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Wintersport

Marco Büchel im Interview: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir Rennen fahren“

Von Lukas Zahrer,
Tobias Ruf

 

Hätte Ihnen jemand vor der Saison gesagt, dass Aleksander Aamodt Kilde den Gesamtweltcup gewinnen würde, was hätten Sie gesagt?

Büchel: Ein spannender, legitimer Tipp, aber ich hatte ihn nicht auf der Rechnung. Ich sah nur einen Zweikampf zwischen Pinturault und Kristoffersen. Aber es war faszinierend, was Kilde gezeigt hat. Dass er im Riesenslalom die großen Punkte abräumt, war die große Überraschung. Die beiden Top-Favoriten haben währenddessen Schwächen gezeigt.

Bei den Frauen scheint es, dass die Spitze etwas näher zusammengerückt ist. Teilen Sie diesen Eindruck?

Büchel: Das ist schön zu sehen. Shiffrin war nicht über jeden Zweifel erhaben - auch vor ihrer Wettkampfpause. Da ist etwas passiert, ich weiß nicht genau, was. Brignone ist die perfekte Allrounderin. Vlhova war dazu gezwungen, auch mehrere Disziplinen zu fahren. Das wird sie in Zukunft vermehrt trainieren. Das nicht zu forcieren, wäre dumm.

Der ÖSV verzeichnete trotz des Kitzbühel-Triumphs und Premierensiegerin Nina Ortlieb eine ernüchternde Saison. Wie fällt ihr Fazit aus ÖSV-Sicht aus?

Büchel: Weit unter dem Wert geschlagen. Keine Mannschaft der Welt kann bei Frauen und Männern in jeder Disziplin Weltspitze sein. Der ÖSV war verletzungsgeplagt wie kein anderer Verband. Der Riesenslalom war die Sorgendisziplin. Marcel Hirscher hat das in den letzten Jahren überdeckt. Die Mannschaftsleistung wurde wegen seinen Erfolgen kulant weggeredet. Die Schwächen wurden jetzt schonungslos aufgedeckt. Der Unterbau hat mich enttäuscht, da kam nichts. Ich hoffe auf Anna Veith, dass sie zu alter Stärke zurückfindet. Dann müsste man sich bei den Technikerinnen keine Sorgen machen. Die Speed-Fahrerinnen haben Großteils unter ihren Leistungen performt.

Swiss Ski hat im Gegenzug eine perfekte Saison abgeliefert.

Büchel: Es ist der Lohn für die Arbeit der letzten Jahre. Es war ja eine Schmach, von Österreich in den letzten 30 Jahren vorgeführt worden zu sein. Der Skirennsport hat in der Schweiz ein unglaublich hohes Standing. Die Leistungen der Schweizer haben mich umgehauen. Sie sollen diesen Erfolg genießen. Wenn ich das Haar in der Suppe finden müsste: Wendy Holdener hat im Slalom nicht mehr die Konstanz der letzten Jahre gezeigt.

Marco Büchel: "Ich hatte manchmal höllische Angst"

Sie waren selbst 19 Jahre lang im Weltcup aktiv und nahmen an sechs Olympischen Spielen teil. Nach einer Panikattacke bei der WM 2009 entschieden Sie sich, nur noch eine Saison zu fahren. Braucht es im Weltcup mehr psychologische Unterstützung?

Büchel: Das ist eine persönliche Entscheidung. Ich arbeitete acht Jahre lang mit einem Sportpsychologen. Es macht keinen Sinn, dass der Verband etwas drüber stülpt und jedem einen Psychologen vor die Nase setzt. Zu Schwäche zu stehen ist eine schwierige Sache. Ich habe es selbst erlebt: Beim Start in Kitzbühel geben die Läufer das auch einmal offen zu. Nach außen vertritt man aber immer nur das Image eines Gladiators und spricht allerhöchstens von Respekt. Ich kann es als zurückgetretener Läufer ja zugeben: Ich hatte manchmal höllische Angst.

Heute sind Sie als ZDF-Experte tätig. Konnten Sie sich nicht vom Ski-Weltcup lösen?

Büchel: Ich fühle mich dabei wohl wie ein Fisch im Wasser. Daneben habe ich verschiedene Jobs, die mich auch erfüllen.

Unter anderem bei Right to Play, einer karitativen Einrichtung.

Büchel: Ich konnte mich verwirklichen, bin auf der Sonnenseite des Lebens aufgewachsen. Ich sehe es als Pflicht an, anderen zu helfen. Sehr viele Stiftungen fördern Kinder in der Schule. Mein Charakter wurde aber überwiegend durch Sport und Spiel geformt. Es gibt so viele Länder, in denen Grundregeln, die wir als selbstverständlich ansehen, kein Thema sind. Durch diese Sportprogramme werden diese Regeln spielerisch eingeführt.

Außerdem betreiben Sie eine Trainingsgruppe mit dem Namen Rotor. Was hat es damit auf sich?

Büchel: Es ist ein Trainingszentrum, vergleichbar mit einem Olympia-Stützpunkt aus anderen Ländern. Ich erkannte während meiner Karriere, dass es in Liechtenstein an solch einer Einrichtung fehlt. Da das verpasst wurde, wollte ich jenen Athleten, die den Sprung in eine Profikarriere wagen, einen Ort kreieren, eine Schaltzentrale für den Profisport. Wir betreuen mittlerweile 21 Sportler, etwa Tina Weirather oder Dario Cologna. Wir betreuen aber auch Tennisspieler, Judoka oder Triathleten.

Hinweis: Das gesamte Interview gibt es bei Après Ski - Der Alpin-Podcast zu hören.

Marco Büchel: Siege im Ski-Weltcup

Marco Büchel feierte vier Siege im Weltcup, je zwei in Abfahrt und Super-G.

JahrOrtDisziplin
2003Garmisch-PartenkirchenSuper-G
2005GrödenAbfahrt
2006Lake LouiseAbfahrt
2008KitzbühelSuper-G

Seite 1: Büchel über Corona-Gefahren und Finanzprobleme

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