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Fussball

Kommentar zum Machtkampf beim VfB Stuttgart: Hitzlspergers Tabubruch würde das letzte Versprechen brechen

Von Filippo Cataldo

Thomas Hitzlsperger hat beim VfB Stuttgart eine erstaunliche Funktionärskarriere hingelegt. Mit seinem gefährlichen Griff zur totalen Macht steht er nun für einen alten VfB Stuttgart, den Präsident Claus Vogt überwinden wollte. Gewinnen kann den Machtkampf nun keiner von beiden mehr. Ein Kommentar.

Ungeachtet der Frage, ob ein amtierender Vereinspräsident im deutschen Fußball schon mal vom höchsten Klub-Angestellten verbal geradezu hingerichtet wurde wie VfB-Präsident Claus Vogt am Mittwoch von Stuttgarts Vorstandsvorsitzenden, Sportvorstand und Möchtegern-Präsidentschaftsbewerber Thomas Hitzlsperger: In mindestens zwei Punkten irrt Letztgenannter gewaltig.

Erstens: Mit seiner Bewerbung für die Kandidatur um das Präsidentenamt des VfB Stuttgart und dem damit verbundenen Griff nach der absoluten Macht beim Aufsteiger hat der frühere Nationalspieler den Schwaben weit mehr als den von ihm beschriebenen "Kratzer" für das "Image des VfB" zugefügt. Ein Kratzer sei "besser als ein Totalschaden", schrieb Hitzlsperger, während er den Karren mit der Zündung der ultimativen Eskalationsstufe selbst mit Karacho gegen die Wand fuhr.

Sollte der Vereinsbeirat seine Kandidatur zulassen, droht dem VfB wirklich die Spaltung. Noch mehr, würde Hitzlsperger dann noch gewählt werden. Sollte der Vereinsbeirat Hitzlspergers Ansinnen ablehnen, könnte Hitzlsperger womöglich zurücktreten; der VfB würde so einen sehr fähigen Vorstandsvorsitzenden verlieren. Hitzlsperger hat den VfB in eine unmögliche Position manövriert.

Zweitens: Claus Vogts Bilanz in seinem ersten Jahr mag ausbaubar sein, er wirkt nicht immer gut beraten. Doch dass er (vielleicht als erster VfB-Präsident) sein Amt auch als Kontrolleur des Vorstands versteht und unbequeme Fragen stellt, ist schlicht das satzungsgemäße Recht und sogar die Pflicht des Präsidenten. Wenn Hitzlsperger dies als lähmend empfindet und ihm als Alternative nur einfällt, selbst nach der kompletten Macht zu streben, sollte er sein Demokratieverständnis hinterfragen.

Hitzlsperger hat in den vergangenen vier Jahren eine erstaunliche Funktionärskarriere hingelegt. Der Ex-Profi stieg vom Vorstandsberater zum Präsidiumsmitglied, zum Jugendleiter, zum Sportvorstand und letztendlich zum Vorstandsvorsitzenden auf.

Immer wieder betonte er, noch längst nicht alles zu wissen und schnell lernen zu wollen. Das war sympathisch und erfrischend anders. Und er lernte ja schnell. Nun steht er aber, ob er das wollte oder nicht, für den alten VfB Stuttgart. Für den nicht gerade sympathischen, streitsüchtigen VfB von vorgestern. Für einen VfB, dem egal ist, welcher Chef das Geld verbrennt, solange der sich als starker Mann präsentiert. Für einen VfB, den Vogt überwinden wollte.

VfB Stuttgart: Nichts anderes als ein Putschversuch

Hitzlspergers Sorgen um den Klub müssen ebenso groß wie dringlich sein. Sein Schritt zeigt aber auch, dass er den Klub so führen möchte, wie er einst gespielt hat: mit dem Hammer. Ohne Rücksicht auf Verluste. Nur, dass in diesem Fall keiner gewinnt und der VfB mal wieder alles zu verlieren droht.

Hitzlsperger und mit ihm "der gesamte Vorstand der AG, zahlreiche Gremienmitglieder aus Präsidium, Aufsichtsrat und Vereinsbeirat sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter" mögen zu dem Schluss gekommen sein, dass Vogt profilierungssüchtig, entscheidungsschwach, unkommunikativ, kurz: völlig inkompetent und als Präsident eine völlige Fehlbesetzung sei.

Doch es liegt nicht an ihnen, den bei den Mitgliedern und Fans äußerst populären Unternehmer aus dem Amt zu jagen. Vor allem darf die Alternative zu Vogt nicht Hitzlsperger in einer Allmachtfunktion als CEO der AG und Präsident des Hauptgesellschafters der AG lauten. Was Hitzlsperger und seine Unterstützer aus dem Aufsichtsrat und Präsidium anzetteln, ist nichts anderes als ein Putschversuch.

Vogts Vermutung, dass vor allem der Streit über den richtigen Umgang mit dem Skandal um missbrauchte Mitgliederdaten - eine unsägliche Begleiterscheinung des Ausgliederungsprozesses 2017, an dem hochrangige VfB-Funktionäre beteiligt gewesen sein sollen - hinter der Eskalation steht, liegt nahe und scheint plausibel.

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VfB: Vogt wurde gewählt, weil er Laden aufmischen wollte

Hitzlspergers avisierte Doppelfunktion ist rechtlich möglich, solange er nicht dem Aufsichtsrat angehört. Doch sie widerspricht natürlich fundamental dem Geist der VfB-Satzung.

Sein Tabubruch würde auch das letzte Versprechen brechen, dass den Mitgliedern vom damaligen Präsidium Wolfgang Dietrich vor der Ausgliederung 2017 gemacht wurde. Nämlich dass es eine Gewaltenteilung geben und die Gremien kontrolliert werden würden.

Hitzlsperger aber würde sich, sollte er vom Vereinsbeirat tatsächlich zur Kandidatur zugelassen und dann auch gewählt werden, zumindest indirekt selbst kontrollieren können. Der Vereinspräsident Hitzlsperger würde schließlich die Menschen in den Aufsichtsrat entsenden, die den Vorstandvorsitzenden Hitzlsperger kontrollieren sollen.

Völlig absurd. Aber es entspricht eben irgendwie ebenjener alten VfB-Logik, die Vogt durchbrechen wollte. Der war 2019 mit dem Versprechen angetreten, Schluss zu machen mit der Hinterzimmerpolitik, mit dem ewigen Geklüngel der üblichen Verdächtigen im Stuttgarter Kessel und der allgegenwärtigen eigeninteressensgetriebenen Durchstecherei von Interna.

Vogt wurde gewählt, weil er den Laden mal so richtig aufmischen und so die Gräben zwischen Mitgliedern und Klub zuschütten wollte. Hitzlspergers Frontalangriff lässt vermuten, dass der Präsident in dem Punkt so viel nicht verkehrt gemacht haben kann.

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