monate anzugehen?

Vogt: Ich will keinen Wahlkampf machen. Ich werde einfach meine Arbeit machen, viele Gespräche führen und so sein, wie ich bin. Ruhig, bescheiden, demütig. Die Mitglieder sollen nach dem entscheiden, was geleistet wurde und was sie sehen. Es ist klar, dass es eine richtungsweisende Mitgliederversammlung wird. Ich wünsche mir, dass im Vorfeld alles sauber und fair abläuft. Dass keine schmutzigen Kampagnen gefahren werden, das hatten wir in der Vergangenheit leider zu oft. Der VfB ist jetzt wieder auf einem sehr guten Weg. Den sollten wir nun konsequent und mit Kontinuität weitergehen.

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Claus Vogt und Thomas Hitzlsperger bei der gemeinsamen Pressekonferenz zur Datenaffäre.

Vogt: "e.V. und AG müssen sich auf Augenhöhe begegnen"

Was macht Claus Vogt in fünf Jahren? Was ist Ihre ideale Vorstellung?

Vogt: Ich habe es mir abgewöhnt, zu weit im Voraus zu planen. Vor fünf Jahren hätte ich nie gedacht, dass ich heute VfB-Präsident sein würde. Das war nie der Plan. Ich versuche, sehr bewusst im Hier und Jetzt zu leben, aber ich mache auch keinen Hehl daraus, dass ich sehr gerne noch lange Präsident dieses Klubs wäre. Und wenn wir sportlich die nächsten fünf Jahre so eine Saison frei von Abstiegssorgen spielen würden wie aktuell, würde ich das sofort unterschreiben.

Die sportliche Entwicklung ist die eine Sache, den VfB zu einem modernen Traditionsverein zu machen eine andere. Tradition hat eine unheimliche Kraft, kann aber auch lähmen. Thomas Hitzlsperger hat angedeutet, dass gerade dieser Konflikt für die Unruhe verantwortlich war. Hat er Recht?

Vogt: Thomas hat insofern Recht, als wir den e.V. professionalisieren müssen. Wenn eine hochprofessionelle AG einem amateurhaften e.V. gegenübersteht, ist das ein Missverhältnis, das unweigerlich zu Spannungen führt. Wir müssen uns auf Augenhöhe begegnen, um wirklich fruchtbar im Sinne des VfB zusammenarbeiten zu können. Da haben wir noch Nachholbedarf, definitiv. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass der VfB ein junges Unternehmen ist. Die Ausgliederung ist erst vier Jahre her. Und auf der anderen Seite stehen 127 Jahre e.V.-Tradition. Frankfurts Präsident Peter Fischer hat mir erzählt, dass es bei ihnen zehn Jahre gedauert hat, bis es alles zusammengewachsen ist.

Aktuell bietet beim VfB vor allem die Mannschaft dank Spielern wie Sasa Kalajdzic, Silas Wamangituka oder Gregor Kobel extrem viel Identifikationspotenzial. Wie kann der VfB unabhängig von Spielern, die kommen und gehen, sicherstellen, dass die Fans dauerhaft wieder dem Klub nahestehen?

Vogt: Wir müssen es schaffen, dass die Menschen ein Zugehörigkeitsgefühl zum VfB haben wie bei einer Familie. Der VfB muss ein Verein sein, zu dem man gerne dazu gehört. Weil der VfB in der Stadt, in der Region und in der Gesellschaft Werte vertritt und sich klar zu ihnen bekennt. In einer Familie schätzt man sich, man kann aber auch gut miteinander diskutieren und mal kritische Worte sagen. Das Sportliche wird immer eine extreme Bedeutung haben, aber der VfB muss mehr sein als Platz sechs, neun oder elf. Wenn wir es richtig machen und uns so verhalten, dass die Fans gerne zu ihrem VfB kommen, lässt sich das Sportliche sogar ein wenig davon entkoppeln. Gott sei Dank haben die meisten Menschen ein sehr feines Gespür dafür. Es liegt nur an uns.

Seite 1: Vogt über das Verhältnis zu Hitzlsperger und eine fehlende Fehlerkultur

Seite 2: Vogt über einen zweiten Investor und nicht nachvollziehbare Kritik

Seite 3: Vogt über Super-League-Schizophrenie und ein gefährliches Missverhältnis

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